Was macht die Osteopathie so erfolgreich, dass 10 % der Bevölkerung diese Heilkunde in Anspruch nehmen? Und welche weiteren Möglichkeiten gibt es für den Pädiater, eventuelle Blockaden zu behandeln und vorzubeugen? Um diese und andere Fragen dreht sich die Praxiskolumne von Kinderarzt Dr. Stephan H. Nolte.

Was macht die Osteopathie so erfolgreich, dass 10 % der Bevölkerung diese Heilkunde in Anspruch nehmen? Es gibt kaum einen Säugling, der nicht (auch) osteopathisch behandelt wird. Die meisten Eltern erzählen, dass sie (auch) beim Osteopathen waren. Und die es nicht erzählen, verschweigen es wahrscheinlich vornehm.

Ein, vielleicht sogar das Geheimnis der Osteopathie scheint mir zu sein, dass die Osteopathin bzw. der Osteopath den Menschen mit seinen Händen untersucht und behandelt, Ruhe und Können ausstrahlt und Empathie und Zeit mitbringt. Die Grundannahme der Osteopathie ist die, dass der Körper selbst in der Lage ist, sich zu regulieren und zu heilen, wenn alle Strukturen gut beweglich und somit auch gut versorgt sind. So wird mit den Händen, der ganze Körper angefasst, berührt und untersucht, um Bewegungseinschränkungen ("Blockaden") zu finden und zu be-hand-eln.

Was mich aber sehr stutzig macht, ist, dass eigentlich nie nichts gefunden wird. Ich habe es noch nie erlebt, dass eine osteopathische Behandlung ohne den Befund einer oder vieler Blockaden, sei es im Becken oder an den Rippen, ganz zu schweigen von der Halswirbelsäule, zu Ende gegangen ist. Und wenn die erschöpften Eltern ihr Schreibaby beim Osteopathen vorstellen, werden sie häufig gleich mitbehandelt und erweisen sich ebenfalls als von oben bis unten blockiert. Entweder sind wir alle blockiert und die Blockaden lösen sich, auch im Sinne der postulierten Selbstheilungskraft, immer alle auch wieder von allein, oder das ganze Konzept stimmt irgendwie nicht.

Dass es so etwas wie Blockaden gibt, ist unbestritten: Die prominenteste und mit einer gekonnten Handbewegung zu lösende Blockade ist die Radiusköpfchen-Subluxation, der Chassaignac, der nach wie vor zu den häufigsten Fehldiagnosen und -interventionen führt, aber auch "von allein", durch eine passende Spontanbewegung, weggeht.

Auch das KISS-Syndrom, die Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörung, gilt als eine Blockade. Wenn auch in seltenen Fällen tatsächlich mal eine solche Atlasblockierung vorzuliegen scheint, ist doch der allerhäufigste und allerwahrscheinlichste Grund für eine Asymmetrie der früher so genannte "Liegeschaden." Dieser ist heute wegen der ausschließlichen Empfehlung der Rückenlage wieder sehr häufig geworden. Auch die Kliniken achten in der Früh- und Neugeborenenbetreuung viel zu wenig auf eine wechselnde Lagerung und das Fortbestehen einer möglichen intrauterinen Zwangshaltung postnatal. Hier kann man durch eine vernünftige Anleitung, die auch das Hand anlegen, die Be-hand-lung einbezieht, frühzeitig gegensteuern.

Die Bedeutung einer Anleitung im Neugeborenenalter wie das Üben der Bauchlage auf einer flachen Unterlage, Achten auf Blickrichtung und Lieblingsseite, kann gar nicht genug betont werden und spart später viel Therapie, bis hin zur teuren und kontrovers diskutierten Helmbehandlung, die bei frühzeitiger und konsequenter Erkennung und Behandlung einer Vorzugshaltung immer entbehrlich ist. Dazu bedarf es keines Osteopathen und keines Manualtherapeuten, sondern des Mutes, selbst zu erkennen, zu behandeln, Hand anzulegen, anzuleiten und Neugeborene mit Vorzugshaltung kurzfristig wieder einzubestellen. Das ist unbedingt notwendig, weil der zeitliche Abstand von der U3 bis zur U4 viel zu groß ist, um bis dahin abzuwarten.

Bis vor wenigen Jahren konnte ich jedem ersten Kind einer Familie eine halbstündige "Handling-Anleitung" durch eine Bobath-Therapeutin in meiner Praxis anbieten, und bei Bedarf dann auch eine weitergehende Therapie. Betriebswirtschaftlich war das leider nicht weiter tragbar, obwohl die gemeinsame Beschäftigung mit den Kindern für alle Beteiligten gewinnbringend war. Deshalb wäre es für die ambulante Pädiatrie besser, diese politisch bedingte "Blockade" zunächst zu lösen, damit weitere Blockaden später erst gar nicht entstehen.

Dr. Stephan H. Nolte, Marburg/Lahn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (5) Seite 320