Von Christiane Erner-Schwab. 151 Seiten, 2018, Brandes und Apsel Verlag, ISBN 978-3-95558-219-7; 14,90 Euro

Psychodynamische Psychotherapie im Kindesalter – was passiert da eigentlich? Für Eltern ist die Hemmschwelle zu einer psychotherapeutischen Behandlung ihres Kindes meist groß. Psychotherapeuten sehen deswegen nur einen gefilterten Ausschnitt aus dem Spektrum kindlicher Auffälligkeiten. Da die ärztliche Psychotherapie in den Fachgebieten aus verschiedenen strukturellen Gründen weitgehend am Aussterben ist, ist ein unmittelbarer psychotherapeutischer Zugang des erstbehandelnden Arztes in der Regel nicht möglich und eine Weiterleitung an einen Psychotherapeuten notwendig. Dabei ist es nicht nur für den Arzt, sondern vor allem für das Kind und dessen Eltern wichtig, diesen vielleicht angstbesetzten oder durch andere Vorurteile beeinflussten Schritt durchschaubar zu machen. Aus vielen Gründen wird letztlich nur ein Teil der Kinder einer Psychotherapie zugeführt.

Um Eltern, aber auch anderen Bezugspersonen wie Erziehern, Lehrern und Fachkollegen den konkreten Verlauf und die Probleme einer psychodynamisch-analytisch orientierten Kinderpsychotherapie aufzuzeigen und damit den durch Schweigepflicht geschützten Rahmen transparent zu machen, hat Frau Erner-Schwab diesen Ratgeber verfasst. Die psychoanalytische Psychotherapeutin mit pädagogischem Hintergrund beschreibt in dem Buch die 2-jährige tiefenpsychologisch-analytische Behandlung eines 8-jährigen Mädchens mit der Symptomatik einer ADHS und zeigt auf, dass keineswegs eine medikamentöse Behandlung notwendig ist, sondern mit einem festen Beziehungsangebot, einem konstanten Setting und einer Einbeziehung der Bezugspersonen auch eine schwierige Störung nachhaltig behandelbar ist.

Die Frage, wann eine Psychotherapie angebracht ist, an wen sich Eltern wenden können, um eine Psychotherapie zu veranlassen, wie diese abläuft und was geschieht, wie die Eltern mit einbezogen werden, wird für den Fall der psychodynamisch-analytisch orientierten Psychotherapie gut verständlich erläutert. Nun sind die psychodynamischen Therapieverfahren derzeit nicht gerade en vogue, weil verhaltenstherapeutische oder medikamentöse Maßnahmen vordergründig einen rascheren Effekt zeigen und deshalb häufig, weniger von den Eltern als von außen, insbesondere Kindergärten und Schulen, eingefordert werden. Die derzeitige gesellschaftliche Einstellung scheint mir mehr auf das Verhalten und die Symptomatik, also das Funktionieren als auf die Lebenswelt und das Erleben der Kinder fixiert. Letzteres steht aber im Mittelpunkt psychodynamischer Therapien, für die ich mir eine breitere Akzeptanz wünsche. Das Buch kann ein Weg sein, mehr Interesse und Verständnis für diese Therapieformen zu wecken, was dem mehr allgemein gehaltenen Titel nicht unbedingt zu entnehmen ist.

Dr. Stephan Heinrich Nolte, Marburg


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2019; 90 (3) Seite 215-216