Knoblauchwasser trinken, mit Wurzelsaft gurgeln etc: Auch verunsicherte Patienteneltern ergreifen zum Teil sinnlose und gefährliche Maßnahmen, um sich vor dem Corona-Virus zu schützen. Über Ängste und Scharlatanerie sowie den Umgang mit besorgten Patienten in der Corona-Krise berichtet Kinderarzt Markus Landzettel.

Es war nun abzusehen, dass eine Praxiskolumne auch das Thema Corona-Pandemie aufgreifen würde. Mit geradezu übermächtiger Bedeutung hat das kleine Virus die große Welt in seinen Bann gezogen. Es gibt zwischen den vielen Corona-Sondersendungen, Corona-Talkshows und Corona-Podcasts kaum noch Nachrichten mit anderem und Corona-unabhängigem Inhalt. Selbst beim 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs kam man nicht ohne Corona aus. In Moskau war der Rote Platz erstmals verwaist, da Großveranstaltungen aus Sorge vor ungebremster Ansteckung verboten sind. In Weißrussland wurde aber mit Massenaufmärschen gefeiert, da dort die Corona-Pandemie für eine Art Verschwörung gehalten wird.

Da braucht man sich also nicht zu wundern, dass auch die Patienteneltern in der Einschätzung dieser ungewohnten Situation mit einer Pandemie sehr verunsichert sind und – je nach Informationsquellen – zum Teil sinnlose oder auch gefährliche Maßnahmen ergreifen, um sich zu schützen. Ob das Trinken von Knoblauchwasser oder das Gurgeln mit Wurzelsaft aus Blutwurz, Süßholzwurzel, Kamille u. a. einen ausreichenden antiviralen oder antibakteriellen Effekt haben könnte, ist bisher nicht erwiesen. Dagegen geht beim Trinken von Bleichmittel oder beim – vom twitternden US-Präsidenten ins Spiel gebrachte – Spritzen von Desinfektionsmittel das Virus kaputt, da sein Wirt sicherlich letal geschädigt wird. Die Sorge, ohne adäquate Behandlung oder Prophylaxe einer wohlmöglich todbringenden Erkrankung ausgeliefert zu sein, verführt dazu, nach jedem Strohhalm zu greifen. Ein großes Geschäft für Scharlatanerie. Immerhin gab es bereits eine richterliche Abmahnung gegen das von einem hessischen Apotheker als Wundermittel angepriesene homöopathische "Corona-Komplex-Z-Globuli".

Gemeinsam ist diesen Gruppen aber die Sorge, sich in der Praxis das Corona-Virus einzufangen. Dies erklärt den deutlichen Rückgang der Patientenzahlen auch in unseren Kinderarztpraxen, da Termine nicht eingehalten oder abgesagt werden.

Andere unterlassen alles in der festen Überzeugung, dass dies alles ein großer Schwindel einer Weltregierung sei und es die Corona-Pandemie ja nicht wirklich gebe. Sie befinden sich in bester Gesellschaft. Eine Gruppe von Bischöfen der katholischen Kirche sieht die eigene Beschränkung von Gottesdiensten als "Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung".

In den organisierten "Hygienedemos" geben sich verschiedene Gruppierungen von linksautonom bis rechtsradikal, Reichsbürger und Impfgegner gegenseitig eine Bühne für die krudesten Ideen.

Antrieb ist da wohl das gefühlte Unrecht, von höherer Macht seiner Rechte beraubt zu sein. Entweder werden dabei bestimmte Mächte hinter den Regierungen vermutet oder einzelne Personen (z. B. Bill Gates) oder Glaubensgemeinschaften (z. B. Juden). Da besteht eine große Gefahr durch Anfeindungen und aggressive Handlungen gegen die vermeintlich Verantwortlichen dieser als Schuldige ausgemachten Gruppen.

Es scheint also nicht so leicht zu sein, bei der erlebten Isolation im Homeoffice, beim stressigen Homeschooling der Kinder und angesichts der finanziellen Sorgen sowie den Sorgen um den Erhalt des Arbeitsplatzes einen kühlen Kopf zu bewahren. Zum Glück habe ich anscheinend viele Patienteneltern, die das trotz zum Teil heftiger Einschnitte im eigenen Leben ganz gut hinbekommen. Der Umgang in der Praxis ist ruhiger, freundlicher und mit spürbar größerem gegenseitigen Respekt vor der Geduld mit dieser Ausnahmesituation gekennzeichnet. Unabhängig von der Frage "Nun sag, wie hast du’s mit Corona?" müssen wir Pädiater in der Praxis aber auch künftig eng an den großen und kleinen Geschichten der Familien dranbleiben. Falls nötig gilt es auch, Anteilnahme zu zeigen und vor allem immer neugierig auf die Sicht der Kinder zu sein – gerade in dieser außergewöhnlichen Zeit.

Dr. Markus Landzettel, Darmstadt


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (4) Seite 228