Geht man heute in eine Sitzung oder eine Besprechung, in den Lesesaal der Uni oder schaut man sich auf der Straße um – ohne eine Wasserflasche geht nichts mehr. Woher kommt dieser Trinkwahn, der sich in den letzten Jahren so aufdringlich zeigt?
Natürlich wissen wir, dass "Austrocknung" die größte Gefahr ist, die einem Säugling mit Gastroenteritis droht. Die orale Rehydratation ist einer der größten und preiswertesten Lebensretter weltweit. Die Säuglingssterblichkeit war vor über hundert Jahren am größten im Sommer, wobei das eher an der Verderblichkeit der Milch und der Speisen als an der insgesamt fehlenden Trinkmenge lag. Ein Tütchen Zucker/ Salz kostet Cent-Beträge, ist aber epidemiologisch wirksamer als eine Impfung gegen Rotaviren – denn damit kann man auch alle anderen Formen von Gastroenteritis behandeln. Dafür braucht es keine Kühlkette und keine teure Infrastruktur: nur sauberes Wasser. Dafür zu sorgen, ist nachhaltiger als ein Impfprogramm und wahrscheinlich auch nicht teurer. Wasser ist wichtig und der Zugang zu Wasser sollte ein Grundrecht sein. Die Wasserversorgung darf daher nicht kommerzialisiert werden, wie es vielerorten geschieht.
Aber: Übertreiben wir es heute nicht nur als Pädiater mit unseren Trinkmengenempfehlungen? Sie berücksichtigen nicht das Wasser, was im Elementarprozess des Stoffwechsels entsteht: Jeder Energieträger wird mit Sauerstoff zu Wasser und Kohlendioxid oxidiert. Wir haben aus dem intermediären Stoffwechsel reichlich Wasser zur Verfügung. Der größte Teil des lebensnotwendigen Wassers deckt sich durch die Nahrung, Obst und Gemüse sowie den typischen täglichen Konsum von Tee, Kaffee, Säften und Milch. Das beste Beispiel ist der voll gestillte Säugling. Er braucht nur die Muttermilch, sonst gar nichts.
»Empfehlung: Lieber bei einfachen und bewährten Trinkmustern bleiben – und das in Maßen!«
Den Druck, den heute viele Menschen erleben, wenn sie keine 2 Liter am Tag trinken, wenn sie keine Wasserflasche greifbar haben, die Erklärung für Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme und andere Befindlichkeitsstörungen hält einer kritischen Überprüfung nicht stand. Es ist eine der typischen monokausalen Erklärungsmuster, von denen wir so viele parat haben. Man muss nicht übertreiben und darf auch mal Durst haben.
Und wenn schon Wasser, dann Leitungswasser, schlicht und simpel. Der ökologische Unfug, der mit der Produktion, Verpackung und dem Transport von Wasserflaschen einhergeht, ist nicht vertretbar. Jüngste Ereignisse wie der Skandal um "Evian" (Danone) haben gezeigt, dass Danone sich zwar außergerichtlich bereit erklärt hat, seine Werbung für "Evian" in Einweg-Plastikflaschen nicht mehr als "klimaneutral" zu bewerben. Doch der Beweis, dass dieses Wasser besser als Leitungswasser ist, steht aus. In Frankreich beschäftigt sich derzeit ein Untersuchungsausschuss damit, dass der Nestlé-Konzern verunreinigtes Oberflächenwasser illegal gefiltert und als natürliches Mineralwasser verkauft haben soll.
Welche Empfehlung sollten die Pädiater also beherzigen, um der Polydipsie entgegenzuwirken? Lieber bei einfachen und bewährten Trinkmustern bleiben – und das in Maßen!
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Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (6) Seite 402
