Dr. Markus Landzettel ist seit 1998 in einer pädiatrischen Gemeinschaftspraxis in Darmstadt niedergelassen, und er ist Redaktionsmitglied der Kinderärztlichen Praxis. Wie erlebt er den Praxisalltag in den letzten Wochen - und wie geht es weiter?

Im vergangenem Jahr 2019 trat also dieses neue Virus auf, das sich von der chinesischen Provinz Wuhan über die gesamte Welt verbreiten würde. Als die ersten Berichte dazu in den Nachrichten auftauchten, wurde ich neugierig und einige Informationsquellen wurden für mich wieder relevanter. Die Tagesschau-App auf dem Smartphone mit den interaktiven Darstellungen der Ausbreitungsgeschwindigkeit, der Todesfälle, die Internetseiten der renommierten medizinischen Verlage mit den medizinischen Berichten und Eilmeldungen und des Robert Koch-Instituts mit den Falldefinitionen und Handreichungen. Die RKI-App war auch ein stets aktueller Helfer in der täglichen Abwägung, wie ein Corona-Fall einzustufen und welches Prozedere einzuleiten war. Im weiteren Verlauf gaben auch die Seite der KV Hessen wichtige und praxistaugliche Hinweise.

Als dann in der Faschingszeit klar wurde, dass die lokale Epidemie sich zu einer weltweiten ausweiten würde, haben wir den Kontakt zum Gesundheitsamt gesucht und dort kompetente und praktikable Lösungsansätze für die Praxisorganisation absprechen können. Auch die hiesige Kinderklinik hat über den Corona-Beauftragten das Vorgehen mit den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten gut abgesprochen. Es gab mehrere telefonische Beratungen und einen regen E-Mail-Verkehr, um auch die Situation im kinder- und jugendärztlichen Notdienst (KinderÄBD) zu organisieren. Die KV Hessen organisierte auch Sondersitzungen für die ÄBD-Obleute, um das Vorgehen zu beschreiben und konstruktive Kritik in die weitere Entwicklung des Vorgehens einfließen zu lassen.

Praxispersonal früh in zwei Teams geteilt

Wir haben unser Praxispersonal früh in zwei Teams geteilt, um aus infektiologischer Sicht etwas besser aufgestellt zu sein und somit eine Praxisschließung zu vermeiden. Dies wird mittlerweile in vielen Praxen so praktiziert. Dies hatten wir so eingeführt, da das Gesundheitsamt zu Beginn bei einem Corona-Fall die gesamte Praxis in Quarantäne geschickt hätte. Nun würde das Gesundheitsamt aber die genauen Kontaktzeiten ermitteln und dann evtl. nur eine Kontaktperson in Quarantäne schicken. Zeitgleich haben wir unseren Stand an Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstungen ermittelt und berechnen können, dass dies alles nicht für eine längere Zeit ausreichen wird. Überteuerte Angebote, z. B. 15 Euro für 100 ml Desinfektionsmittel, wurden von uns dankend abgelehnt. Mittlerweile gibt es über die KV Hessen eine Bestell-Hotline. Das funktioniert besser, zumal die Wirtschaft erkannt hat, eigene Produktionen umzustellen, um den Mangel an Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel zu beheben.

Wahre medizinische Helden

So fühlten wir uns gut aufgestellt und warteten, was nun passieren würde. Durch die Medien wurde ja das Bild eines bis zur Selbstaufgabe kämpfenden medizinische Personals skizziert und sicher auch überzeichnet. Es gab nun so etwas wie einen Heldenstatus, der wohlwollend von den Balkonen beklatscht wurden. Man selbst ging allerdings der gewohnten aber zuvor unbeklatschten typischen Arbeit in der Kinder- und Jugendarztpraxis nach. Die wahren medizinischn Helden arbeiten tatsächlich in den Intensiveinheiten der Kliniken, den Testzentren, den Pflegeeinrichtungen und Altersheimen. Das Beklatschen verebbte aber auch schnell, da die berechtigte Kritik folgte, dass statt wohlfeinem Klatschen eher eine bessere Bezahlung und bessere Stellenschlüssel folgen sollten.

Die Patientenzahlen gingen deutlich zurück

Die Patientenzahlen unserer Praxis gingen ab Mitte März 2020 deutlich um 60-70 % zurück. Nicht, weil wir Patienten abbestellt hatten, sondern weil Patienteneltern aus Sorge einer möglichen Ansteckung in überfüllten Wartezimmern Termine absagten oder einfach nicht einhielten. Eine unbekannte entspannte Arbeitssituation, in der viel Liegengebliebenes aufgearbeitet werden konnte. Die Anzahl an Telefonaten und E-Mail-Anfragen nahmen aber in der Praxis zu. Die Patienteneltern haben zunehmend entdeckt, dass sie auch diese elektronischen Wege nutzen können. Die eigenen Kinder mussten auf ähnlichen Wegen auch die Hausaufgaben an die Schule zurückschicken.

Keine Angst vor dem Mundschutz

Patienten und Eltern, die kamen, waren ebenso über die kurzen Wartezeiten erstaunt und fanden den Anblick, uns teilweise mit Mundschutz arbeiten zu sehen, gewöhnungsbedürftig. Erfreulicherweise war aber nicht festzustellen, dass sich Kinder durch das Tragen des Mundschutzes verängstigt fühlten. Gerade Säuglinge scheinen länger hinzuschauen als wollten sie das „unvollständige“ Gesicht entschlüsseln.
Mittlerweile tragen die Patienten und deren Eltern in häuslicher Arbeit selbst gemachte Stoffmasken. Eine sinnvolle kreative Beschäftigung neben der ausgeweiteten Nutzung von Fernsehen, PC-Spielen und sonstigen digitalen Angeboten. Insgesamt gelingt nun auch die Trennung von Routineuntersuchungen (wie z. B. Vorsorgen und Impfungen) und den akuten Erkrankungsfällen besser. Patienten kommen seltener ohne Termin.

Wartezimmer, Anmeldung und Videosprechstunde

Im Wartezimmer sind die Sitzmöglichkeiten etwas auseinandergerückt. Große bauliche Veränderungen haben wir uns aber ebenso gespart wie das Aufstellen von Plexiglasscheiben. Wie Simulationen zeigen, habe diese bei den Tröpfchenwolken keine ausreichende Schutzwirkung in einer ansonsten nicht abtrennbaren Anmeldung. Bei der körperlichen Untersuchung kann man auch nicht die Distanzregel einhalten. Eine Inaugenscheinnahme durch eine Plexiglasscheibe hindurch auf das evtl. lediglich entblößte Kassenarztdreieck wäre eine Renaissance einer unsäglichen Pseudountersuchung. Leider ist die Videosprechstunde eine ähnlich inexakte Untersuchungsmöglichkeit, die aber immerhin durch den Mangel an Kontaktmöglichkeit eine gewisse Berechtigung erfährt, aber immer von sich selbst weiß, dass sie nur eine Krücke ist.

Als Pädiater sind wir da eh in einer schwierigeren Situation. Kinder zeigen, wenn überhaupt, nur eine gering ausgeprägte Symptomatik. Jedes Kind kann für das Personal und für die Ärzte demnach ein Infektionsrisiko darstellen. Eventuell sind sie aber auch nicht so infektiös, da sie eine geringe Viruslast im Nasen-Rachen-Raum haben. Ob es daher bei Ansteckung zu einem eher milden Infektionsverlauf kommen würde, ist noch nicht hinreichend geklärt. Dies wäre aber für uns Pädiater mit dauerhaft aktiviertem Immunsystem vielleicht eine gute Chance, glimpflich durch diese verrückte Zeit zu kommen.

Langsam steigen auch die Sorgen um das wirtschaftliche Überleben

Die Honorarzahlungen aus dem 4. Quartal 2020 stehen ebenso aus wie die des 1. Quartals 2020. Beide Quartale werden bestimmt noch gut vergütet werden. Wie die beiden Folge-Quartale ausfallen werden, bleibt aber ungewiss. Es ist daher unklar, in wie weit die finanziellen Hilfen wie Soforthilfe, Kreditaufnahme, Kurzarbeitergeld und Überziehungsrahmen überlebenswichtig für Praxen sein werden. Viele junge Praxen wird dies schlimmer treffen als ältere, da die Investitionen in medizinische Geräte, Praxisausstattung und Renovierungen noch getilgt werden müssen.

Wie geht es weiter?

Es wird nach dieser Krise eine Neuausrichtung auch im Gesundheitsbereich notwendig sein. Die finanziellen Ressourcen werden nach diesem Milliarden Euro verschlingendem Virus geringer sein. Vorhaltung im Klinik- und Pflegebereich wird Vorrang bekommen vor den vielen Angeboten mit stark beworbenen, aber ungesichertem oder nicht bewiesenem Nutzen. So wird die Homöopathie-Debatte nochmals aufgenommen werden müssen.

Vielleicht haben die frisch gewordenen Eltern dann auch begriffen, dass man sich nicht einflüstern lassen sollte, schlechte Eltern zu sein, nur weil man noch nicht eine Diagnose, die ansonsten nie gestellt worden wäre, hat osteopathisch bestimmen lassen.

Auf jeden Fall wird die Medizin digitaler werden. Neue Apps mit Tracking-Funktion und Versand medizinischer Messdaten oder Patientendaten, Videosprechstunden etc. werden Einzug halten. Der Blick in andere, besonders asiatische Länder, bereitet die Bevölkerung darauf vor.


Dr. Markus Landzettel, Kinder- und Jugendarzt, Darmstadt