Die virtuelle Fortbildungsveranstaltung der BAG-Psych war ein großer Erfolg. Ursula Anders und Uta Ungermann berichten.

Wie so viele Veranstaltungen musste auch das bereits komplett geplante Forum Sozialpädiatrie 2020 in Schwerin aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden. Und bald wurde klar, auch 2021 würde eine "Live"-Veranstaltung, geplant zunächst in Bonn, nicht durchführbar sein. Um der großen Gruppe der SPZ-Psychologinnen/Psychologen und anderen interessierten SPZ-Mitarbeiterinnen/Mitarbeitern einen kleinen Trost zu spenden, entschlossen wir uns, eine digitale Fortbildungsveranstaltung mit zwei Fachvorträgen anzubieten. Wir waren sehr erfreut darüber, dass wir unsere hochkarätigen Referentinnen/Referenten dafür gewinnen konnten, ihre für das Forum geplanten Vorträge in ein digitales Format umzuwandeln.

Mit tatkräftiger und finanzieller Unterstützung durch die DGSPJ, insbesondere durch Frau Paul, konnte der erstaunlichen Teilnehmerzahl von weit über 300 interdisziplinären Zuhörern dieses Programm kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

Kinderschutz in Zeiten von Corona

Aus dem Team der "Medizinischen Kinderschutzhotline" um Prof. Dr. Jörg Fegert, Ulm, sprach Frau Holzmann zum Thema: "Kinderschutz in Zeiten von Corona und der Beitrag von Institutionen":

Sie stellte zunächst die "Medizinische Kinderschutzhotline" vor, ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördertes, bundesweites, kostenfreies und täglich 24 Stunden erreichbares telefonisches Beratungsangebot für Angehörige der Heilberufe, Kinder- und Jugendhilfe und Familiengerichte bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Kindesmissbrauch (Tel.: 08 00/1 92 10 00). Genutzt werde das Angebot schwerpunktmäßig von Kinderärztinnen/Kinderärzten und Kinder- und Jugendpsychiaterinnen/-psychiatern, aber auch von Zahnärztinnen/Zahnärzten, Gynäkologinnen/Gynäkologen und anderen Fachärzten, sowie von Fachleuten aus angrenzenden Disziplinen. Der Schwerpunkt der Fragen liege beim Vorgehen im Kontext der Jugendhilfe sowie bei rechtlichen Fragen im Kontext des §4 des Gesetzes zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKG). Auch das medizinische Prozedere, Fragen zu Befunden und zur Dokumentation sowie weitere Themen würden regelmäßig besprochen. Eine Befragung habe eine hohe Zufriedenheit der Nutzer ergeben, die an Handlungssicherheit und Wissen gewonnen hätten und auch das Vorgehen im konkreten Fall hätten anpassen können.

In Bezug auf die Corona-Pandemie berichtete Frau Holzmann, dass die Inanspruchnahme der Hotline seit der Etablierung im Oktober 2016 kontinuierlich gestiegen sei, es aber in beiden "Lockdown"-Zeiträumen jeweils zu einer Verringerung der Inanspruchnahme gekommen sei. Dies erkläre sich das Team durch eine insgesamt stark verringerte Inanspruchnahme medizinischer Versorgung in diesem Zeitraum. Jedoch sei die Nutzung der Hotline weniger stark zurückgegangen als die Nutzung der medizinischen Versorgung insgesamt. Ein erhöhtes Risiko in Zeiten von Corona bestehe wohl vor allem bei Familien mit Unterstützungsbedarf, wie sie häufig auch in der Inanspruchnahmepopulation von SPZ zahlreich vertreten sind. Begründet sei dies vermutlich durch den Wegfall von unterstützenden Strukturen: den Wegfall von Selbsthilfestrukturen, von zahlreichen Unterstützungsangeboten und von Schutz- und Kontaktmöglichkeiten, z. B. im Rahmen der regelmäßigen Beschulung. Seit Beginn der Pandemie habe es mehrere Presseartikel durch Mitarbeitende der Kinderschutzhotline gegeben, die auf die Situation von Kindern und Jugendlichen aufmerksam gemacht hätten, da die Interessen von Kindern und Jugendlichen zu Beginn der Pandemie kaum diskutiert worden seien.

„Kitteltaschenkarten“ zum Thema Kinderschutz als Download: www.kinderschutzhotline.de

Besonders nützlich für den Alltag war noch der Hinweis auf die 7 unterschiedlichen "Kitteltaschenkarten" zum Thema Kinderschutz, von denen zwei speziell zum Thema COVID-19 entwickelt wurden. Sie werden von der Kinderschutzhotline herausgegeben und sind kostenfrei bestellbar, können heruntergeladen werden oder sind alternativ innerhalb einer kostenfreien App nutzbar.

Zudem biete die Kinderschutzhotline einen "E-Learning-Grundkurs Kinderschutz in der Medizin" an (www.kinderschutzhotline.de).

Update Behandlung von Regulationsstörungen

Im Anschluss hielt das Duo aus Dr. Guido Wolf und Gero Hufendiek einen sehr anschaulichen Vortrag zur "Interdisziplinären Behandlung von Regulationsstörungen im frühen Kindesalter im SPZ Duisburg".

Im ersten Teil ging Dr. Wolf auf die medizinischen Hintergründe ein, die als Risikofaktoren oder Auslöser einer Regulationsstörung gelten können. Schon während der Schwangerschaft können sich z. B. Stress oder verschiedene Noxen ungünstig auswirken. Auch Frühgeborene haben ein erhöhtes Risiko durch die erste Zeit nach der Geburt, in der sie Faktoren wie Stress, Schmerz, Lärm, Medikamenten und Hirnblutungen, aber auch der Angst der Eltern und möglicher eigener Todesangst ausgesetzt sind, wodurch unter Umständen das "Ur-Vertrauen in die Welt" nachhaltig gestört sein könne. Aber auch bei gesunden, reifgeborenen Kindern komme es gelegentlich zu langanhaltendem Schreien, das die positiven Erwartungen der Eltern zerstöre und sie mit Stress und Überforderung reagieren lasse.

Im zweiten Teil des Vortrags ging G. Hufendiek noch einmal ausführlich auf den "Cocktail" von möglichen Auslösebedingungen ein, die zu jedem Zeitpunkt von weit vor der Geburt bis ins Hier und Jetzt reichen können. Folglich nehme eine Behandlung nicht nur das Kind in den Blick, behandelt werde vielmehr eine Trias aus Problemen der frühkindlichen Verhaltensregulation, einer dysfunktionalen Eltern-Kind-Interaktion und einer Überlastung der Bezugspersonen. Anzeichen für eine Regulationsstörung seien exzessives Schreien, Schlaf- und Fütterstörungen oder eine beliebige Kombination davon, frei nach dem Motto "zu müde zum Trinken, zu hungrig zum Schlafen". Daraus entstehe häufig eine ungünstige Rückkopplungsschleife, ein sog. "Teufelskreis", anstelle eines positiven "Engelskreises" (Abb. 1).

Abb. 1: Entwicklungsdynamisches, kommunikationszentriertes Modell zur Genese frühkindlicher Regulations- und Beziehungsstörungen [mod. nach: M. Papousek, M. Schieche, H. Wurmser: Regula­tionsstörungen der frühen Kindheit. Verlag Hans Huber 2004].

Entsprechend setze die Behandlung, je nach Bedarf und individueller Disposition, auf verschiedenen Ebenen an. So erfolge nach erster Diagnostik häufig zunächst eine Entwicklungsberatung, in deren Rahmen auch viele Informationen zur Unterschiedlichkeit der Kinder und ihres Schlaf- und Schreiverhaltens vermittelt würden. Erst dann beginne die eigentliche "Therapie", während derer die Eltern sowohl konkrete Hinweise zum Umgang mit dem problematischen Verhalten erhielten, als auch die Gelegenheit, eher psychische Themen gemeinsam mit dem Therapeuten zu bearbeiten.

Durch den Einbezug von systemischen und hypnotherapeutischen Methoden in die Beschreibung der therapeutischen Ansätze konnte Herr Hufendiek auch bei "alten Hasen" noch spannende und neue Impulse setzen.

Die Vorträge fanden ein reges Echo bei den Teilnehmern, trotz des digitalen Formats entspann sich im Nachgang eine lebhafte Diskussion. Wir bedanken uns noch einmal bei den Vortragenden für ihr ehrenamtliches Engagement und die Bereitschaft, ihre Vorträge auf der Homepage der DGSPJ digital zum Nachlesen zur Verfügung zu stellen (www.dgspj.de).

Wie immer, ist nach dem Forum (auch wenn es nur "in Klein" war) vor dem Forum! Wir freuen uns, dass ein Ende der pandemiebedingten Einschränkungen nunmehr in Sichtweite gerät und damit ein neues Forum Sozialpädiatrie näher rückt!


Ursula Anders¹, Uta Ungermann²
(1) Department für Neuro- und Sozialpädiatrie, Klinikum Westbrandenburg Potsdam;
(2) SPZ am Kinderhospital Osnabrück


Korrespondenzadresse
Dr. Uta Ungermann
SPZ am Kinderhospital Osnabrück
Iburger Straße 187
49082 Osnabrück
Tel.: 05 41/56 02-114
Fax: 05 41/56 02-314

Interessenkonflikt
Die korrespondierende Autorin gibt für sich und ihre Koautorin an, dass kein Interessenkonflikt in Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2021; 92 (6) Seite 420-422