Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können. Herbert Renz-Polster (Hrsg.). 2019, 320 Seiten, Kösel München. ISBN: 978-3-466-31116-3; 20 Euro

Der Kinderarzt und renommierte Autor Herbert Renz-Polster hat sich bisher sehr erfolgreich mit Fragen der praktischen Pädiatrie und der Förderung der Entwicklung von Kindern beschäftigt. Sein neuestes Buch ist ein flammendes Plädoyer für die Bedeutung einer repressionsfreien Kindheit und belegt eindrucksvoll, wie der Umgang mit Kindern die Gesellschaft beeinflusst und ist damit hoch politisch.

Aktuell macht er sich vor allem Sorgen um den immer stärker werdenden Rechtsruck am Beispiel der USA und belegt seine Thesen eindrucksvoll mit vielfältigen Studien der Autoritarismusforschung. Typische Verhaltensmerkmale von Wählern populistischer Bewegungen sind der Mangel an Offenheit, das Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit, Schuldzuweisungen, wenig Mitgefühl, kein echtes Lachen, eine vermehrte Ängstlichkeit und letztendlich die Anwendung von Gewalt auch in der Erziehung.

Er vergleicht diese Verhaltensmerkmale nicht nur mit der "schwarzen Pädagogik" vor und während der Nazi-Herrschaft in Deutschland, sondern auch mit den sozialistischen Erziehungsmethoden in der DDR, die vom Säuglingsalter an großen Wert auf die Einordnung in das Kinderkollektiv und die Formung durch Konditionierung gelegt haben. Er belegt den drastischen Rückgang der Geburten nach der Wende in den neuen Bundesländern durch den Verlust des positiven Selbstbildes bei den Eltern und die fehlenden Investitionen in das unzureichend ausgestattete Kinderbetreuungssystem als eine Erklärung für die große Zahl von AfD-Wählern im deutschen Osten.

Im Vergleich mit anderen Ländern mit ihrer bedrohlich nationalistischen Politik befinden sich die Kinder und ihre Eltern in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren in einer zunehmend besseren, aber noch nicht in einer befriedigenden Situation, wie dies z. B. in der NUBBEK-Studie gezeigt wurde. Wichtigste Hemmnisse sind nach seiner Meinung die "Beschleunigungs-Erziehung" mit überhöhten Lernanforderungen ab frühester Kindheit, die ungleiche Verteilung der Ressourcen innerhalb der Gesellschaft, das Ausschalten einer empathischen Erziehung durch die Eltern und die Männlichkeitskultur. Religion als moralisch-ethische Grundlage muss kein Grund für eine Radikalisierung sein.

Diese hier nur kurz skizzierten Grundideen werden differenziert und für jeden gut verständlich zusammengetragen – das Buch ist ein großer Gewinn für alle, die mit Kindern Umgang haben und kann nur wärmstens empfohlen werden.

Prof. i. R. Dr. Hans Michael Straßburg, Gerbrunn


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (1) Seite 68