Bei der frühen Kariesprophylaxe scheinen die Nerven blank zu liegen. Doch wer kämpft hier gegen wen und mit welchen Argumenten?

Auf der einen Seite werfen die Zahnärzte den Pädiatern vor, ein „Schlachtfeld“ aufzumachen, das sie mit der von ihnen favorisierten Prophylaxe mit Fluoridtabletten gar nicht gewinnen können. Die Kinder- und Jugendärzte ihrerseits sehen die Zahnärzte auf einer Showbühne, auf der sie mit vielen Zahlen beliebig hin und her jonglieren, aber mit der von ihnen verfolgten Prophylaxestrategie mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta in der Praxis kläglich scheitern würden.

Dabei geht es bei der Kontroverse ausschließlich um die Karieshäufigkeit der Milchzähne im Kleinkindesalter Denn der Kariesbefall im bleibenden Gebiss von Kindern ist seit 1978 kontinuierlich rückläufig. Bis zum Alter von drei Jahren ist aber die Kariesprophylaxe hierzulande „kein Erfolgsrezept“, stellte Prof. Christian Splieth, Leiter der Abteilung präventive Zahnmedizin und Kinderzahnheilkunde an der Uni Greifwald, in Bad Orb ernüchternd fest. Denn die Folgen sind gravierend: Die Milchzähne von 14 Prozent aller Kinder in Deutschland sind so „kaputt“, dass sie nur sehr aufwändig und unter Narkose behandelt werden können. „Wir haben bei uns und woanders die Hütte voll mit solchen Kindern!“

Betroffen seien insbesondere Kinder aus armen und eher bildungsfernen Familien, die eben gerade auch bei Kinder- und Allgemeinärzten aufschlagen. 80 Prozent des starken Kariesbefalls im Alter von drei Jahren entfallen genau auf diese Bevölkerungsschichten. Mitentscheidend hierfür sei es, dass in diesen sozial benachteiligten Schichten die Mütter oft selbst Karies hätten, gehäuft süßer Tee und Honig konsumiert werde und auch das Naschen zwischendurch sehr verbreitet sei. Beim Dauernuckeln an einer Flasche könne sogar Wasser die Zähne zerstören.

Dagegen, so Splieth, helfe nur eine Prophylaxestrategie: den Kindern ab dem 1. Zahn einmal täglich die Zähne mit fluoridhaltiger Kinderzahnpasta zu putzen, ab dem 2. Geburtstag dann zweimal täglich. In Mecklenburg-Vorpommern habe sich diese Strategie bestens bewährt. Seit 1996 sind dort laut Splieth bei den Dreijährigen 33 Prozent weniger Karies und bei den 6-10-jährigen sogar 80 Prozent weniger Kariesfälle aufgetreten.

Die von den Pädiatern so gerne verordneten Fluorid/Vitamin-D-Tabletten seien in Mecklenburg –Vorpommern praktisch von der Bildfläche verschwunden, worunter allerdings die reine Vitamin-D-Prophylaxe nicht gelitten habe. Auch unter den Hebammen werde diese Strategie inzwischen „promotet“, behauptete Splieth in Bad Orb. Umstritten sei lediglich die eher niedrige Dosis des Fluoridgehalts, die nur halb so hoch ist wie etwa in Dänemark, dem Land mit den niedrigsten Karieswerten überhaupt.

Das konnte allerdings konnte den Kinder- und Jugendarzt Dr. Burkhard Lawrenz, Sprecher des Ausschusses Prävention im Kinder- und Jugendärzteverband (BVKJ), ganz und gar nicht überzeugen. Er verteidigte die Strategie der Mehrheit der Pädiater, bereits ab dem 8. Lebenstag bis zum „zweiten erlebten Frühsommer des Kindes“ eine kombinierte Karies-Rachitis-Prophylaxe zu verfolgen mit 0,25 mg Fluorid und 500 i.E. Vitamin-D in Tablettenform einmal täglich, ergänzt durch Zähneputzen mit normaler Zahnpasta einmal täglich.

Diese Form der Fluoridanwendung habe sich in der Praxis vor allem deshalb bewährt, weil so die nötige Fluoridgabe gerade bei Kindern aus prekären Familien, in denen das Zähneputzen in der frühen Kindheit nicht gang und gäbe ist, gesichert sei. Genau diesen entscheidenden Aspekt würden die Zahnärzte aber immer wieder ausblenden.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat bislang keiner der beiden Methoden seine Absolution erteilt, da die Evidenzlange ungenügend und eine prospektive Studie überfällig sei. Einig sind sich beide Seiten lediglich darüber, dass Aufklärung und Zahnputztraining vom ersten Zahn an unabdingbar sind. Dringend überfällig ist aber nun die Neufassung der seit 2013 bestehenden Leitlinie. Nach den heftigen Wortgefechten in Bad Orb ist aber eine einheitliche Linie weiter entfernt denn je. Die Ärzte werden also wohl vergeblich darauf hoffen, in naher Zukunft verlässliche und konsensfähige Prophylaxe-Empfehlungen an die Hand zu bekommen.


Raimund Schmid