Zwei Leserbriefe zum Beitrag "Das Bildungssytem Kita im digitalen Wandel" von Eva Reichert-Garschhammer, Kinderärztliche Praxis 4/2019, S. 241ff.

"Absurde Vorstellung – Zweijährige mit iPads unterwegs"

Ich hoffe, Sie (Anm. d. Red.: Frau Reichert-Garschhammer) haben den Artikel der Kinder- und Jugendpsychiater im Heft 4/2019 der Kipra genauso aufmerksam gelesen wie ich Ihren Artikel im gleichen Heft.

In beiden Artikeln ist viel von "Forschung" die Rede. Dabei ist es doch eigentlich eine Binsenweisheit, dass Kinder in den ersten Lebensjahren in der sogenannten "analogen" Welt lernen wollen und sollen, sich auszuprobieren, im wirklichen freien Spiel ihre reale Welt zu erforschen. In den ersten sieben Jahren entwickelt sich nach Jean Ayres die sensomotorische Entwicklung, aber sicher nicht mit Hilfe digitaler Medien. Es ist für mich als Kinderarzt eine geradezu absurde Vorstellung, dass Zweijährige mit iPads durch die Gegend laufen sollen wie Touristen durch die Natur oder durch das Museum.

Medienerziehung brauchen nicht unsere Kleinkinder, sondern deren Eltern, die immer mehr verlernen, mit ihren Kindern in der realen Welt zu spielen. Diese Eltern müssen wieder lernen, mit ihren Kindern zu spielen, zu malen, zu basteln, zu toben, zu springen, sich zu verkleiden, die Natur mit ihren Sinnen (und eben nichtmit dem iPad!!!) zu erleben, zu klettern, zu schwimmen, zu kicken usw.

Kinder brauchen Alternativen zu den technischen Medien, bis hinein in die Pubertät! Wenn Sie bereits im Kitaalter iPad und Co einführen, dann geben Sie den Eltern eine moralische Rechtfertigung, diese auch zu Hause so früh anzuschaffen. In der Realität werden sie dann aber mit diesen Geräten weitgehend allein gelassen.

Sie sind mit Ihren pädagogischen Idealvorstellungen weit entfernt von der Realität! Darüber hinaus zitieren Sie in Ihrer offensichtlichen Fähigkeit, sich die Dinge schön zu färben, falsch. Die Kultusministerkonferenz bezieht ihre Empfehlungen 2016 auf Schule und Hochschule, aber sicher nicht auf die Kitas! Und die Kinderärzte, namentlich Herr Büsching, hat sich in dem von Ihnen zitierten Artikel sehr kritisch geäußert, ist aber ganz sicher nicht im Namen der Kinderärzte auf Ihre Linie "umgeschwenkt".

Mich macht das Bestreben, Kitas zunehmend mit digitalen Mediengeräten auszustatten und deren Gebrauch zu fördern, sehr traurig, weil ich in den letzten Jahren schon unglaublich viele leidtragende Kinder und Jugendliche erlebt habe, die ein Opfer der hilf- und planlosen Eltern im Umgang mit der Medienabhängigkeit Ihrer Kinder mit all ihren Krankheitserscheinungen (Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Depression, Antriebshemmung, Tics, Konzentrationsstörungen, Lernleistungsstörungen, Schulverweigerung) geworden sind. Bei allen diesen Kindern hatte der digitale Medienkonsument im Kleinkindalter begonnen ...

Dr. Hendrik Crasemann, Kinder- und Jugendarzt, Bremen

Stellungnahme von Eva Reichert-Garschhammer:

Die Rückmeldung zu meinem Kipra-Artikel hat mich dankend erreicht und ich kann dazu wie folgt kurz Stellung beziehen:

Wenn Sie (Anm. d. Red.: Herr Dr. Crasemann) davon sprechen, dass Kinder vor allem in den ersten Lebensjahren dadurch lernen, dass sie in der realen Welt, in ihrer sozialen Umgebung alle ihre Sinne einsetzen, dann stimme ich Ihnen voll und ganz zu. Auch ich sehe durchaus, dass nichts die Dinge ersetzt, die sich für die Entwicklung von Körper und Geist von jungen Kindern als am besten erweisen, wie Bewegung, Sprechen, Spielen, Langeweile und Lernen, wie man mit Materialien umgeht – insbesondere in den entscheidenden frühen Lebensjahren eines Kindes. Medien und Technik sind und bleiben aber im Leben von Kindern von großer Bedeutung. Damit sich alle in der Familie und Gesellschaft gut entwickeln können, ist es notwendig, dass wir alle genauer darüber nachdenken, wie, wann und warum digitale Technologien mit ihren Chancen eingesetzt werden, um das Leben zu verbessern und zu bereichern.

Wir wissen, dass in vielen Familien der Medienkonsum eingeschränkt werden sollte, dass viele Eltern Informationen für einen ausbalancierten Umgang mit Medien in der Familie benötigen. Wir wissen aber auch, dass Smartphone, Tablet und Spielekonsolen in fast allen Familien genutzt werden. Ein kleines Kind erlebt, wie wichtig dieses "Wischkästchen" ist, mit dem Mama und Papa und die älteren Geschwister ständig reden. Das muss ja eine besondere Bedeutung haben!

Wenn Kinder aber von klein auf auch in der Kita lernen, dass dieses "Wischkästchen" einfach nur ein Werkzeug ist, das man zu bestimmten Zwecken sinnvoll einsetzen kann, dann verliert dieses Ding auch seine Magie.

Ich habe in meinem Kipra-Artikel mich nicht mit einem Für und Wider den Einsatz neuer Technologien und Medien in der Kita auseinandergesetzt, sondern eher mit einer Beschreibung dessen, WIE sie für die Kinder nutzbringend eingesetzt werden können, und zwar mittels eines guten Risikomanagements in einem risikofreien Rahmen. Es ist jedoch nicht so, dass Kinder in der Kita nur noch vor Bildschirmen sitzen und sich nach der Berieselung durch eine Bilderbuch-App mit dem Farbenlernen in einer Lern-App beschäftigen. Es geht vielmehr darum, dass die neuen Kulturtechniken neue kreative Möglichkeiten bieten, die Welt aus einer nochmals ganz anderen Perspektive zu betrachten. Und welche Möglichkeiten das sind, das wollen wir in dem aktuell laufenden und wissenschaftlich begleiteten bayerischen Modellversuch "Medienkompetenz in der Frühpädagogik stärken" zusammen mit den 100 Modellkitas und 19 Medien-Coaches herausfinden.

Im Vergleich zur Schule hat die Kita den immensen Vorteil, dass sie täglich beim Bringen und Abholen der Kinder die Eltern erreicht, dass sie mit Eltern ins Gespräch kommen kann, wie ein kreativer, kritischer und sicherer Medienumgang bei jungen Kindern und dabei ein intelligentes Risikomanagement beim Thema Sicherheitseinstellungen, App-Auswahl, Online-Offline-Balance, Vorbildwirkung, ... aussehen kann. Wenn die Kita im Rahmen ihrer Bildungsarbeit mit Kindern zeigen kann, wie ein sinn- und maßvoller Medieneinsatz in der Kita gelingt, und zugleich auch Eltern-Kind-Aktionen im risikofreien, kreativen Umgang mit digitalen Medien in den Räumen der Kita anbietet, dann kommt sie mit Eltern in einen guten partnerschaftlichen Austausch, in dem sie auch Tipps geben kann, und dies wirkt sich, so unsere These, auch positiv auf den Medienumgang in den Familien aus. Unsere ersten Erfahrungen damit im Modellversuch bestärken diese These und wir bereiten gerade Praxisbeispiele aus den teilnehmenden Kinderkrippen auf, in denen das auch sichtbar wird.

Wenn Sie als Kinderärzte die Kitas auf diesem für uns in der digitalen Welt einzig gangbaren Weg unterstützen und mit uns an einem Strang ziehen, dann sind unsere Hoffnungen groß, die jüngste Generation beim Erlernen eines kompetenten Medienumgangs in guter Weise zu begleiten.

Die heutige Jugendlichen-Generation wurde bei diesem Thema weitgehend alleine gelassen und die negativen Auswirkungen, wenn pädagogische Begleitung ausbleibt, können wir an ihr bestens studieren. Daher unterstützen Sie uns, Kinder von Anfang in ihrer Medienkompetenz-Entwicklung gut zu begleiten und zu stärken und alle notwendigen Maßnahmen hierzu zu ergreifen.

Eva Reichert-Garschhammer,
Stellvertretende Institutsdirektorin und Abteilungsleiterin, Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP), München


"Flächendeckende pädagogische Experimente"

Der Beitrag von Frau Reichert-Garschhammer aus dem Staatsinstitut für Frühpädagogik in München hat mich enttäuscht. Nach einer stichpunktartigen Recherche der zitierten Studien oder Stellungnahmen bzw. der dort zitierten Publikationen, die angeblich einen sehr frühen Umgang mit digitalen Medien als sinnvoll erachten oder empfehlen sollen, kann man den Enthusiasmus der Autorin nicht nachvollziehen. Die meisten Publikationen betreffen lediglich Befragungen zur Häufigkeit des Vorhandenseins oder des konkreten Einsatzes mobiler Medien in Schule, Kindergarten oder Kindertagesstätte. Studien zu den Auswirkungen der digitalen Medien beziehen sich fast ausschließlich auf Vorschul- und Schulkinder. Zu den Effekten in der Kitazeit werden einzelne aktuelle Projekte angeführt, deren Ergebnisse noch nicht vorliegen; ihr Studiendesign scheint mir auch nicht geeignet, verlässliche Aussagen zu generieren.

Es sollen also Kinder wieder einmal flächendeckend pädagogischen Experimenten ausgesetzt werden, wie das seit Jahrzehnten in der deutschen Schulpädagogik üblich ist, aber in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase.

Prof. i. R. Dr. Dieter Karch,
Ehem. Leitender Arzt der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie, Maulbronn

Stellungnahme von Eva Reichert-Garschhammer:

Bildungsauftrag und pädagogische Qualität von Kitas leiten sich allein vom Kind ab, von seiner Lebenswelt, seinen Bedürfnissen und verbrieften Rechten. Das digitale Umfeld, in dem Kinder heute aufwachsen, prägt ihr Leben von Geburt an. Die intuitiv bedienbare Oberfläche mobiler Medien, mit denen Kinder in ihrer Familie in Berührung kommen, macht es ihnen leicht, die für sie faszinierende digitale Welt immer früher zu erobern, was mit Chancen und Risiken für sie verbunden ist. Aufgrund dieser Faktenlage gewinnt der Medienbildungsauftrag von Kitas, auf den sich die Jugendminister bereits vor 15 Jahren(!) verständigt haben und der in den Bildungsplänen aller Länder verankert ist, an Bedeutung und Gewicht:

  • Kitas stehen heute in der Verantwortung, bereits junge Kinder schon sehr früh und in partnerschaftlicher Kooperation mit deren Eltern entwicklungsangemessen darin zu unterstützen, sich in ihrem digitalen Umfeld zurechtzufinden und zu lernen, mit Medien kreativ, sicher und kritisch-reflektiert umzugehen.
  • Dazu gehört auch, dass sich Kitas – besonnen – den Herausforderungen der weiten Verbreitung digitaler Medien im Leben junger Kinder stellen und dabei den UN-Kinderrechten auf Zugang, Bildung und Schutz in der digitalen Welt gleichermaßen entsprechen. Das heißt, sowohl die Chancen, die im Mediengebrauch liegen, zu nutzen und zu wissen, was es dabei zu beachten gilt, als auch die Risiken zu kennen und diesen präventiv durch intelligentes Risikomanagement zu begegnen.

Das Forschungsinteresse zum digitalen Medieneinsatz muss daher auf die WIE-Frage gerichtet sein und nicht mehr auf die OB-Frage. Die bis dato zurecht beklagte unzureichende Studienlage liegt vor allem auch darin begründet, dass die Digitalisierung seit Aufkommen mobiler, internetfähiger Endgeräte völlig neue Anforderungen und Fragen an Bildung stellt und damit einen immensen Forschungs-, konzeptionellen Entwicklungs- und Qualifizierungsbedarf in allen Bildungsstufen auslöst. Diesen auch im Kitabereich einzulösen, ist das Anliegen aller im Kipra-Artikel dargelegten wissenschaftlich begleiteten Modell- und Präventionsprojekte.

Um zu einem zeitlich dosierten, kreativen digitalen Medieneinsatz in der Kita auf der Basis eines intelligenten Risikomanagements möglichst viele, verlässliche Aussagen zu erzielen, wird in Bayern der bislang größte nationale Modellversuch mit 100 Kitas, begleitet durch 19 Medien-Coaches, noch bis Ende 2020 im ministeriellen Auftrag am Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) durchgeführt. Der Modellversuch ist auf der Basis bisheriger Studien und bereits entwickelter fachlicher Standards und in Begleitung eines Expertengremiums verantwortungsvoll konzipiert. Sein wissenschaftliches Begleitkonzept ist breit angelegt und umfasst folgende vier Studien verschiedener Forscherteams am IFP:

  1. Prozessbegleitend werden alle am Modellversuch beteiligten Personengruppen, die 19 Medien-Coaches und in den 100 Modellkitas die Leitungen, pädagogische Kräfte und Eltern mittels Online-Bögen mehrmals befragt. Themen der Mediencoach- und Leitungsbefragungen sind u. a. die kitaspezifischen Voraussetzungen, der Medieneinsatz in der Kita, die Verläufe der von den Medien-Coaches durchgeführten Begleitschritte sowie die Akzeptanz des Modellversuchs im Feld und dessen persönliche Bewertung. Leitungen und Fachkräfte werden zudem befragt zu ihren Einstellungen und Haltungen zu digitalen Medien und zu deren Nutzung in der Kita. Die Eltern werden darüber befragt, welche Einstellung und Erwartungen sie gegenüber Tablets in der Kita haben, ob sie sich gut informiert fühlen und beteiligt werden.
  2. In einem Teilprojekt werden in ausgewählten Modellkitas auch die Kinder selbst zu Wort kommen und können von ihren Erfahrungen mit digitalen Medien in der Kita berichten und deren Bedeutung Tablet-gestützt mittels einer Smiley-Skala bewerten. Die Gespräche werden von einem IFP-Team protokolliert und mit den Fachkräften der Kita im Anschluss reflektiert.
  3. In einer videogestützten Vertiefungsstudie zur Bilderbuchbetrachtung mit digitalen Medien in 20 ausgewählten Modellkitas sollen folgende Fragestellungen beantwortet werden: Welche Qualität haben die Interaktionen, insbesondere die sprachliche Anregung, bei Bilderbuchbetrachtungen mit Apps? Wie verhalten sich Kinder in der Bilderbuchbetrachtung mit Apps? Wie verändert sich der Umgang der pädagogischen Fachkräfte und Kinder mit digitalen Bilderbüchern im Zuge einer fachlichen Begleitung?
  4. Abgerundet wird die Begleitforschung am IFP durch eine Meta-Analyse zum Einfluss digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren, die die nationalen und internationalen Forschungsbefunde systematisieren wird mit Blick auf folgende Fragestellungen: Welche Auswirkung hat die Nutzung digitaler Medien (Smartphone, Tablet, Apps, PC) auf die Entwicklung junger Kinder? Welchen moderierenden Einfluss haben dabei Dauer und Häufigkeit, pädagogische Begleitung und die Medienkompetenz der Fachkraft (z. B. erworben durch Qualifizierung)? Welche Effekte hat digitales Lernen in der Kita auf die Entwicklung junger Kinder? Ergeben sich aus digitalen Medien wie Apps sogar Lernvorteile im Vergleich zu herkömmlichen Erfahrungen im Kitaalltag? Welche Empfehlungen lassen sich aus den empirischen Befunden ableiten? Wie kann die Nutzung digitaler Medien aussehen? Welche Maßnahmen sind am meisten erfolgversprechend? Während es in Deutschland an validen, empirisch fundierten Ergebnissen zu diesen Fragen noch weitgehend fehlt, zeigt der Blick in andere Länder, dass die Digitalisierung in Kitas früher angekommen ist und durchaus positiver aufgenommen wird. So finden sich dort bereits viele digitale Bildungsangebote in Kitas in der Erprobung, und erste empirische Ergebnisse weisen z. B. auf positive Effekte kurzzeitiger Tablet-App-Interventionen auf die kindliche Entwicklung hin.

Beim Thema Frühe Bildung in der digitalen Welt untätig zu bleiben und keine wissenschaftlich begleiteten Modellversuche in Kindertageseinrichtungen durchzuführen –, dies kann zum Wohle unserer Kinder keine ernst zu nehmende Alternative sein!

Eva Reichert-Garschhammer,
Stellvertretende Institutsdirektorin und Abteilungsleiterin, Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP), München


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2019; 90 (6) Seite 396-400