Der 3. Fachtag für Kinderschutzgruppen in Deutschland zeigt Chancen und Schwierigkeiten an der Schnittstelle Jugendhilfe und Kinder- und Jugendmedizin.

Wie ist es eigentlich um die Interdisziplinarität der Arbeit im klinischen Kinderschutz und der Betrachtung bzw. dem Austausch über die Schnittstelle der Klinik zum Jugendhilfesystem bestellt?

Darüber gab es beim 3. Fachtag für Kinderschutzgruppen in Deutschland sehr viele – zum Teil auch höchst ernüchternde – Aufschlüsse. Die Teilnehmer, die aus aus Kinderkliniken zwischen Freiburg und Schleswig kamen, gehörten verschiedenen Berufsgruppen an: Mediziner (Rechtsmedizin, Kinder- und Jugendmedizin, Neuropädiatrie, Kinderchirurgie), Pflegekräfte aus Ambulanzen, SPZs und Intensivstationen sowie Sozialarbeiter, die klinische Sozialarbeit machen und darüber hinausgehend noch Kinderschutzthemen bearbeiten.

In ihrem Einführungsvortrag referierte Frau Barbara Kiefl (Abteilungsleitung Jugendamt Stuttgart und eine der Leitungen des Kinderschutzteams) über Aufgaben und Strukturen des Jugendamtes. Dabei lenkte sie die Aufmerksamkeit auf Faktoren an der Schnittstelle zwischen den Systemen Gesundheitswesen und Jugendhilfe, die für das Jugendamt notwendig sind, um im Kinderschutz handlungsfähig zu sein und gemeinsam das Kindeswohl zu sichern.

Dazu gibt es zahlreiche verbindlich verankerte Hilfeangebote, die Jugendämter allgemein für Familien anbieten und genehmigen können. Diese sind gesetzlich vorwiegend im SGB VIII – wie Tabelle 1 zeigt – klar geregelt:

Im zweiten Teil ging es dann um die Arbeitsweise des Jugendamtes, nachdem eine Kinderschutzmeldung dort eingegangen ist, und im dritten Teil um die Schnittstelle bei der Übergabe der Informationen aus der Klinik ans Jugendamt.

Nicht immer läuft der gesamte Prozess um das Thema Kinderschutz aber rund. Zu typischen Hindernissen gerade in dramatisch verlaufenden Kinderschutzfällen zählen:
  • mangelnde Kommunikation
  • mangelnde Kenntnis über eigene Pflichten im Kinderschutz – "Zuständigkeitsphantasien"
  • Unkenntnis über das jeweils andere Arbeitsfeld und seine Handlungslogik
  • Bewertung einer Gefährdung mit Blick aus der eigenen Fachrichtung (Anspruch auf Deutungshoheit)
  • Mangel an der Qualität der Einschätzung → unwirksame Hilfen
  • unklare Aufträge, mangelnde Transparenz, unzureichende Dokumentation
  • Datenschutz als Vorwand für mangelnde Kommunikation
  • mangelnde Evaluation für Qualitätsentwicklung
  • Mangel an Zeit zur Kooperation

All diese möglichen Fehler können am ehesten dann vermieden werden, wenn eine enge Zusammenarbeit angestrebt wird – im Idealfall mit der Bildung von Verantwortungsgemeinschaften in einem kooperativen Kinderschutz: Denn gerade hier gilt die Devise: "Kinderschutz geht nur gemeinsam".

Kinderschutz ist eine Querschnittsaufgabe von unterschiedlichen Professionen und Systemen, die mit Kindern und Jugendlichen im Kontakt sind. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit im Kinderschutz eröffnet zudem neue Perspektiven auf die Einschätzung der Kindeswohlgefährdung auch durch unterschiedliche Arbeitsweisen. Sie kann Ordnung und Klarheit in Fragen der Zuständigkeit schaffen, strukturiert die Vielfalt möglicher Hilfsangebote und eröffnet Möglichkeiten des Austausches. Dabei gelingt ein Miteinander nur, wenn das Leistungsspektrum der beteiligten Akteure wechselseitig transparent ist und auch deren jeweils eigene Problemlösungsmechanismen thematisiert werden. Außerdem muss die Bereitschaft bestehen, das eigene Potenzial zum Kinderschutz auszuschöpfen.

Verantwortung teilen – das beste Schutzkonzept

Die Einschaltung der anderen Institution sollte dann auch nicht so interpretiert werden, dass nur Verantwortung abgegeben wird, sondern vielmehr als zusätzliche Möglichkeit gesehen werden, um verbindliche Handlungsschritte für die Kooperation im Einzelfall zu verabreden und ein Schutzkonzept für das Kind zu erstellen.

Im Rahmen der Fallarbeit bestand am 3. Fachtag für Kinderschutzgruppen schließlich an den sechs Diskussionstischen die Möglichkeit für die Teilnehmenden, einen eigenen Fall in Form einer kollegialen Fallberatung zu besprechen. Hierbei konnten die Falleinbringenden auf das Wissen, die Kompetenz und die unterschiedlichen Perspektiven der Mitarbeitenden der verschiedenen Kinderschutzgruppen zurückgreifen.

Durch die Fallarbeit konnten die Teilnehmenden voneinander und von den unterschiedlichen Arbeitsweisen der einzelnen Kinderschutzgruppen lernen und Impulse in die eigene Arbeit mitnehmen. Auch wurde bei der Betrachtung der Kooperation mit der Jugendhilfe deutlich, dass die Kinderschutzgruppen auch als Übersetzer vom medizinischen in das Jugendhilfesystem fungieren und damit den Kinderschutz im Sinne der Verantwortungsgemeinschaft wesentlich unterstützen.

Zu wenig Mittel für den Kinderschutz

Es zeigte sich, dass die meisten Kinderschutzgruppen unter sehr schwierigen strukturellen und zeitlichen Bedingungen arbeiten. Außer in Landshut und in Stuttgart ist diese Arbeit nicht mit finanzierten Stellen hinterlegt.

Das Kinderschutzteam (KST) am Olgahospital besteht seit Oktober 2010. Zuvor und auch in den ersten Jahren des Bestehens des KSTs mussten viele Hürden, Stolpersteine und Unsicherheiten bewältigt werden. Dies gelang nur mit dem Engagement der einzelnen Mitarbeitenden und dem kooperativen Einsatz der beiden Systeme von Jugendhilfe (Jugendamt Stuttgart) und Gesundheitswesen (Olgahospital, Klinikum Stuttgart). Daraus entstanden ist – mit vom Gemeinderat bewilligten unbefristeten Stellen –ein mittlerweile gut etabliertes Kinderschutzteam am Olgahospital, das sich um alle Fragen rund um den Kinderschutz im Klinikum kümmert.

Zum 3. bundesweiten Kinderschutzgruppenfachtag gab es viele positive Rückmeldungen. Anbei einige O-Töne der Teilnehmenden:
  • Es war sehr spannend, konnte viel vom Stuttgarter Modell lernen.
  • Der Austausch untereinander war sehr wertvoll.
  • Insbesondere das Thema Vernetzung stand im Fokus.
  • Viele Möglichkeiten zum Austausch waren vorhanden.
  • Schöner Ausgleich zwischen aktiven und passiven Einheiten.

Fazit

Anhand dieser Rückmeldungen wurde deutlich, dass ein Fachtag zum Thema Kinderschutz, der den Beteiligten Zeit zum Austausch und zur Vernetzung ermöglicht, die Verantwortungsgemeinschaft im Kinderschutz stärkt. Das Format des Kinderschutzgruppenfachtags in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin wird auch 2019 weitergeführt und von der Kinderschutzambulanz der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen unter der medizinischen Leitung von Frau Dr. Schmidt-Blecher ausgerichtet werden.



Autoren

Mascha Hering, Rose Nowotzin, Silke Hurton, Oliver Zimmermann und Andreas Oberle


Korrespondenzadresse
Dr. Andreas Oberle
E-Mail: kinderschutzteam@klinikum-stuttgart.de

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2019; 90 (2) Seite 136