In der EU sinken die Impfquoten bei Kindern. Allein in Deutschland werden fünf von sieben Impfzielen verfehlt. Besonders Poliomyelitis und Haemophilus influenzae Typ b bereiten Sorgen. Diese Entwicklung gilt nach Jahrzehnten des Fortschritts als Warnsignal.
Über diese neuen Trends berichtet ein Expertenteam von der Università Cattolica del Sacro Cuore in Rom im Fachjournal "The Lancet Regional Health – Europe". Berücksichtigt in die Auswertung wurden die Durchimpfungsraten für sieben routinemäßige Impfungen beziehungsweise Impfserien europäischer Kinderimpfprogramme im Zeitraum 1980 bis 2024: die dritte Dosis gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis (DTP-3), Hepatitis B (HEPB-3), Haemophilus influenzae Typ b (Hib-3), Pneumokokken (PCV-3) und Poliomyelitis (POL-3) sowie die erste Dosis gegen Masern (MCV-1) und Röteln (RCV-1).
Die Erkenntnisse daraus sind recht ernüchternd: 16 der 27 EU-Länder wiesen zuletzt bei mindestens vier der sieben untersuchten Impfindikatoren rückläufige Trends auf, in Deutschland waren sogar fünf von sieben Impfungen mit einer Impfquote von unter 95 % betroffen. Nur noch bei Hepatitis B und der ersten Dosis eines Masern-Impfstoffs waren hierzulande leicht steigende Trends auszumachen. Luxemburg und Portugal waren die einzigen EU-Länder, die bei allen sieben Impfindikatoren eine Durchimpfungsrate von mindestens 95 % erreichten.
Als mögliche Gründe für den Rückgang der Impfquoten werden unzureichend ausgestattete und funktionierende Gesundheitsdienste, Zugangshürden und zunehmende soziale Ungleichheiten genannt. Da der Rückgang zwischen 2019 und 2022 – also während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie – einsetzte, werden als weitere Ursachen Desinformation sowie Veränderungen im Vertrauen in die Impfstoffe angeführt. Diese wachsende Impfskepsis hat in Teilen der EU bereits zur Rückkehr vermeidbarer Krankheiten geführt.
Raimund Schmid
