Mit den derzeitigen coronoabedingten De-Crowding-Maßnahmen sind die Kinder im Hinblick auf Akuterkrankungen viel "gesünder", hält Kinderarzt Dr. Nolte fest. Was dies für die seelische Gesundheit und die Belastungen der Familien bedeute, stehe auf einem anderen Blatt.

Die derzeitig praktizierten Distanzierungsmaßnahmen haben den Nebeneffekt, dass die Kinder heute insgesamt weniger akut krank sind als zuvor. Der subjektive Eindruck schlägt sich in den Zahlen nieder, die das RKI wöchentlich veröffentlicht. So sanken gegenüber dem Vorjahr Rotavirus-Enteritiden um über 80 %, Norovirus-Erkrankungen und Keuchhusten um 60 %, die Windpockenzahlen halbierten sich und es traten nur 15 % der Masernfälle des Vorjahres auf. So schnell kann das Masernschutzgesetz noch nicht gewirkt haben. Selbst die allgemeine Kindersterblichkeit ist, wie europäische Daten zeigen, niedrig wie nie zuvor.

Es ist schon seit Langem bekannt, dass "Crowding" die Hauptursache zur Verbreitung von Infektionskrankheiten ist. Das trifft eben auch für große Kitas und Kindergärten oder gigantische Schulzentren zu. Jetzt erhalten wir die Quittung, wenn etwa Schulen in Quarantäne gestellt werden und fieberhaft nach kleinräumigen Lösungen gesucht wird, denn kleine dezentrale Einrichtungen haben ein viel geringeres Ansteckungsrisiko jedweder Art.

Als Beispiel sei die "Hand-Mund-Fuß-Krankheit" genannt. In Studium und klinischer Ausbildung in den 70er- und 80er-Jahren habe ich sie praktisch gar nicht kennengelernt. Heute sind enterovirale Infekte hochendemisch geworden. Ich habe es für meine Praxis einmal analysiert: Vor 2008 wurde die Diagnose praktisch nicht gestellt, seither wellenförmig etwa 150 Kinder pro Jahr mit schwereren Symptomen.

In einem Kindergarten mit über 100 Kindern in meiner unmittelbaren Nachbarschaft wurde bis Corona wie vielerorts ein "offenes Konzept" ohne feste Gruppen – ja sogar ohne gemeinsame Mahlzeiten – inauguriert. Mit einem Mittagsbuffet, an dem die Kinder zwischen 11:30 Uhr und 13:30 Uhr kommen und gehen konnten, wie sie wollten. Chaos pur. Jetzt gibt es eine Kehrtwendung um 180 Grad.

Schon früher wurde beobachtet, dass Kinder in echten "Waldkindergärten" viel gesünder sind als andere. Die überhitzten, schlecht gelüfteten Räume, die nur notdürftigen Frischluftaufenthalte ("das Wetter ist schlecht, es regnet, zu kalt") führen zu den Dauerrotznasen und ständig kreisenden Infekten. Anstatt einfach mehr rauszugehen, wird das Problem durch technische Aufrüstung wie Klimaanlagen und Luftfilter zu lösen versucht, um die Raumluft coronafreier zu machen. Eine Ausflucht, aber keine Lösung.

Es ist doch logisch: Mehr Kinder auf einem Haufen – mehr Krankheiten auf einem Haufen. Mit den derzeitigen De-Crowding-Maßnahmen sind die Kinder im Hinblick auf Akuterkrankungen viel "gesünder."

Was dies für die seelische Gesundheit und die Belastungen der Familien bedeutet, steht auf einem anderen Blatt. So plagen uns die pandemischen Angststörungen in diversen somatoformen Ausprägungen: Bauchweh, Übelkeit, Kopfweh und Schulverweigerungen. Und auch die Auswirkungen des neuen Alltags auf das menschliche Miteinander, die Emotionen, das Freizeitverhalten und auf die Gewichtsentwicklung müssen uns Sorgen bereiten.

Immerhin gelingt es uns derzeit noch, in diesen auch uns in der Praxis stark belastenden Corona-Zeiten in vielen Praxen geordnete Abläufe aufrechtzuerhalten. Denn so wenig gefragt wie im Augenblick – was Husten, Rotz und Kotz und Durchfall angeht – waren wir schon lange nicht mehr.

Dr. Stephan H. Nolte, Marburg/Lahn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2021; 92 (1) Seite 6