Wir sollten nach dem Motto "Weniger ist mehr!" Mut zum Nichthandeln haben, auch und gerade in der Kinder- und Jugendmedizin, findet Kinderarzt Dr. Stefan Nolte. Was das in der Praxis bedeutet, erklärt er in seiner Praxiskolumne.

Das ist das ewige Dogma, welches in Diskussionen immer wieder aufkommt. Wenn ich 2 Optionen habe, wird in der Regel und oft wider besseres Wissen die "invasivere" gewählt: ut aliquid fiat. Das Handeln hat gegenüber dem Nichtstun Selbstzweck. Dabei sollte es doch genau umgekehrt sein: Wenn ich 2 gleichwertige Optionen habe, etwa bei einem vesikoureteralen Reflux zu operieren oder nicht zu operieren, wäre es doch eigentlich logisch, die weniger invasive und dabei risikoärmere, und auch noch wesentlich preiswertere zu wählen. In diesem Fall ist durch die schon etwas betagte internationale Refluxstudie (Smellie et al. 1992, Jodal et al. 1992) die Datenlage eindeutig.

Weniger eindeutig ist es bei Adenotomien, Paukenröhrchen und Tonsillotomien. Wir wissen genau, dass die Problematik eine vorübergehende ist, weil sie lebensalter- und lebensartabhängig ist. Muss hier also stets die große und invasive Keule herausgeholt werden?

Bis vor wenigen Jahren war die Hauptinzidenz der Adenoiden-Symptomatik im Alter von 3 bis 4 Jahren. Die Kinder kamen mit 3 in den Kindergarten, dann fingen sie sich alles Mögliche ein, und nach dem ersten Kindergartenwinter, im März/April war es dann soweit: Die "Polypen" mussten raus und Röhrchen rein. Konnte man sie über diese Zeit durch Verhinderung des Aufsuchens eines HNO-Kollegen "retten" – was gar nicht so einfach war, weil da auch Erzieher und Großeltern mit reinredeten – besserte sich die Symptomatik im Sommer meist rasch.

Leider erfahren wir nicht selten zufällig erst bei der U8, was inzwischen alles passiert ist und unternommen wurde. Uns wird dann schmerzlich bewusst, dass sich ein Großteil der medizinischen Versorgung von Kindern neben und ohne uns stattfindet. An den Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen lässt sich das leicht nachweisen und die Meinung eines guten Teils der Ärzteschaft, dass Pädiater sowieso überflüssig seien, bestätigt finden.

Aber tempora mutantur, et mutamur in illis. Durch die institutionalisierte frühe Fremdbetreuung hat sich auch die Inzidenz der rekurrierenden Otitiden und chronisch behinderten Nasenatmung in eine andere Altersgruppe verschoben: Schon die 1 ½-Jährigen kommen nach dem ersten Kita-Winter mit einer lymphatischen Hyperplasie an, die immer häufiger zu operativen Eingriffen bei immer jüngeren Kindern führt. Ich habe das Gefühl, dass die akademische Pädiatrie dieses Feld längst den operativen Kollegen der HNO überlassen hat, ohne eine eigene Meinung dazu zu haben.

Wir sollten nach dem Motto "Weniger ist mehr!" Mut zum Nichthandeln haben. Das heißt aber im Umkehrschluss nicht, nichts zu tun. Denn wenn man nichts tun kann oder muss, gibt es besonders viel Grund, viel zu erklären und auch auszuhalten. Gerade dann hat man oft besonders viel zu tun, weil dann viele Widerstände überwunden und noch mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden muss.

Hat nicht schon unser Altmeister Willibald Pschyrembel immer gesagt: "Man muss viel wissen, um wenig zu tun"? Der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio spricht vom "Seinlassen als ärztliche Leistung" (Ärzteblatt Baden-Württemberg 6/2015, S. 296).

Leider werden wir als Leistungserbringer für das Erbringen dieser Leistungen – das Unterlassen nicht zwingend notwendiger Maßnahmen – nicht bezahlt. Die Aktionisten mit ihrem forschen und – im doppelten Sinne – invasiven Vorgehen dagegen schon.

Dr. Stephan H. Nolte, Marburg/Lahn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (3) Seite 156