Sönke Müller, Matthias Thöns. 2. Auflage, 2018, 272 Seiten, Georg Thieme Verlag. ISBN 978-3-132-41115-9; 49,99 Euro

Für nicht pädiatrisch ausgebildete Notärzte und Mitarbeiter im Rettungsdienst sind Kindernotfälle nicht alltäglich und gelten als emotional besonders belastend. Gleiches gilt für Ambulanzpersonal in Nicht-Kinderkliniken. Aber auch im Rahmen der pädiatrischen Weiterbildung und in der Kinderkrankenpflege ist der Einsatz in der Kindernotfallambulanz anfangs ungewohnt und aufregend. Ein Leitfaden für Kindernotfälle in Form eines Kitteltaschenbuchs ist in den genannten Bereichen daher ein sinnvolles Hilfsmittel zur Vorbereitung auf den Einsatz am kindlichen Notfallpatienten, bewährt sich aber auch als alltäglicher Begleiter während der Tätigkeit.

Das Buch "Memorix Kindernotfälle" versteht sich als Beitrag zur optimierten Notfallversorgung und Reduktion von Unsicherheit im Umgang mit Kindernotfällen. Es erschien 2018 in der zweiten, aktualisierten Auflage und umfasst neben der Druckausgabe auch eine e-Book-Version, welche auf der Wissensplattform des Verlages gelesen, aber auch zur Offline-Verwendung heruntergeladen werden kann.

"Memorix Kindernotfälle" öffnet mit zwei Kapiteln zu allgemeinen und erweiterten Notfallmaßnahmen. Kurz und zielführend werden dem Leser hier mit Fokus auf den kindlichen Notfallpatienten auf rund 100 Seiten die wesentlichen technischen Grundlagen vermittelt. Die im Vorwort betonte Anlehnung an die aktuellen Leitlinien des European Resuscitation Council (ERC) ist gut erkennbar, entsprechende Diagramme sind auch an mehreren Stellen originalgetreu abgebildet. Insgesamt finden sich im Buch reichlich gut erklärende Abbildungen.

Die aufgeführten Notfallmaßnahmen sind durchweg auf dem neuesten Stand der offiziellen Empfehlungen, erfreulicherweise wird auch der intraossäre Zugangsweg ausführlich dargestellt und die Möglichkeit der nasalen Medikamentenapplikation an mehreren Stellen erwähnt. Bei der Herzdruckmassage wird für das Neugeborene ein 3:1-Rhythmus angegeben, es sollte vielleicht noch darauf hingewiesen werden, dass dieser ausschließlich im Rahmen der Erstversorgung direkt nach der Geburt zur Anwendung kommt.

Obwohl in einem Kitteltaschenbuch naturgemäß eine Beschränkung auf die wesentlichen Punkte erforderlich ist, gelingt es den Autoren im ersten Buchabschnitt, alle wichtigen Inhalte ausreichend abzubilden. Ein gutes Beispiel hierfür ist das sehr praxisnah gestaltete Kapitel über Beatmung, ein Thema mit dem sich ganze Fachbücher beschäftigen. Es ist hier beispielsweise zu begrüßen und zeugt von Praxisnähe, dass die Notwendigkeit der Kapnographie herausgestellt und die Anwendung der DOPES-Kriterien im Falle von Beatmungsproblemen empfohlen wird. Wünschenswert wäre noch die Betonung der Sinnhaftigkeit eines Reservoirs bei der Beutelbeatmung, dessen Effektivität in der Anreicherung von Sauerstoff zumindest in der zugehörigen Tabelle aufgezeigt wird. Am Ende des Kapitels macht das Buch einen kurzen Exkurs in die im Rettungsdienst ebenfalls seltenen und damit vergleichbar stressbehafteten geburtshilflichen Notfälle und schließt mit der Erstversorgung des Neugeborenen. Aus der Sicht des Neonatologen könnte die Wichtigkeit der Vermeidung von Wärmeverlusten noch mehr betont werden.

Den Kapiteln über Notfallmaßnahmen folgt eine kurze alphabetische Auflistung von Symptomen ("vom Symptom zur Diagnose"). Vom Apnoeanfall bis zur Zyanose werden mögliche Ursachen aufgeführt und vereinzelt bereits sinnvolle Hinweise zum Vorgehen gegeben. Hierzu gehören beispielsweise die unbedingte Notwendigkeit der Krankenhauseinweisung des klinisch unauffälligen Säuglings nach anamnestischem Apnoeereignis, die Nahrungskarenz bei Bauchschmerzen oder die Wichtigkeit der Blutzuckermessung bei Erbrechen oder akutem Abdomen. Eine etwas deutlichere Empfehlung der Blutzuckermessung beim bewusstseinsgestörten Kind wäre wünschenswert.

Die aufgelisteten möglichen Ursachen für ein bestimmtes Symptom führen in der elektronischen Version praktischerweise über Links direkt zu den einzelnen Notfällen im nächsten Buchteil. Aber auch in der Printversion gelangt der Leser unproblematisch zu den entsprechenden Handlungsempfehlungen ("Notfälle in alphabetischer Reihenfolge"). Hier werden vom akuten Abdomen bis zur Zahnschädigung alle wesentlichen Bereiche der pädiatrischen Notfallmedizin dargestellt.

Die zahlreichen eingebetteten Diagramme und Tabellen in diesem Kapitel sind umfassend und übersichtlich gestaltet und auch hier werden die offiziellen Algorithmen und Flussdiagramme verwendet, beispielsweise bei der Anaphylaxie, der Fremdkörperaspiration, den Herzrhythmusstörungen oder dem Schock. Unter anderem für den Fall von Vergiftungen findet der Leser die entsprechenden Kontaktdaten, um im Einzelfall schnelle Empfehlungen zum Vorgehen zu erhalten.

Sinnvoll und unabdingbar für ein Notfallkompendium enthält das Buch im hinteren Teil eine ausreichend umfangreiche alphabetische Auflistung relevanter Notfallmedikamente mit Charakteristika und Dosisangaben sowie Warnungen, beispielsweise vor Ampullenverwechslungen, wo es den Autoren angebracht erscheint. Bei den erwähnten Medikamenten zur Vergiftungsbehandlung wäre eine Wiederholung der Empfehlung zur Rückversicherung bei der Giftnotrufzentrale sinnvoll, da der Einsatz nicht grundsätzlich empfohlen wird. Bei den Infusionslösungen wird im Buch wiederholt noch Ringer-Laktat aufgeführt. Hier wird zunehmend auch im außerklinischen Bereich wegen des gesteigerten Energiebedarfs bei der Laktatmetabolisierung und der Verfälschung der Laktatdiagnostik bei Infusion relevanter Mengen von Ringer-Laktat die alternative Verwendung von Ringer-Azetat empfohlen und sollte ebenfalls Erwähnung finden.

Mit rund 270 Seiten fällt "Memorix Kindernotfälle" ähnlich umfangreich aus wie vergleichbare und ebenfalls aktuelle Werke mit gleichem thematischen Anspruch, ist aber etwas teurer. Da es dem formulierten Selbstanspruch aber umfassend gerecht wird, ist es seinen Preis wert und kann den oben genannten Personengruppen und allen an der Kindernotfallmedizin Interessierten vollumfänglich empfohlen werden.

Christian Fremerey, Wiesbaden


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (1) Seite 67-68