Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Von Georg Milzner. 256 Seiten, 2016, Beltz, Weinheim. ISBN 978-3-407-86406-2; 18,50 Euro

„Das Kind befindet sich bereits in der Zukunft, es wird anders sein als wir: aus diesem Grund ist es immer ein Prophet, man muss ihm nur zuhören“ (Andrea Zanotto).

Computer machen Kinder weder dumm noch krank, erläutert der psychologische Psychotherapeut und Medienforscher Georg Milzner in seinem Buch „Digitale Hysterie“, welches sich bewusst gegen die viel beschworenen Vorstellungen einer digitalen Demenz wendet. Hinter dem vermeintlichen Medien- oder Computerproblem verbirgt sich nicht selten ein Beziehungsproblem, welches sich nicht durch Verbote und Steckerziehen lösen lässt, sondern durch informierte Anteilnahme und Anerkennung der oft erstaunlichen Leistungen.

Wenn Sprache und Sozialverhalten durch den Computer oder das Computerspiel veröden, geschieht das durch das Alleingelassenwerden mit dieser Technik. Deswegen ist das beste Hilfsmittel gegen übermäßigen Computergebrauch Anteilnahme und „mediale Mischkost“. Wenn das Leben an Reichhaltigkeit verliert, wird der Bildschirm verlockender als das Leben selbst. Spätestens dann sollten Eltern sich einmischen, mitspielen, sich das Spiel erklären lassen oder einfach präsent sein.

Ob Gewaltbereitschaft durch Medien gefördert wird, wird kontrovers diskutiert: Werden im Spiel aggressive Impulse abgeleitet oder angeheizt? Es hängt von der Persönlichkeit ab: Gewaltorientierte Spiele üben eben für gewaltorientierte Menschen eine Faszination aus, die Vorerfahrungen und Empathiefähigkeit spielen eine größere Rolle als die vermutete Verrohung durch mediale Gewalterlebnisse. Unsere Kultur zielt nicht nur in Computerspielen, sondern auch in der Realität, in täglichen Nachrichten, darauf ab, drastisch darzustellen, um höhere Aufmerksamkeit zu erzielen. Die Abreaktion von angestauten Emotionen fanden früher eher körperbetont statt, durch körperliches Abarbeiten, Herumtollen, oder etwa durch Boxen. Heute kann ein Aggressionsstau mit blutrünstigen Spielen abgeführt werden, und das ist nicht grundsätzlich schlecht, insbesondere, wenn durch anschließendes körperliches Austoben dem Bewegungsdrang Raum gegeben werden kann. Dieses zu unterdrücken, erzeuge weit eher Aggressionspotenzial als Computerspiele selbst.

Milzner schlägt eine „Aufmerksam­keits­ethik“ vor, die in dem vernetzten Zeitalter des Multitasking die Zuwendung ­hierarchisieren soll: Wer ist wichtig? Was ist wichtig? Das Wichtigste erhält die meiste und ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch der Segen oder Schaden sozialer Netzwerke hängt von der sozialen und emotionalen Ausgangsposition ab. Mobbing geschieht häufiger in der Realität als im Netz, und Anregungen wie „digitale Selbstverteidigung“ können helfen, sich gegen Cyberangriffe zu wehren. Denn die Abwehrkräfte wachsen auch hier in der Auseinandersetzung mit den „Erregern“.
Das Büchlein ist eine erfrischend differenzierte Bereicherung der Sicht auf „Digitalien“, die unausweichliche neue Welt, in der sich unsere Kinder zurechtfinden werden.

Dr. med. Stephan Heinrich Nolte, Marburg


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2017; 88 (5) Seite 346