Aktuelle Daten und Zahlen aus dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2021.

Der jährlich aktualisierte Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes stellt in Intention und struktureller Anlage eine Kombination aus Weißbuch/Handbuch und Jahrbuch dar: Er versammelt gesichertes Wissen über die Krankheit Diabetes, andererseits beschreibt er die Diabetologie im Wandel wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse. So erklärt sich die Kombination aus konstanten, aber laufend aktualisierten Kernthemen mit gänzlich neuen Beiträgen, welche die neuesten Entwicklungen reflektieren.

"Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021 – Die Bestandsaufnahme"
  • Herausgeber: Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.
  • Verlag: Verlag Kirchheim + Co GmbH
  • Bezug: als Buch unter www.kirchheim-shop.de oder als PDF unter www.diabetesde.org.
  • Erschienen zum Weltdiabetestag am 14. 11. 2020

Autoren des Kapitels "Diabetes bei Kindern und Jugendlichen" sind Professor Dr. Thomas Danne und PD Dr. med. Thomas Kapellen. Hier einige Auszüge daraus:

Diabetes mellitus ist mit der weiteren Beschleunigung der Zunahme des Auftretens von Typ-1-Diabetes (Inzidenz) die häufigste Stoffwechselerkrankung im Kindes- und Jugendalter in Deutschland. In verschiedenen Studien der letzten Jahre zeigte sich ein deutlicher Anstieg der Häufigkeit auf der ganzen Welt (Abb. 1). Dies gilt auch für Deutschland, und besonders jüngere Kinder sind zunehmend betroffen. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland ca. 18.500 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 – 14 Jahren mit Typ-1-Diabetes, und in der Altersgruppe von 0 – 19 Jahren sind etwa 32.500 Kinder und Jugendliche von einem Typ-1-Diabetes betroffen. Da es in Deutschland kein Register für Diabeteserkrankungen gibt, kann diese Zahl nur anhand lokaler Register geschätzt werden.

Die Prävalenz des Typ-1-Diabetes im Kindes- und Jugendalter (0 – 14 Jahre) liegt nach Ergebnissen einer modellbasierten Schätzung aller Kinderdiabetesregister in Deutschland bei 0,148 % (95-%-CI 0,138 – 0,158; Zeitpunkt 2008). Die vorhergesagte Prävalenz zum 31. 12. 2026 liegt bei 0,27 %, dies bedeutet, dass ca. 3 von 1.000 Kindern an einem Diabetes Typ 1 erkrankt sein werden. Dies entspricht einer Verdopplung der Prävalenz binnen 20 Jahren! Dieser Trend ist auch in anderen Ländern Europas zu beobachten.

Die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Diabetologie (AGPD, verankert in der Deutschen Diabetes Gesellschaft sowie in der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin) vermittelt einerseits fundiertes Wissen und Aufmerksamkeit in der Ärzteschaft, der Öffentlichkeit sowie Politik – und vertritt gleichzeitig bei verschiedenen Körperschaften und Verbänden (MdK, IQWiG, GBA, Schulministerien) die Interessen der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes und deren Familien sowie auch die der Kinderdiabetologen und multidisziplinären Diabetesteams: Dieses umfasst alle Aspekte der Diagnostik und Behandlung aller Diabetesformen bei Kindern und Jugendlichen mit den vielfältigen, damit zusammenhängenden medizinischen, pädagogischen, sozialen und psychologischen Problemen. Insbesondere die Sicherstellung einer breiten Versorgung mit den neuesten Medikamenten und Therapiemethoden bei wissenschaftlich nachgewiesener Verbesserung der Therapie und der Inklusion bzw. Integration in Kindergarten und Schule ist ein großes Anliegen der AGPD. Hinzu kommt die Sicherstellung einer möglichst problemlosen Transition von Jugendlichen in die Betreuung von Erwachsenendiabetologen. (...)

Übergewicht und Typ-2-Diabetes

Aber nicht nur der Typ-1-Diabetes, sondern auch ein Typ-2-Diabetes wird in Deutschland durch die Zunahme von Übergewicht, Fehlernährung und weniger Bewegung immer häufiger diagnostiziert. Die Adipositas ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden. Insbesondere das Ausmaß an Übergewicht bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen ist massiv angestiegen. Da ein Typ-2-Diabetes mellitus als Folge der Adipositas (krankhaftes Übergewicht, Fettleibigkeit) im Erwachsenenalter sehr häufig auftritt, ist mit einer hohen Zahl zusätzlich an Diabetes erkrankter Jugendlicher mit Typ-2-Diabetes auch in Deutschland zu rechnen. In den USA sind bereits, je nach geografischer Lokalisation, bis zu 45 % der Diabetesmanifestationen im Kindes- und Jugendalter dem Typ-2-Diabetes zuzurechnen.

Eine erste populationsgestützte Schätzung des Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ergibt derzeit eine Inzidenz von ca. 2 pro 100.000. Bei adipösen Jugendlichen tritt bei ca. 1 – 2 % ein Typ-2-Diabetes und bei bis zu 10 % eine Störung des Glukosestoffwechsels auf. Demnach erkranken gegenwärtig ca. 200 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 – 19 Jahren in Deutschland jährlich an Typ-2-Diabetes. Die Anzahl der in der DPV-Datenbank erfassten Typ-2-Diabetes-Neuerkrankungen hat sich in den letzten 10 Jahren verfünffacht. Dennoch bleibt in Europa der Typ-1-Diabetes der weitaus größere Anteil der kindlichen Diabeteserkrankungen und steht somit im Fokus der Bemühungen von Forschung, Prävention und Krankenversorgung in der Kinderdiabetologie. (...)

Wichtige Unterschiede zwischen Kinder- und Erwachsenendiabetes erfordern spezifische Schulungsprogramme

Die Besonderheiten des Kindes- und Jugendalters machen eine stark individualisierte Behandlung erforderlich; so ändert sich die Insulinempfindlichkeit ständig durch Einflüsse des Wachstums und der hormonellen Veränderungen sowie des unterschiedlichen Tagesablaufes und (besonders bei Kleinkindern häufig auftretende) Infektionskrankheiten. Die Unvorhersehbarkeit körperlicher Aktivität und die teils unregelmäßige Nahrungsaufnahme bei Kindern (und auch bei Jugendlichen) machen eine besonders flexible Behandlung erforderlich. Die gesamte Familie und alle Betreuer müssen je nach Alter und Reife des Kindes in die Behandlung eingewiesen und einbezogen werden. Erforderlich sind unterschiedliche Schulungsangebote (Struktur, Inhalte, didaktisches Konzept) für Vorschulkinder, Grundschulkinder, Jugendliche in der Pubertät und Adoleszente beim Übergang in die erwachsenendiabetologische Betreuung. Die moderne Diabetesschulung verfolgt das Ziel, die Selbstmanagement-Fähigkeit der betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Familien zu fördern. Dabei hat sich eine zu frühe Übertragung der alleinigen Verantwortung auf die Jugendlichen mit Diabetes als ungünstig erwiesen. (...)

Könnte eine COVID-19-Impfung Diabetes auslösen?

Bis heute wurden verschiedene Viren mit der Entstehung des Typ-1-Diabetes in Verbindung gebracht. In diese Liste muss man sicher auch COVID-19 aufnehmen. In diesem Zusammenhang wurde immer wieder die mögliche Gefahr einer Diabetesentstehung durch eine Impfung (z. B. Mumps) diskutiert. Inzwischen liegen gute epidemiologische Daten vor, die keinen Hinweis für einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Typ-1-Diabetes ergeben haben. Auf der Webseite des Robert Koch-Instituts ist auch eine offizielle Stellungnahme einsehbar, auf die besorgte Eltern gegebenenfalls verwiesen werden können. Daher ist eine Auslösung von Diabetes durch eine hoffentlich bald erhältliche COVID-19-Impfung unwahrscheinlich. Zur weiteren Aufklärung des Zusammenhangs zwischen COVID-19 und der Entstehung eines insulinpflichtigen Diabetes sind weltweit große epidemiologische Studien begonnen worden. (...)


Quelle: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2021; 92 (1) Seite 14-15