Wann es in Kolleginnen- und Kollegenkreisen begann, bleibt unklar. Die dortigen MFAs merkten es zuerst. Sie sind am nächsten dran und sehen die Veränderungen in der Schrift, die fehlerhafte Arbeitsweise, das Vertuschen von Fehlern, die merkwürdigen Stimmungsschwankungen, die unnötigen Wiederholungen, die verwaschene Aussprache, die zittrigen Hände am Vormittag und die erstaunliche Gelassenheit nach der Mittagspause. Zufall? Schlechter Tag? Burnout? Oder doch mehr?

Alkoholismus in der (Kinder-)Arztpraxis trägt keinen weißen Kittel mit Warnhinweis. Es riecht allenfalls ein wenig nach Mundwasser, auffallend starkem Kaffee oder nach Parfüm. In Arztpraxen herrscht häufig eine Kultur des Wegschauens. Schließlich kennt man sich seit Jahren. Man arbeitet zusammen, feiert Geburtstage und Weihnachtsfeste. Man möchte niemandem schaden. Also werden Fehler ausgebügelt, Patientinnen und Patienten beruhigt und Verordnungen nachkontrolliert. Den Helfenden helfen – auch der Praxisleitung.

Doch genau dort beginnt das eigentliche Problem. Nicht der Alkohol zerstört zuerst das Vertrauen. Es ist das kollektive Schweigen.

Eine Praxisleitung unter Alkoholeinfluss gefährdet nicht nur sich selbst. Sie gefährdet Menschen, die darauf vertrauen dürfen, dass medizinische Entscheidungen klar, sorgfältig und verantwortungsvoll getroffen werden. Eine falsche Medikamentendosierung oder eine fehlerhafte und unzureichende Untersuchung können gravierende Folgen haben. Wer Auffälligkeiten bemerkt, steht deshalb nicht vor der Frage: "Darf ich etwas sagen?", sondern: "Wie lange darf ich noch schweigen und wen spreche ich an?"

Natürlich bedeutet eine Suchterkrankung nicht automatisch das Ende einer ärztlichen Laufbahn. Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung und behandelbar. Viele Betroffene kehren nach erfolgreicher Therapie sicher in ihren Beruf zurück. Voraussetzung ist jedoch die Einsicht in die Erkrankung und die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen.

Die Außenwirkung ist verheerend. Vertrauen ist das wichtigste Medikament einer Arztpraxis. Patienteneltern vertrauen uns Pädiaterinnen und Pädiatern intime Informationen an, lassen ihre Kinder impfen und geben ihnen Medikamente aufgrund unserer ärztlichen Empfehlungen. Wird bekannt, dass eine Praxisleitung alkoholisiert behandelt hat und das Praxisteam dies wusste oder zumindest hätte erkennen können, leidet nicht nur der Ruf des Einzelnen. Das Vertrauen in die gesamte Praxis und letztlich in den Berufsstand wird erschüttert.

Alle in der Praxis Beschäftigten befinden sich deshalb in einem schwierigen Spannungsfeld zwischen Loyalität und Verantwortung. Loyalität bedeutet jedoch nicht, Fehler zu vertuschen. Wahre Kollegialität beginnt dort, wo ein vertrauliches, klares Gespräch gesucht wird und – falls erforderlich – externe Hilfe oder berufsrechtliche Stellen eingeschaltet werden. Nicht aus Denunziation, sondern aus Fürsorge für Patientinnen, Patienten und auch zum Nutzen für die jeweils betroffene Praxisleitung.

Denn wenn eine Patientin oder ein Patient zu Schaden kommt, dann stellt sich nicht mehr die Frage, wer etwas hätte sagen dürfen. Sondern, warum niemand den Mut hatte, es rechtzeitig zu tun. Also bleiben wir alle hellwach!

Dr. med. Markus Landzettel, Darmstadt


Autor:
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Dr. med. Markus Landzettel
Dr. med. Markus Landzettel ist seit 1998 in einer pädiatrischen Gemeinschaftspraxis in Darmstadt niedergelassen, ist Obmann des kinder- und jugendärztlichen Notdienstes und hat einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Akademie in Darmstadt. Er hat 3 Kinder.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (5) Seite 324