Ulrich Schwabe, Dieter Paffrath, Wolf-Dieter Ludwig, Jürgen Klauber (Hrsg), 2019. Softcover, 1.134 Seiten, 96 Farbabbildungen, Springer, Berlin, ISBN 978-3-662-59045-4; 69,99 Euro

Im Herbst 2019 erschien, wie in jedem Jahr, der "Schwabe/Paffrath Arzneiverordnungs-Report" für das Vorjahr, der, auf 1.134 Seiten angewachsen, schon zu einem Handbuch geworden ist. Er ist eine Fundgrube zur Verdeutlichung von Trends und Verschreibungsgewohnheiten, die die "real life"-Situation der Medizin, die Verordnungspraxis, und nicht die Theorie, Empfehlungen und Leitlinien widerspiegelt. Mit der Erfassung von rund 470 Mio. Rezepten basieren die Analysen des Jahres 2018 auf fast 800 Mio. einzelnen Verordnungen. Allerdings beinhalten sie nur die Verschreibungen im GKV-Bereich, nicht die Privatrezepte oder die über den Ladentisch gehende rezeptfreie Selbstmedikation (OTC). Dadurch verzerrt sich das tatsächliche Bild, insbesondere, wenn Arzneien aus der Verschreibungspflicht entlassen werden, wie etwa die "Pille danach".

Die Gesamtzahl der GKV-Versicherten beträgt 74 Millionen (+ 0,8 %). Die GKV-Arzneimittelausgaben haben 2018 mit 41,2 Mrd. Euro (+ 3,2 %) einen neuen Höchststand erreicht und liegen weiterhin bei 17,2 % der Leistungsausgaben, die um 3,9 % auf knapp 240 Mrd. Euro angestiegen sind. Die meisten Kosten verursacht weiterhin die Krankenhausbehandlung mit 78 Mrd. Euro (+ 3,1 %), gefolgt von der vertragsärztlichen Versorgung mit 44 Mrd. Euro (+ 3,0 %), die fast mit der Pharmakotherapie gleichauf liegt. Zahnarztkosten verursachen Ausgaben in Höhe von gut 14 Mrd. Euro (+ 2,4 %).

Hauptursache des Kostenanstiegs im Bereich der Arzneimittelausgaben sind die patentgeschützten Arzneimittel mit einem hohen Anteil von Biologika (43 %). Nach dem Patentablauf umsatzstarker Biologika gibt es viele neue Biosimilars mit einem theoretisch hohen, aber bisher nur wenig realisierten Einsparpotenzial.

Ein besonders stark wachsender Bereich des Patentmarktes sind die Orphan-Drugs, Arzneimittel für seltene Krankheiten mit einem Kostenanstieg von 15 % gegenüber dem Vorjahr. Diese für die Pädiatrie relevanten und intensiv beworbenen Pharmaka werden in einem eigenen Kapitel behandelt. Seit 2000 wurden aufgrund regulatorischer Vereinfachungen etwa 180 Orphan-Drugs zugelassen, von denen sich noch 120 auf dem Markt befinden. Angesichts hoher zu erzielender Preise und eines stetigen Umsatzwachstums haben Pharmahersteller Arzneien zur Behandlung seltener Krankheiten als sehr lukratives Geschäft entdeckt. Angesichts teils geringer Evidenz für Wirksamkeit, Sicherheit und Kosteneffizienz werden Reformen gefordert, um einen Missbrauch bestehender Regularien zu vermeiden.

Aus der Fülle des dargestellten Materials kann nur wenig hier herausgegriffen werden. Lohnend ist die umfassende Darstellung der Indikationsgruppen, in denen die tatsächlichen Verordnungen den von Leitlinien und Fachgesellschaften gegebenen Empfehlungen gegenübergestellt werden. Praktisch besonders bedeutsam für den niedergelassenen Arzt sind die Verschreibungsgewohnheiten aller "Anti-Mittel", insbesondere der Antibiotika. Hier ist noch viel Optimierungspotenzial aufzudecken. Absurd bleibt weiterhin, dass die Rabattvereinbarungen von Krankenkassen nicht berücksichtigt werden können, da sie nicht öffentlich zugänglich sind. So kann der Arzt gar nicht wissen, welche Kosten er auslöst.

Sehr aufschlussreich ist auch der Anhang mit ergänzenden statistischen Daten, etwa die Verordnungen pro Arzt und der Verordnungsumsatz pro Arzt. So verordnen die etwa 40.000 Hausärzte pro Arzt etwa 8.000 Rezepte mit einem Umsatz von 280.000 Euro pro Arzt, die 7.700 Pädiater etwa 5.000 Rezepte und einem Umsatz von 125.000 Euro pro Arzt. Die Onkologen schaffen es auf 4 Mio. Euro pro Arzt. Für die Zukunft ist die Altersstruktur der GKV-Versicherten bedrückend: Drei Millionen 0- bis 5-Jährigen stehen 6 Millionen 50- bis 55-Jährige gegenüber; nur 17 % der Versicherten sind unter 20 Jahre alt, ein weiteres Indiz für notwendigerweise steigende Kosten.

Der Arzneimittelreport ist der Spiegel der Pharmakotherapie, wie sich Verordnungsverhalten im Alltag abspielt. Dadurch, dass nicht nur die Verordnungszahlen dargestellt, sondern diese auch gewichtet, kommentiert und in den Rahmen der derzeitigen Leitlinien gestellt werden, stellt der Report einen stetig aktualisierten wahren Schatz der tatsächlich praktizierten Medizin dar, der uns über Morbidität und Epidemiologie mehr Auskunft geben kann als alle anderen Statistiken. Wir dürfen schon auf die nächste Ausgabe gespannt sein.

Dr. Stephan H. Nolte, Marburg/Lahn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (2) Seite 144