Am 11.11.2020 hat die Kinder- und Jugendmedizin mit Professor Remo H. Largo einen großen Advokaten verloren. Das Ehrenmitglied der DGKJ und DGSPJ verstarb kurz vor seinem 77. Geburtstag. Eine gemeinsame Würdigung seiner besonderen Verdienste.

Remo Largo ist kurz vor seinem 77. Geburtstag am 11. 11. 2020 in Uetliburg, Schweiz, verstorben. Mit ihm verliert nicht nur die Kinder- und Jugendmedizin einen großen Advokaten der Kinder in ihrem Recht auf freie und gut begleitete Entwicklung. Remo Largo hat 2010 anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung in Potsdam die Ehrenmitgliedschaft sowohl der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin als auch der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin erhalten. Nicht nur diese Koinzidenz, sondern auch die Überzeugung, dass sein Werk wesentlich ist für alle Kinderärzte, um Entwicklung im gesunden und kranken Kontext zu verstehen, hat uns veranlasst, seine besonderen Verdienste im Namen beider Gesellschaften gemeinsam zu würdigen, unterstützt auch durch die Gesellschaft für Neuropädiatrie. Sein Festvortrag bei der Jahrestagung hatte den programmatischen Titel "Bewusstsein für Kinder: Was Kinder wirklich brauchen" [1]. Ein Thema, das heute aktueller denn je erscheint.

Remo Largo studierte von 1963 bis 1970 an der Universität Zürich Medizin, unterbrochen durch einen Studienaufenthalt an der University of Wisconsin (Madison). Von 1971 bis 1974 absolvierte er seine Facharztausbildung in der Pädiatrie am Universitäts-Kinderspital Zürich. 1974 trat er in die Abteilung Wachstum und Entwicklung ein, die damals Prof. Andrea Prader leitete. Er besuchte verschiedene Zentren in Europa, die sich mit der kindlichen Entwicklung und deren Störungen beschäftigen, wie das Newcomen Center am Guy‘s Hospital London und das Department of Developmental Neurology an der Universität Groningen. Von 1976 bis 1978 arbeitete er als Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds in der Child Development Unit (Prof. H.A. Parmelee) und an der University of California in Los Angeles in den Gebieten Entwicklungspsychologie, Kinderpsychiatrie und Pädagogik. Wissenschaftlicher Schwerpunkt war damals die Entwicklung des symbolischen Denkens und der Sprache in den ersten Lebensjahren. Er besuchte verschiedene führende Zentren in den USA (Child Development Unit, Children’s Hospital Boston, Prof. B.T. Brazelton; Child Development Unit, General Hospital Cleveland, Prof. M. Klaus; Department of Psychology, University Berkley, Prof. M. Eichhorn). Nach seiner Rückkehr übernahm Remo H. Largo die Leitung der Zürcher Longitudinalstudien über die kindliche Entwicklung, die 1954 von Andrea Prader und Guido Fanconi initiiert worden waren. In diesen Studien wurden seitdem bei mehr als 800 Kindern die Entwicklung von der Geburt bis ins Erwachsenenalter untersucht. Auch wurden in der Generationenstudie Kinder der ersten Generation untersucht. Er habilitierte 1981 an der Universität Zürich. In den 1980er-Jahren hat er die Erkenntnisse aus den Zürcher Longitudinalstudien in einer entwicklungspädiatrischen Poliklinik für Kinder mit Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten klinisch umgesetzt. Sie haben, in engagierter Diskussion in einem Kreis von Entwicklungsneurologen im deutschsprachigen Raum, auch wesentlich dazu beigetragen, dass Entwicklungsdiagnostik mit Berücksichtigung ihrer Varianz selbstverständlicher Bestandteil der neurologischen Untersuchung des Kindes geworden ist. Aus den klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen entstand in den 1990er-Jahren das Fit-Prinzip. In seinem Buch "Das passende Leben" (2020) hat er das Fit-Prinzip schließlich auf alle Lebensalter ausgeweitet.

Neben dem wissenschaftlichen Wirken hat er eine große Verantwortung übernommen gegenüber der Öffentlichkeit und den Familien. Er hat seine Erkenntnisse genutzt für eine nicht müde werdende Anwaltschaft für die Heranwachsenden. "Babyjahre" (1993) und "Kinderjahre" (2000) sind in zahlreichen Auflagen erschienen und haben viele Eltern unterstützt. "Seine Neigungen und Interessen richten sich nach seinem Entwicklungsstand. Das Kind ist kein Gefäß, das sich mit beliebigem Inhalt bzw. Erfahrungen füllen lässt" (Kinderjahre, 11. Aufl., 2006, S. 91). Es folgten "Schülerjahre", "Jugendjahre", "Glückliche Scheidungskinder".

Remo Largo erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Guido Fanconi Preis der Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie, den Preis der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Psychologie, den Preis der Züricher Hochschule für Pädagogik und den Arnold-Gesell-Preis – diese Liste zeigte bereits sein transdisziplinäres Verständnis und Wirken. Er als einzelner Wissenschaftler war schon in sich multiprofessionell.

Das Credo, dass nicht das Kind sich an die Umwelt, sondern die Umwelt an das Kind anzupassen habe, hat viele Jahrzehnte vorweggenommen, was heute als "Teilhabeorientierung" beschrieben wird. Teilhabe (participation) heißt nichts anderes als "Eingebettet sein in Lebenssituationen". Remo Largo hat diese neue Terminologie nie für sich in Anspruch genommen. Er hat auf der Grundlage des Wissens über die Kindesentwicklung und die therapeutische Sinnlosigkeit von über das Kind hinweggehenden, das Kind nicht einbindenden Förder- und Therapiemaßnahmen das Zurechterziehen des Kindes abgelehnt. Seine Stimme war immer vernehmlich zu hören und dennoch musste er sehen, dass die Freiräume und selbstständige Gestaltung der Lebensräume und Beteiligung der Kinder durch eine auf Effizienzgewinn ausgerichtete Gesellschaft immer kleiner wurden. 2017 sagte er zornig "So kann es nicht weitergehen!" [2]. Er sah die Bindungslosigkeit und emotionale Vernachlässigung als zunehmend grassierende Phänomene in allen Gesellschaftsschichten. Von den 6 Grundbedürfnissen des Menschen nach Geborgenheit, Leistung, körperlicher Integrität, existenzieller Sicherheit, Selbstentfaltung und sozialer Anerkennung werde Geborgenheit und soziale Anerkennung zu wenig befriedigt.

In einem Interview kurz vor seinem Tod sagte er: "Mein Leben hat alle Erwartungen übertroffen. […] Beim ersten Hirnschlag habe ich das Sterben und den Tod verdrängt. Beim zweiten Hirnschlag hatte ich Todesängste. Es war einfach noch nicht Zeit zu sterben. Heute erhoffe ich mir den Tod als eine Form der Erlösung. So wie bei Kindern: Sie schlafen einfach ein, sie verlöschen. Das wünsche ich mir auch. Und es gibt noch ein Gefühl, das ich mit den Kindern teile. Zu Beginn des Lebens, in den ersten Lebensjahren, sind Kinder bedingungslos an ihre Eltern gebunden. Da gibt es dieses allumfassende Urvertrauen, dass die Eltern sich kümmern und es lieben. Dieses Gefühl empfinde ich auch am Ende des Lebens immer stärker, dass es da jemanden gibt, der zu mir schaut und mich liebt." [3]. Die Verbindung zu den Kindern, tiefes Vertrauen in ihre Fähigkeiten, ungeteilten Respekt für ihre Erfahrungen und Erlebniswelten noch im Angesicht des Todes berührt sehr und zeichnet diesen Mann aus – einen großen Kinderarzt und einen weisen Mensch. Durch die 3 Episoden einer schweren Erkrankung im Alter von 31, 52 und nun 77 Jahren, die Remo Largo mit Gehirnschlägen beschreibt, hat er Inseln eines vorgereiften Verständnisses für die Bedingtheit des menschlichen Lebens, die Fragilität und das Angewiesensein auf Vertrauenspersonen entwickelt, was vielen doch erst mit der Weisheit des Alters gelingt. Für viele aus der nachfolgenden Generation der Kinder- und Jugendärzte, der Entwicklungspsychologen, -pädagogen und -neurologen wurde er aufgrund seiner persönlichen Haltung, der wissenschaftlichen Arbeiten und auf diesen Erkenntnissen gewachsenen Theorien zur kindlichen Entwicklung und seiner Anwaltschaft zu einem großen, ja wir können sagen, leuchtenden Vorbild. Dieses Leuchten ist vorübergegangen, die Spuren sind noch sichtbar und werden es lange sein.


Literatur
1. Largo R (2011) Bewusstsein für Kinder: Was Kinder wirklich brauchen. Kinderärztl Prax 82: 49 – 52
2. https://www.luzernerzeitung.ch/schweiz/remo-largo-beruehmtester-schweizer-kinderarzt-so-kann-es-nicht-mehr-weitergehen-ld.82817 aufgerufen 15.11.2020
3. https://epaper.tagesanzeiger.ch/#article/20/Tages%2DAnzeiger/2020-11-14/39/118319294 aufgerufen 15.11.2020https://epaper.tagesanzeiger.ch/#article/20/Tages%2DAnzeiger/2020-11-14/39/118319294 aufgerufen 15.11.2020


Prof. Dr. Ute Thyen, Präsidentin DGSPJ
Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin DGKJ
Prof. Dr. Ulrike Schara, Präsidentin GNP


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2021; 92 (1) Seite 44-45