Seit dem 30. 09. 2019 ist bei der AWMF die überarbeitete und aktualisierte S1-Leitline "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen AVWS" einer Kommission von Experten der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie abrufbar. Eine Zusammenfassung von Frau Prof. Kiese-Himmel.

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) im Kindesalter werden in den letzten Jahren zunehmend häufiger Anlass für eine klinische Vorstellung. Dabei handelt es sich um ein vielgestaltiges Störungsgeschehen, weswegen der Terminus "AVWS" primär symptomatisch zu verstehen ist. Nicht selten findet sich eine Komorbidität mit anderen Krankheiten bzw. Symptomkonstellationen, z. B. umschriebenen Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache oder umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, tiefgreifenden Entwicklungsstörungen wie Autismus-Spektrum-Erkrankungen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen oder hyperkinetischen Störungen.

Seit dem 30. 09. 2019 ist nun bei der AWMF die überarbeitete und aktualisierte S1-Leitline "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen AVWS" (Registernummer 049-012) einer Kommission von Experten der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) abrufbar (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-012.html). Die Leitlinie (LL) gliedert sich in 4 Kapitel (Definition; Diagnostik; Differenzialdiagnose; Vorschlag für Behandlung und Management). Mehrere Anhänge bieten Hilfen für Eltern und Lehrer zum Verständnis von "AVWS". So enthält die LL Empfehlungen für Eltern von Kindern mit diagnostisch bestätigter "AVWS", solche für den Schulunterricht und für Veränderungen in der Klassenraumakustik.

Die überarbeitete und aktualisierte S1-Leitline "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen AVWS" (Registernummer 049-012 ist seit dem 30. 09. 2019 bei der AWMF abrufbar (www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/049-012.html).

In Übereinstimmung mit internationalen Konsensuspapieren werden "AVWS" von der DGPP als Störungen zentraler Prozesse des Hörens definiert, die u. a. die vorbewusste und bewusste Analyse, Differenzierung und Identifikation von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsveränderungen akustischer oder auditiv-sprachlicher Signale sowie Prozesse der binauralen Interaktion (z. B. zur Geräuschlokalisation, Lateralisation, Störgeräuschbefreiung und Summation) und der dichotischen Verarbeitung ermöglichen [1]. Auditive Verarbeitung betrifft die neuronale Weiterleitung, Vorverarbeitung und Filterung von auditiven Stimuli bzw. von Informationen auf verschiedenen Ebenen des Hörsystems. Auditive Wahrnehmung resultiert aus der kombinierten Verarbeitung durch sog. Bottom-up-Prozesse in Verbindung mit sog. Top-down-Prozessen, also die in Richtung höherer Zentren erfolgende zunehmende bewusste Analyse des auditiven Inputs.

Ziel der phoniatrisch-pädaudiologischen Diagnostik ist der Nachweis eines unauffälligen peripheren Hörvermögens und die Bestätigung bzw. der Ausschluss von "AVWS". Hierfür existiert in Deutschland (wie auch international) kein Goldstandard. Als Diagnosekriterium gilt die Abweichung von mehr als 2 Standardabweichungen vom Mittelwert der Referenzgruppe in mindestens 2 (audiometrischen und/oder psychologischen) Tests einer eklektischen Testbatterie, doch die endgültige Diagnose bedarf der Zusammenschau von
  • anamnestischen Angaben;
  • den Ergebnissen geeigneter subjektiver und objektiver audiometrischer Untersuchungsverfahren sowie psychologischer Tests zu einzelnen auditiven Funktionen;
  • dem psychometrischen Nachweis einer durchschnittlichen allgemeinen nonverbalen Intelligenzhöhe (signifikante Diskrepanz von 10 bis 15 T-Wert-Punkten zwischen der (durchschnittlichen) Intelligenz und den eingeschränkten auditiven Leistungen eines Kindes);
  • den Ergebnissen in altersgemäßen rezeptiven und expressiven Sprachentwicklungstests mit aktuellen Normwerten (plus einer standardisierten Untersuchung des Sprechens);
  • den Ergebnissen in auditiv-sprachlichen Kurzzeitgedächtnistests, ggf. auch solchen in der visuellen Modalität;
  • Beobachtungen während der pädaudiologischen Untersuchung sowie dem
  • abschließenden Vergleich der Stimmigkeit der Befunde (sog. "Cross-Check"; [2]).

Die Diagnose "AVWS" erfordert die genaue Beschreibung der nachgewiesenen Fehlleistungen/Defizite, z. B. "AVWS mit basalen auditiven Defiziten in der Frequenzauflösung, Störung der Phonemdiskrimination sowie des sprachlich-auditiven Kurzzeitgedächtnisses (KZG)" oder z. B. "AVWS mit Defiziten in der Phonemidentifikation und -analyse sowie im dichotischen Sprachverstehen". Die alleinige Beeinträchtigung des sprachlich-auditiven KZG ist für die Diagnose "AVWS" aber nicht hinreichend. Beeinträchtigungen im sprachlich-auditiven KZG bei unauffälliger visueller Merkfähigkeit sind zwar gehäuft bei Kindern mit AVWS anzutreffen, doch sie sind ein typisches Leitsymptom für umschriebene Sprachentwicklungsstörungen. Somit verweist ein Defizit im KZG zunächst vorrangig auf Einschränkungen in der Sprachentwicklung und ist beim Vorliegen einer umschriebenen Entwicklungsstörung der Sprache symptomatisch dieser zuzuordnen – ohne dass sich hieraus die Diagnose "AVWS" ableitet.

Die Diagnose "AVWS" soll auch nicht verwendet werden, wenn die gestörte Wahrnehmung akustischer Signale besser durch andere Störungen erklärt werden kann, wie z. B. tiefgreifende Entwicklungsstörungen, Aktivitäts-, Aufmerksamkeits- oder hyperkinetische Störungen, umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, modalitätsübergreifende mnestische Störungen oder durch eine gesteigerte Überempfindlichkeit gegenüber akustischen Stimuli (Hyperakusis) [2, 3].

Das therapeutische Management [4] umfasst:
  1. ein direktes Training gestörter auditiver Funktionen;
  2. eine Verbesserung der Umgebungsbedingungen für das Sprachverstehen in der Schule und zu Hause;
  3. kompensatorische Strategien;
  4. evtl. Veränderungen im schulischen Unterrichtsstil (besondere didaktische Maßnahmen);
  5. eine Verbesserung des Signal-Rausch-Verhältnisses durch angemessene akustische Verstärkung – sofern für notwendig erachtet.

Empfehlenswert ist eine Kombination von Trainingsmaßnahmen, die sowohl linguistische und kognitive Prozesse ("Top-down") berücksichtigt, wie z. B. metakognitive Strategien oder Wortschatzerweiterung, als auch das direkte Training von auditiven Defizite ("Bottom-up"). Die individuellen Therapieziele sind regelmäßig zu überprüfen und ggf. zu überarbeiten bzw. dem aktuellen Leistungsstand des Kindes anzupassen. Die Wirksamkeit der Behandlungsmaßnahme(n) ist zu kontrollieren, zu dokumentieren und statistisch abzusichern. Eine umfassende Beratung von Eltern/Bezugspersonen, Lehrern/Erziehern und gegebenenfalls Therapeuten ist selbstverständlich.

Die Prognose von "AVWS" kann noch nicht abschließend eingeschätzt werden. Es zeichnet sich ab, dass Betroffene im Laufe ihres Lebens in anspruchsvollen Hörsituationen immer wieder Einschränkungen erfahren.


Literatur:
1. Ptok M, Kiese-Himmel C, Nickisch A (2019) Leitlinie "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen": Definition. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. HNO 67: 8 – 14
2. Nickisch A, Kiese-Himmel C, Massinger C, Ptok M, Schönweiler R (2019) Leitlinie "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen": Diagnostik. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. HNO 67: 566 – 575
3. Nickisch A, Kiese-Himmel C, Wiesner T, Schönweiler R (2019) Leitlinie "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen": Differenzialdiagnose. S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. HNO 67: 576 – 583
4. Schönweiler R, Kiese-Himmel C, Plotz K, Nickisch A, am Zehnhoff-Dinnesen A (im Druck) Leitlinie "Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen" – Vorschlag für Behandlung und Management bei AVWS: S1-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie. HNO


Korrespondenzadresse
Prof. Dr. rer.nat. Dipl.-Psych. Christiane Kiese-Himmel

Psychologische Psychotherapeutin; Fachpsychologin für Klinische Psychologie BDP
Universitätsmedizin Göttingen (UMG), Georg-August-Universität
Leitung: Phoniatrisch/Pädaudiologische Psychologie
Waldweg 35, Eingang B
37073 Göttingen
Tel.: 05 51/39-2 28 44/-81 92
Fax: 05 51/39-81 94

Interessenkonflikt: Die Autorin war an der Erstellung und Publikation der Leitlinie beteiligt.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (3) Seite 195-196