Im Frühsommer fand im Gesundheitsamt Stuttgart ein gemeinsamer Fachtag mit dem Berufsverband für Pflegeberufe e. V. zum aktuellen Stand der Schulgesundheitspflege in Deutschland statt. Im Fokus stand dabei insbesondere die zunehmend wichtige Rolle der Schulgesundheitsfachkraft (SGFK) in der heutigen Lebenswelt Schule.

Denn die Schule ist nicht nur ein Lern-, Erfahrungs- und Förderraum für das Gesundheitsbewusstsein und die -Kompetenz von Kindern und Jugendlichen. Sie muss heute auch die Herausforderung meistern, längere Unterrichts- und Betreuungszeiten auch am Nachmittag, zunehmend heterogener Schülerschaften mit unterschiedlichem Sprach- und kulturellen Hintergrund sowie eine wachsende Zahl chronisch kranker Kinder mit verschiedenen Betreuungs- und Pflegebedarfen zu bewältigen.

Dem steht ein Schulsystem gegenüber, das von zunehmender Belastung auch für Lehrkräfte durch Bürokratisierung, Digitalisierung und Migration geprägt ist.

© Heinz-Peter Ohm, GA Stuttgart
Abb. 1: Die Beteiligten des Fachtags (v. l.): Nadine Haunstetter (Schulgesundheitspflegende), Jan Spaar (Technische Hochschule Mittelhessen THM), Prof. Dr. Ulrike Manz (Evangelische Hochschule Darmstadt), Prof. Dr. Heidrun M. Thaiss (DGSPJ/ Universität Münster), Bettina Straub (Gesundheitsamt Stuttgart), Prof. Dr. Catharina Maulbecker-Armstrong (THM), Ulrich Striegel (Kultusministerium Hessen), Andrea Kiefer (Vorsitzende DBfK Südwest) und Oliver Janiczek (Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung HAGE e. V.)

Bisherige Strukturen reichen längst nicht mehr aus

Die bisher im schulischen Kontext agierenden interprofessionellen Teams aus Pädagogik, Sozialarbeit und Schulpsychologie können die wachsenden Problemlagen nicht allein bewältigen. Daher steigen Einzelfallhilfen wie Schulbegleitung, Integrationshilfen und Sicherungspflege mit enormen Kosten für die Sozialsysteme stetig an.

Vor diesem Hintergrund stellt das umfassende Kompetenzspektrum der Schulgesundheitsfachkraft (SGFK) einen idealen Lösungsansatz dar. Im internationalen Vergleich, wo die School Nurse als unverzichtbarer Schlüssel auch zum schulischen Lernerfolg der Kinder oft flächendeckend verankert ist, hinkt Deutschland weit hinterher.

Der Fachtag diente der Information zum aktuellen Stand der Etablierung von SGFK in den Bundesländern, der Einordnung in den gesamtgesellschaftlichen Kontext und der Vorteile und der Finanzierungsmodelle, über die Expertinnen und Experten berichteten. Die über 60 Teilnehmenden aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten kamen in lebhaften Diskussionen in den Austausch (Abb. 1 und 2), sodass sich bereits Folgeveranstaltungen auch in anderen Bundesländern ergaben.

Erfreulich ist am Standort Stuttgart die intensive Befürwortung, Unterstützung und Begleitung durch die Politik, die auch in den Grußworten zum Ausdruck kam.

Zu den Fachbeiträgen im Einzelnen:

Die Keynote von Prof. Heidrun Thaiss ordnete das Thema Schulgesundheitspflege in einen übergeordneten Kontext. Ausgehend von der demographischen Entwicklung und explodierenden Kosten im Gesundheitswesen erläuterte sie am Beispiel unterschiedlicher Datenquellen zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen den Wandel von den Neuen Morbiditäten über die Trends von Übergewicht und der Zunahme psychischer Erkrankungen mit Verstärkung in der Pandemie, besonders bei niedrigem sozio-ökonomischem Status.

Beleuchtet wurden auch die Langzeitfolgen nach COVID-Erkrankungen, Rauchanfängerquoten, der Alkoholkonsum sowie die neuesten Daten zur Gesundheitskompetenz aus der HBSC-Studie.

Besonders gravierend ist die Prävalenz von bis zu 25 % chronisch kranker Kinder in der Schule mit besonderen Versorgungsbedarfen. Dies betrifft nicht nur die spezifischen Medikationsfragen bei Kindern und Jugendlichen, z. B. mit Diabetes, die mit 30.000 die größte Gruppe darstellen, sondern auch Teilnahmen an Klassenfahrten und Ausflügen, Überwachung von Hypo- und Hyperglykämien, akute Entgleisungen bei Infekten oder körperlicher Belastung. Dieses Management chronischer Erkrankungen als Inklusionsunterstützung entlastet Schule und Elternhaus genauso wie bei der Versorgung akuter Verletzungen, Vermittlung von Hygiene- und Impfwissen, Gesundheitskompetenz in Ernährungs-, Bewegungs- und Stressbewältigungsfragen sowie bei der Differenzierung und Einordnung psychischer Problemlagen in den interprofessionellen Teams. So kann die "Gute gesunde Schule" systemisch etabliert werden.

© Heinz-Peter Ohm, GA Stuttgart
Abb. 2: Auch nach ihrer Keynote musste Prof. Heidrun Thaiss, Präsidentin der DGSPJ, zahlreiche Fragen beantworten.

Prof. Ulrike Manz beleuchtete nach einem kurzen Rückblick in die Historie zur Etablierung der Schulschwestern in Deutschland den aktuellen Stand. So sind aktuell 153 SGFK in 274 Schulen in 10 Bundesländern deutschlandweit im Einsatz. Sie stellte differenziert das Tätigkeitsspektrum dar und verwies auf ihre Rolle als Antwort auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen. Auch der Abbau sozialer Ungleichheiten kann ein positiver Nebeneffekt ihrer Tätigkeit sein.

Anstellungsmöglichkeiten gibt es im ÖGD, im Landesdienst einer Schule oder bei einem externen Träger. Damit bewegt sich die strukturelle Verankerung zwischen Eigenständigkeit und Integration in bestehende Hilfestrukturen.

Die bisherigen Evaluationsergebnisse zeigen durchweg positive Effekte, die Wirksamkeit ist gut belegt.

Nadine Haunstetter berichtete über ihre Arbeit als SGFK in Stuttgart (siehe dazu auch das Interview in der Kipra-Ausgabe 5/2025, S. 383 ff.) und erläuterte insbesondere die Einbettung in und die Anbindung an bestehende Strukturen.

Prof. Catharina Maulbecker-Armstrong stellte zur Qualitätssicherung ein neues Dokumentationssystem für Tätigkeiten der SGFK vor. Es wurde mit initialer Unterstützung durch die Boschstiftung im Piloten in Hessen und Rheinland-Pfalz getestet, ermöglicht schulspezifische Analysen und steht kurz vor der Implementierung. Es konnte im anschließenden Workshop dann auch vor Ort getestet werden.

In der folgenden Podiumsdiskussion wurden vor allem die Möglichkeiten der Finanzierung von SGFK erörtert. Die Evaluationsergebnisse zeigen einen positiven Nutzen und Einsparungsmöglichkeiten im SGB V, VIII und IX. Auch das Präventionsgesetz könnte explizit einen Rahmen bieten, ebenso wie einzelne Bundesprogramme in der Lebenswelt Schule. Zahlreiche Fachgesellschaften, Lehrer- und Elternverbände unterstützen wie einige Kultusministerien das Vorhaben.

Abschließend sprachen sich alle Beteiligten für eine Fortsetzung des Austauschs auf der Bundesebene im kommenden Jahr aus.


Autorin:
Prof. Heidrun Thaiss, Präsidentin DGSPJ
Geschäftsstelle der DGSPJ
Chausseestraße 128/129, 10115 Berlin


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (6) Seite 472-473