Kindliche Adipositas ist eine der zentralen pädiatrischen Herausforderungen in Deutschland und vielen Ländern dieser Welt. Sie entsteht nicht allein durch individuelles Fehlverhalten, sondern an der Schnittstelle von biologischer Prädisposition, familiärer Ressourcenlage, Wohnumfeld und gesellschaftlichen Strukturen. Der One-Health-Ansatz bietet den konzeptuellen Rahmen, um diese Komplexität zu erfassen und Interventionen zu entwickeln, die über die Arzt-Patient-Dyade hinausreichen. Am folgenden Fallbeispiel des 9-jährigen Emil werden sozialmedizinische Confounder identifiziert, der Health-in-All-Policies-Ansatz diskutiert und Kinder und Jugendliche als aktive Mitgestalter ihrer eigenen Gesundheit positioniert. Prävention sollte verhältnisbezogen, sektoral vernetzt und partizipativ gestaltet sein.

Das Netzwerk "One Health Kids" startet mit Ausgabe 5/2026 der Kipra eine kleine dreiteilige Fallserie zu kindermedizinischen One-Health-Fällen. Das One-Health-Konzept ist gerade auch aus sozialmedizinischer und speziell sozialpädiatrischer Perspektive hochrelevant, weil es viele Schnittstellen zwischen Umwelt, Lebenswelt, Versorgung und Vulnerabilität sichtbar macht. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen ein wichtiges Thema! Die drei Fachbeiträge sollen die Thematik praxisnah und multiperspektivisch beleuchten. In Teil 1 geht es um das Thema "Kindliche Adipositas im One-Health-Konzept."

Als Auftakt einer dreiteiligen Reihe zur Integration des One-Health-Ansatzes in die Pädiatrie adressiert dieser Beitrag die kindliche Adipositas. Übergewicht und Adipositas zählen zu den häufigsten chronischen Gesundheitsstörungen im Kindes- und Jugendalter in Deutschland. In der KiGGS-Welle-2-Studie (2014–2017) waren 15,4 % der 3- bis 17-Jährigen übergewichtig und 5,9 % adipös, mit steigender Tendenz in sozial benachteiligten Gruppen. Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status sind rund viermal häufiger betroffen als Altersgleiche mit hohem sozioökonomischem Status. Das deutlich erhöhte Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Metabolisches Syndrom und psychische Erkrankungen belastet nicht nur das individuelle Leben, sondern führt auch zu einer hohen finanziellen Belastung des Gesundheitssystems. Ein medikamentöser Ansatz wie GLP-1-Analoga kann als Baustein einer Therapie sinnvoll sein, ist aber in jungen Altersgruppen hinsichtlich des Langzeit-Outcomes noch unzureichend erforscht und darf nicht als alleinstehende Therapieoption betrachtet werden. Die Komplexität der Erkrankung benötigt einen mehrdimensionalen Blick. Adipositas aggraviert Ungleichheit, schränkt Teilhabe ein und ist mit erheblichem Leidensdruck für die Betroffenen verbunden.

Kindergesundheit ganzheitlich wahrnehmen

In der pädiatrischen Praxis begegnen wir diesen Kindern und Jugendlichen täglich. Doch die klassische Konsultation mit Ernährungs- und Bewegungsempfehlung greift zu kurz, wenn eine erforderliche Verhaltensänderung keine strukturelle Unterstützung findet: Wenn das Lern- und Wohnumfeld keine sicheren Spielflächen bietet und frische Lebensmittel in diesem Umfeld nicht verfügbar oder teurer sind als Fast Food.

Hier bietet der One-Health-Ansatz den ganzheitlichen konzeptuellen Rahmen: Er definiert Gesundheit als Ergebnis des Zusammenspiels von Mensch, Tier, Ökosystem sowie sozialer Umwelt und schließt soziale und strukturelle Determinanten von Gesundheit mit ein. Demnach tragen junge Menschen, die in sozial belasteten, strukturarmen Verhältnissen aufwachsen, nicht allein ein individuelles Risiko, sondern leben in Risikoumgebungen.

In der Konsequenz einer ganzheitlich wahrgenommenen Gesundheit fordert das Helsinki Statement von 2013: Health in All Policies! (HiAP). Alle Politikfelder müssen Gesundheit und Chancengleichheit priorisieren und systematisch mit einbeziehen. Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist bei diesem Ziel kein pädagogisches Ideal, sondern eine Wirksamkeitsbedingung: Interventionen, die mit Kindern und Jugendlichen entwickelt werden, sind nachhaltiger, angemessener und wirksamer als solche, die von oben verordnet werden, ein Ansatz, zu dem sich auch die UN-Kinderrechtskonvention (Artikel 12) verpflichtet.

Das Fallbeispiel von Emil inklusive Abbildung 1 zeigt die klinische Präsentation und systemische Falldarstellung im One-Health-Rahmen.

Fallbeispiel: Emil, 9 Jahre

One-Health-Confounder
  • Niedriger sozioökonomischer Status: Geringes Einkommen korreliert nachweislich mit eingeschränktem Zugang zu gesunden Lebensmitteln und sicheren Freizeiträumen.
  • Belastete Familiensituation: Die alleinerziehende Mutter verfügt über begrenzte zeitliche und emotionale Kapazitäten für strukturierte Mahlzeiten und Bewegungsförderung.
  • Bewegungsarmes Wohnumfeld: Fehlen von Grünflächen, Verkehrssicherheit und Sportgelegenheiten im Wohnumfeld reduziert die Alltagsaktivität strukturell. Eingeschränkte Wirksamkeit schulischer Bewegungsangebote durch geringe Intensität, fehlende Individualisierung sowie motivational soziale und strukturelle Barrieren. Individuelle Motivation und elterliches Engagement können dies nur bedingt ausgleichen.
  • Ungünstige Ernährungsumgebung: Die lokale Nahversorgung, auch in der Schule, ist von preisgünstigen, kalorienreichen Lebensmitteln geprägt, gesunde Alternativen sind räumlich und finanziell deutlich schwerer erreichbar (sogenannte Food-Desert-Dynamik).

Emil als aktiver Mitgestalter

Im Beratungsgespräch wird Emil mit einbezogen und nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen gefragt: Er möchte Fußball spielen, kennt aber keinen geeigneten Platz in der Nähe. Jugendliche aus einem Verein, der sich lokal engagiert, können aktiviert werden und Emil aktiv miteinbeziehen. In strukturierten Schulungsprogrammen lernt Emil mehr über Adipositas, Gesundheit und erlangt Hilfestellung zur Selbstwirksamkeit. Dieses Wissen trägt er in sein Umfeld. Diese Ressourcenorientierung ist ein zentrales Element partizipativer Prävention. Emils eigene Interessen, Stärken und Ideen werden zum Ausgangspunkt der Intervention. Gleichaltrige stellen eine effektive, niedrigere Hemmschwelle für den Beginn der Therapie dar.

Abb. 1: Klinische Präsentation und systemische Falldarstellung im One-Health-Rahmen. Die Abbildung veranschaulicht das Wechselspiel zwischen dem betroffenen Kind (biologische Prädisposition, Verhalten, Selbstwirksamkeit) und den übergeordneten Systemebenen: familiäres Umfeld, Wohnquartier, Bildungs- und Versorgungsinfrastruktur sowie gesellschaftlich-politische Rahmenbedingungen. Im Zentrum steht das Kind nicht als isoliertes Risikoobjekt, sondern als in soziale Strukturen eingebettetes Subjekt. Der One-Health-Ansatz verbindet alle Ebenen als interdependentes System. (Eigene Darstellung, Netzwerk "One Health Kids", 2026)

Prävention

Tabelle 1 zeigt eine Übersicht präventiver Ansätze aus einer ganzheitlichen One- Health- und HiAP-Perspektive.

Diskussion und Fazit: Junge Menschen eng einbinden

Das Fallbeispiel Emil illustriert, dass kindliche Adipositas nicht durch individuelle Beratung allein zu bewältigen ist. Die Behandelnden müssen Teil eines Versorgungssystems werden, das soziale Ungleichheiten aktiv adressiert. One Health liefert den konzeptuellen Rahmen; HiAP benennt die politischen Verantwortlichkeiten und ist Voraussetzung für wirksame und gerechte Prävention.

In Deutschland existieren in Ansätzen viele der beschriebenen Konzepte, jedoch fehlt es an koordinierter Umsetzung, verbindlicher Verankerung und politischem Willen zur systemischen Veränderung. Kinder wie Emil werden dann zu Akteurinnen und Akteuren ihrer Gesundheit, wenn eine Umgebung Bewegung fördert, gesundes Essen in der Schule selbstverständlich ist und Familien Unterstützung statt Vorwürfe erhalten. Insbesondere Schulen erreichen Kinder und Jugendliche über viele Jahre hinweg unabhängig von sozialem Status oder familiären Ressourcen. Bildungspolitik und Gesundheitspolitik könnten hier symbiotisch voneinander profitieren: Gesundheitskompetenz, Prävention und gesundheitliche Chancengleichheit ließen sich nachhaltig fördern. Schulgesundheitspflege (School nurses) stellt einen etablierten, praxisnahen Ansatz dar, diese Verbindung im Schulalltag zu verankern, und ist bisher in Deutschland nur unzureichend umgesetzt. Die dogmatische Trennung der Politikfelder ist eine große und nicht nachvollziehbare Hürde.

Kinderärztlicher Praxis kommt Schlüsselrolle zu

Familien sowie Kinder und Jugendliche selbst müssen befähigt werden, ihre Gesundheit und die des Umfelds eigenständig zu fördern. Der One-Health-Ansatz hilft, das Umfeld als Faktor strukturiert wahrzunehmen und zu beeinflussen. Wie auch die Schule hat die kinderärztliche Praxis eine Schlüsselrolle in der Prävention und Therapie kindlicher Adipositas: als Beratungs- und Vertrauensort, als Netzwerkknoten sowie als politische Stimme für strukturelle Gerechtigkeit und gesundheitsfördernde Lebenswelten. One Health beschreibt eine nachhaltige gemeinsame Aufgabe, die nur interprofessionell und partizipativ bewältigt werden kann: Wer erste Schritte im eigenen Umfeld geht, kann Impulse für nachhaltige Veränderungen auf anderen Ebenen setzen. Entscheidend ist dabei, dass dieser Ansatz alle einschließt, die mit jungen Menschen arbeiten, sowie die Betroffenen und ihre Familien selbst als aktive Mitgestaltende. Kinder- und Jugendärzte können diese Prozesse lokal maßgeblich anstoßen und begleiten.

Wesentliches für die Praxis . . .
  • One Health (individuelle Ebene): Ganzheitliche Wahrnehmung der Kinder und Jugendlichen in ihrem Alltag und Umfeld unter Berücksichtigung der individuellen sozialen Determinanten
  • HiAP (politische Ebene): Stadtplanung, Schul- und Kitaverpflegung, Lebensmittelkennzeichnung, Transferleistungen und Bildungspolitik sind auch Gesundheitspolitik. Gesundheit hat politische Priorität.
  • Partizipation (gesellschaftliche Ebene): Peer-Education-Ansätze, in denen Kinder- und Jugendliche andere junge Menschen begleiten, haben sich als besonders wirksam erwiesen. Veränderung geht nur mit maßgeblicher Beteiligung der Betroffenen.

→Literatur
Ein Literaturverzeichnis ist bei den Verfassern über die angegebene E-Mail-Adresse erhältlich.

Autoren:
Dr. med. David Mir-Salim


Weitere Autoren:
Simone Schrauth, Almuth Kaune, Robin Kobbe, Nadine Haunstetter
Netzwerk „One Health Kids“, Deutschland


Interessenkonflikt:
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (5) Seite 397-400