Eine israelische Kohortenstudie belegt, dass sich vorübergehende von anhaltenden Entwicklungsverzögerungen mithilfe routinemäßiger Surveillance-Daten bereits am Ende des ersten Lebensjahres zuverlässig abgrenzen lassen.
Grundlage der Studie war eine retrospektive Kohortenstudie mit Daten aus rund 1.000 israelischen Mutter-Kind-Gesundheitszentren, die etwa 65 % der Kinder im Land betreuen. Dabei sollte die Frage geklärt werden, ob schon bei knapp einjährigen Kindern beurteilt werden kann, ob Entwicklungsverzögerungen transient oder bereits persistierend sind.
Einbezogen wurden in die Studie Kinder, die zwischen 2014 und 2022 nach der 37. Schwangerschaftswoche geboren wurden und zwischen dem 9. und 12. Lebensmonat mindestens ein altersgerechtes Entwicklungsmerkmal nicht erreicht hatten. Basis hierfür war die „Tipat Halav Israeli Surveillance (THIS)“-Skala, die 59 Entwicklungsschritte in den folgenden 4 Bereichen umfasst:
- sozial-emotional (Reaktion auf ein Aktion/Handlung)
- Sprache (Reaktion auf Stimmen/Sprechen)
- Feinmotorik (Greifbewegungen)
- Grobmotorik (Kopf leicht anheben)
Generelles Ergebnis: Eine einzelne Verzögerung hatte nur einen geringen Vorhersagewert, während Defizite in mehreren Bereichen auch in diesem frühen Alter ein deutlich höheres Risiko für eine anhaltende Entwicklungsverzögerung andeuteten.
Die Ergebnisse im Detail: Von insgesamt 529.800 untersuchten Kindern zeigten 7,1 % im Alter von 9 bis 12 Monaten eine ausgeprägte Entwicklungsverzögerung. Bei den 35.200 zwischen dem 12. und 24. Monat nachuntersuchten Kindern stellte sich bereits bei 25 % der Kinder eine persistierende Verzögerung heraus. Die höchste Vorhersagekraft für später persistierende Entwicklungsverzögerungen betrafen Schwellenwerte, die erst jenseits der 95. Perzentile erreicht wurden, gerade wenn sie in mehreren Entwicklungsbereichen auftraten. Doch auch bei der 90. oder 75. Perzentile blieb die Vorhersagekraft signifikant, sofern mindestens 2 Bereiche betroffen waren.
Da Kinder mit persistierenden Entwicklungsdefiziten stark von frühzeitigen Fördermaßnahmen profitieren, kommt den Ergebnissen dieser sozialpädiatrischen Studie große Bedeutung zu. Allerdings muss angemerkt werden, dass sich die Daten auf Israel beziehen, die THIS-Skala bislang nicht voll validiert ist und Entwicklungsverzögerungen nicht anhand klinischer Diagnosen ermittelt wurden.
Raimund Schmid
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (1) Seite 10
