Sprachstörungen gehören mit einer Prävalenz von etwa 10 % zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Regionale Schuleingangsuntersuchungen – etwa in der Region Hannover – zeigen sogar bei fast 17 % der Kinder einen abklärungsbedürftigen Sprachförderbedarf.
Das sind alarmierende Daten, die die DGSPJ-Kongresspräsidenten Dr. Stephan Springer und Dr. Hendrik Langen beim Kongress für Kinder- und Jugendmedizin in den Fokus rückten. Dabei zeigten sie auch klar die bestehenden Defizite auf. Trotz klarer gesetzlicher Grundlagen reichten die bestehenden Angebote in Diagnostik, Förderung, Therapie und Rehabilitation nicht aus. Lange Wartezeiten, fehlende Therapieplätze und mangelnde Unterstützung der Pädiaterinnen und Pädiater verschärften die Situation zusätzlich.
Dabei komme es bei Sprachstörungen sehr auf eine frühe und präzise Diagnostik an. Die Schwierigkeit hierbei bestehe jedoch darin, eine entsprechende standardisierte Sprachstandserhebung durchzuführen. Dabei habe eine qualifizierte Sprachdiagnostik mit 2 und 3 Jahren für alle Kinder in Zusammenhang mit den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen einen sehr hohen präventiven Wert. Doch die vom G-BA im Rahmen der U7 geforderte orientierende Sprachstands-Ermittlung erkennt nach den Erfahrungen der beiden Kongresspräsidenten nicht alle Kinder mit Sprachstörungen. Erschwerend kommen Sprachbarrieren zwischen Kind und Ärztin oder Arzt hinzu.
Springer und Langen forderten daher in Leipzig für die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) „Wir brauchen eine verlässliche und flächendeckende Versorgung – von der frühen Diagnostik über die Sprachförderung in Kitas bis hin zu Therapie und Rehabilitation. Hier ist die Politik gefordert, Strukturen und Ressourcen nachhaltig zu sichern.“ Deshalb richteten Springer und Langen in Leipzig diese konkreten Appelle in Richtung Politik:
- Kinderärztinnen und Kinderärzte müssen aufgrund des Ressourcenmangels bei einer standardisierten Sprachdiagnostik deutlich durch die Politik unterstützt werden. Die Politik sollte hierbei auch Lösungen zur Überwindung von Sprachbarrieren finden.
- Die Politik sollte die Entwicklung digitaler Hilfen in den Arztpraxen aktiv fördern und die Tätigkeiten von Pädaudiologen aufwerten und ausweiten.
- Im Bereich der individuellen Diagnostik von Sprachstörungen muss die Wartezeit auf einen Platz in einem Sozialpädiatrischen Zentrum reduziert werden.
Wichtige Zusatzinfo für Pädiater: Die Ärztekammer Niedersachsen plant in diesem Zusammenhang leitliniengerechte unabhängige Fortbildungsmaßnahmen für Ärztinnen und Ärzte für die Bereiche Diagnostik und Therapie bei Sprachstörungen.
Raimund Schmid
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (6) Seite 459-460
