Kinderarzt Markus Landzettel findet es nicht richtig, die Schüler erst einmal drauflosschreiben zu lassen, weil es seiner Ansicht nach unnötige Probleme produziert. In Mathe fängt man auch mit dem korrekten Rechnen an. Ein Appell.

Die Kinder- und Jugendärzte hatten es schon geahnt und mehr oder weniger bei der Testung auf Legasthenie schon gespürt: Bei der Methode "Schreiben wie gehört" konnte etwas nicht stimmen.

Seit der Einführung in den Schulen gab es einen handfesten Streit zwischen den Lernwissenschaftlern und Linguisten auf der einen und den reformpädagogischen Lehrkräften auf der anderen Seite. Die Idee für diese Methode war verlockend. Die Schüler und Schülerinnen sollten durch selbstständiges Ausprobieren die Wörter so schreiben, wie sie diese gehört haben. Die einzelnen Worte werden dabei in die vermuteten Laute zerlegt, was bei einigen Dialekten große Probleme bereitet. Die entstehenden Fehler werden aber nicht korrigiert. Den Kindern wird mit den Anlauttabellen suggeriert, es gäbe nur knapp 37 Laute. In der deutschen Sprache sind aber bis zu 4.000 Laute bekannt.

Nun haben aber Auswertungen aus der Bundesländer-übergreifenden VERA-3-Lernstandserhebung 2014/2015 ergeben, dass Schüler der 3. Klasse, die nach dieser Methode den Schriftspracherwerb geübt haben, schlechtere Ergebnisse erzielten und kaum die von der Kultusministerkonferenz festgelegten Mindestanforderungen erfüllen. Die Mindestanforderungen werden auch im weiteren Verlauf nur schwer wieder aufgeholt, wie die Ergebnisse der VERA-8-Lernstandserhebung zeigen.

Da muss man schon kritisch hinterfragen, ob es richtig ist, die Kinder erst einmal drauflosschreiben zu lassen. Dies gilt umso mehr, weil dann ab der 3. Klasse eine Anwendung der Rechtschreibregeln hinzukommt und es ein böses Erwachen gibt, wenn das Textkauderwelsch dann schlecht benotet wird. Es wäre eher schülerfreundlich, den Schülern zu helfen, die korrekte Schreibweise im Kopf zu festigen. Man könnte ja anfangs von einer Benotung der Rechtschreibfehler absehen, diese aber korrigieren. Damit wäre den Kindern geholfen. Im Fach Mathe fängt man auch mit dem korrekten Rechnen an. So ergibt 2 plus 3 nicht ungefähr 7, nur weil man die Schüler nicht frusten möchte.

Mit Blick auf die Variationsbreite von ethnischer Herkunft, sozialen und ökonomischen Bedingungen sowie dem Bildungshintergrund und der unterstützenden Ressourcen würde eine Abkehr von dieser umstrittenen Methode die Chancengleichheit im Bildungssystem erhöhen. Nachhilfe kann sich heute nicht jeder mehr leisten. Die Deutschförderkurse an den Schulen werden mittlerweile eher zur Verbesserung des deutschen Wortschatzes und der dazugehörigen Grammatik benötigt.

Des Weiteren werden Schüler mit auditiven Schwächen mit dieser Methode benachteiligt. Das produziert Pseudo-Legastheniker, um die wir Pädiater uns dann neben den "echten" Legasthenikern auch noch kümmern müssen. Auch für diese Gruppe ist das frühe Einüben der korrekten Rechtschreibung hilfreich. Die beiden klassischen Lernmethoden beim Schriftspracherwerb, die silbenanalytische (die Silbe dient als Grundlage der Wortbildung) und die analytisch-synthetische (sie lehrt die korrekte Laut-Buchstaben-Zuordnung) sind der phonetischen Methode deutlich überlegen. Schon die frühe Gehirnforschung empfiehlt, die Merkfähigkeit vor allem durch beständiges Üben der korrekten Anwendung zu verbessern.

Daher geht mein Appell an Bildungspolitiker und Schulleitungen, diese unsägliche Methode zu überdenken und zu einer von den Lernwissenschaftlern und Linguisten empfohlenen Methode zurückzukehren. Gerade zu Beginn der Schulzeit sind Kinder motiviert und wollen schnell schreiben lernen. Diese Lernchance sollte man beim Schopf ergreifen und die Kinder gleich richtig schreiben lassen.



Autor:
Dr. Markus Landzettel, Darmstadt


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2017; 88 (4) Seite 218