Bachmann H, Bachmann EM (2019), gebundene Ausgabe, 384 Seiten, Kösel-Verlag. ISBN: 978-3-466-31109-5; 26 Euro.

Eigentlich sollte alles ganz einfach sein: Das angeborene Bindungsverhalten des Kindes trifft auf das angeborene Fürsorgeverhalten der Eltern. Wenn Eltern dieser Intuition nachgehen, kann in der frühen Erziehung des Kindes nicht viel schiefgehen – sollte man meinen. Nur sind die intuitiven Beziehungs- und Bindungsfähigkeiten durch ungünstige eigene Bindungserfahrungen defizitär, verschüttet oder durch pädagogische oder gesellschaftliche Vorgaben überformt. Auf der Grundlage der Bindungstheorie und der enormen Bedeutung, die das Erleben in der frühen Kindheit auf viele seelische Qualitäten und unbewusst auf Lebensfreude und Lebensgestaltung hat, haben die Autoren ein Grundlagenbuch zum gemeinsamen Leben und Erleben von Familie geschrieben.

Hannsjörg Bachmann, der ehemalige Bremer Kinderkliniksdirektor, hat mit seiner Tochter Eva-Mareille, psychologische Psychotherapeutin und Mutter von zwei Zwillingspärchen, dieses sehr persönliche Buch geschrieben, welches, basierend auf einer zutiefst humanen Grundhaltung, den Aspekt der Beziehungskultur besonders heraushebt. Dabei werden die eigenen Entwicklungen und Motivationen der Autoren nicht ausgespart. Das Vater-Tochter-Autorenduo bezieht sich auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul (1948 – 2019) und seine Basisqualitäten des respektvollen Umgangs miteinander, der Wahrung der persönlichen Integrität, der Echtheit und der aktiven und bewussten Lebensgestaltung. Diese sind, auch wenn sie nicht in der Kindheit verinnerlicht wurden, erlern- und gestaltbar.

Das Buch ist in die Bereiche Familie, Paarbeziehung, Eltern-Kind-Beziehung, persönliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen gegliedert und lässt, was den speziellen sozialpädiatrischen Aspekt angeht, Familien mit außergewöhnlichen Belastungen, wie Erkrankungen und psychosozialen Problemen, nicht aus.

Familie gelingt, wenn die Integration der persönlichen Wünsche und Bedürfnisse aller gleichberechtigten Familienmitglieder gelingt, nicht perfekt, aber "gut genug". Unser aller Verantwortung liegt darin, an den heute sehr komplex gewordenen Rahmenbedingungen, im Kleinen wie im Großen, zu arbeiten und diese im Interesse der Familien zu optimieren. Kinder- und Jugendärzte in Klinik und Praxis sollten die Familie als Ganzes im Auge behalten, besonders bei schweren Erkrankungen eines Kindes, damit Geschwisterkinder oder das ganze Familiensystem nicht hinten herunterfallen.

Dem Buch ist eine weite Verbreitung zu wünschen, allerdings ist der Umfang beträchtlich und in einer Zeit, in der eher plakative Kurznachrichten und bunte Bilder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, trotz zahlreicher treffender Karikaturen und persönlicher Bildern eher etwas textlastig. Es lässt sich aber gut auch abschnittsweise lesen, nur wann sollen Eltern es lesen? Am liebsten bereits in der werdenden Elternschaft, in der der Boden für die Frage, wie bin ich selbst großgeworden, wie ist es meinen Eltern mit mir ergangen, und was will ich auf keinen Fall – oder auf jeden Fall – genauso machen, besonders fruchtbar ist. Wenn das Baby erst da ist, ist der Tag zu voll für eine derartige Lektüre. Wenn wir das Glück haben – und das sollte im Sinne einer pränatalen Prävention die Regel sein –, die Eltern vor der Geburt bereits kennenzulernen, können wir diese Buchempfehlung aus vollem Herzen aussprechen.

Ich kann mich dem Grußwort von Jesper Juul anschließen: Glückwunsch zu diesem Werk, ich finde es sehr gut, anschaulich und gut geschrieben.

Dr. Stephan H. Nolte, Marburg/Lahn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (3) Seite 218