Welche unerwünschten Wirkungen nach FSME-Impfung gibt es, und wie klärt man neurologische Symptome in dem Zusammenhang ab? Und kann trotz Hühnereiweißallergie gegen Masern geimpft werden? Antworten hat Univ.-Prof. Dr. med. Markus Knuf, Chefredakteur der Kinderärztlichen Praxis und Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Helios Dr. Horst-Schmidt Kliniken in Wiesbaden.

Welche Nebenwirkungen kann die FSME-Impfung haben?

Professor Markus Knuf: Der Frühling und der Sommer stehen bevor. Häufig wird zu dieser Jahreszeit die FSME-Impfung nachgefragt. Insbesondere mit Blick auf Urlaubsreisen in Endemiegebiete, wie Österreich und andere Länder, stellt sich die Frage nach einer FSME-Impfung. Grundsätzlich ist festzuhalten, dass eine FSME-Impfung dann indiziert ist, wenn eine Reise in ein Risikogebiet oder ein längerer Aufenthalt darin ansteht. Der FSME-Impfung werden immer wieder "gefährliche Nebenwirkungen", wie das Auftreten von Multipler Sklerose, Enzephalitis, Paresen und anderer neurologischer Symptome, zugeschrieben.

Wie bei jeder Impfung kann es auch nach der FSME-Impfung zu unerwünschten Wirkungen kommen. Übliche Impfreaktionen, die sich bei sehr vielen Geimpften bemerkbar machen, sind Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle. Nach Angaben des Robert Koch-Institutes (RKI) treten innerhalb der ersten 1 – 4 Tage, vor allem nach der ersten FSME-Impfung, häufig Allgemeinsymptome auf, wie Temperaturerhöhung, Kopfschmerzen, Mattigkeit, Unwohlsein oder Magen-Darm-Beschwerden [1]. Sehr selten werden Missempfindungen, wie Taubheitsgefühl und Kribbeln, beobachtet. Es kann zu vorübergehenden Gelenk- und Muskelschmerzen kommen. Im Nackenbereich können diese Anzeichen mit einer Meningitis verwechselt werden. In der Regel klingen diese Lokal- und Allgemeinreaktionen rasch und folgenlos wieder ab. Nach RKI-Angaben [1] wurden weder in verschiedenen Zulassungsstudien noch in der Surveillance nach Markteinführung schwerwiegendere lebensbedrohliche unerwünschte Wirkungen der FSME-Impfung beschrieben.

Laut Fachinformation zu den FSME-Impfstoffen wurden an Nebenwirkungen, die das Nervensystem betreffen, in klinischen Prüfungen häufig bis sehr häufig Kopfschmerzen gefunden, auch Schläfrigkeit, Wahrnehmungsstörungen oder Benommenheit traten je nach Wirkstoff unterschiedlich häufig auf. Gelegentlich wurden Schwindel, Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen sowie andere neurologische Symptome nach Markteinführung gemeldet. Wichtig ist, dass nach einer (FSME-)Impfung auftretende neurologische Beschwerden immer umfassend, kompetent und zeitnah abgeklärt werden.

Das Schema in Abbildung 1 gibt hierzu ein von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) empfohlenes Vorgehen wieder [2].


Literatur
1. RKI: Antworten auf häufig gestellte Fragen zur FSME-Impfung (Stand: 25. 9. 2019): https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/FSME/FSME-Impfung/FSME-Impfung.html
2. DAKJ: Stellungnahme der Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin: https://www.dakj.de/wp-content/uploads/2017/09/IK_SN_FSME_2004_Korr2011.pdf


Sollte eine zweite Impfung gegen Windpocken nachgeholt werden?

Professor Markus Knuf: Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfahl ab 2004 die Impfung gegen Windpocken (Varizellen) zunächst mit einer Dosis. Zu dieser Zeit standen Einzelimpfstoffe zur Verfügung, die bei Kindern unter 13 Jahren mit einer Impfdosis verabreicht werden sollten. Seit 2006 sind in Deutschland Masern-Mumps-Röteln-Varizellen-Impfstoffe (MMRV-Impfstoffe) verfügbar, die in zwei Dosen gegeben werden sollen. Auf der Basis insbesondere von Immunogenitätsdaten, nach einer Dosis bzw. zwei Dosen Varizellenimpfstoff sowie von Daten zur Häufigkeit von Durchbruchserkrankungen, wurde 2008 die Fachinformation der Einzelimpfstoffe gegen Varizellen zu einem Zwei-Dosen-Schema für Kinder unter 13 Jahren geändert. Die Impfung gegen Windpocken nach einem Zwei-Dosen-Schema wird von der STIKO seit 2009 empfohlen, insbesondere, um Ausbrüche und Durchbruchskrankheiten weiter zu reduzieren und die Übertragung des Virus auf empfängliche Personen, die selbst nicht geimpft werden können, weiter einzudämmen. Im Rahmen der Einführung der zweiten Windpockenimpfung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Kinder und Jugendliche, die bisher nur eine Varizellenimpfung erhalten haben, eine weitere als Nachholimpfung erhalten sollen.


Literatur
N. N.: Epidemiologisches Bulletin 32/2009


Kann die Masernimpfung bei Allergie gegen Hühnereiweiß durchgeführt werden?

Professor Markus Knuf: Die STIKO empfiehlt zur Immunisierung gegen Masern im Kindesalter eine zweimalige Impfung. Für nach 1970 geborene Erwachsene mit nur einer Impfung gegen Masern in der Kindheit, ohne Impfung oder mit unklarem Impfstatus wird eine einmalige Impfung gegen Masern empfohlen. Eine Masernimpfung wird ebenfalls für Personen empfohlen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Damit kommt ein breiter Personenkreis für die Masernimpfung in Frage, unter Umständen auch Personen mit einer Hühnereiweißallergie.

Die Masern- und Mumpskomponenten der in Deutschland verfügbaren MMR-Impfstoffe werden in Kulturen mit Hühnerembryozellen gezüchtet. Nach RKI-Angaben enthalten diese allenfalls kaum nachweisbare Spuren von Hühnereiweiß ohne allergisierende Potenz. Studien zufolge können auch Kinder mit bekannter Hühnereiweißallergie gefahrlos mit MMR-Impfstoff geimpft werden. Das RKI empfiehlt, bei klinisch sehr schwerer Hühnereiweißallergie, bei der es zum Bespiel nach Genuss von geringsten Mengen Hühnereiweiß zu einem anaphylaktischen Schock gekommen ist, Impfungen mit Masern- und Mumpskomponenten unter besonderen Schutzmaßnahmen und anschließender Beobachtung (ggfs. teilstationär) durchzuführen. Für den Fall einer anaphylaktischen Reaktion sollten geeignete Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung stehen.


Literatur:
RKI: Masernimpfung – Wirksamkeit, Sicherheit und Kontraindikationen, Stand: 28.02.2020; https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/MMR/Masernimpfung/FAQ-Liste_Masernimpfung.html#FAQId13739300


Korrespondenzadresse
Univ.-Prof. Dr. med. Markus Knuf

Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche
HELIOS Dr. Horst Schmidt Kliniken
Ludwig-Erhard-Straße 100
65199 Wiesbaden
Tel.: 06 11/43 25 54
und
Universitätsmedizin Mainz
Pädiatrische Infektiologie

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass er Aufgaben wie LKP und PI bei Impfstudien, Beratertätigkeit bei Firmen und Präsentationen während Industrie-Symposien übernimmt. Diese Tätigkeiten nimmt er als Dienstaufgabe war, er erhält persönlich keine Honorare von Firmen. Es besteht diesbezüglich auch keine Zielvereinbarung mit dem Dienstherrn.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (3) Seite 187-188