Die Mehrzahl der chronisch kranken Kinder kann, ggf. mit Einschränkungen, am Sport teilnehmen. Leider wird dies oft anders gehandhabt. Ein kostenloses IT-gestütztes Programm für individuelle Sporttauglichkeitsbescheinigungen soll dem entgegenwirken.

Einleitung

"Sport macht stark!"– auch Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen [1]. Diese Erkenntnis kommt leider nicht allen Kindern und Jugendlichen zugute, obwohl zahlreiche wissenschaftliche Studien [2] den positiven Effekt von Sport auf die psychomotorische, psychosoziale und auch kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen belegen. Zusätzlich besteht nach der UN-Behindertenrechtskonvention unter dem Gesichtspunkt der Inklusion ein Anspruch auf Teilhabe. Dennoch werden sie wegen der chronischen Erkrankung oftmals von der Teilnahme am Sport in der Schule "freigestellt" und in den Vereinen ausgeschlossen. Ursache ist ein Informationsmangel der beteiligten Akteure (Eltern, Sportpädagogen, Übungsleiter, aber auch behandelnde Ärzte) bei fehlendem Datentransfer von den Wissenschaftlern zu den Praktikern und von den Praktikern zu den Sportpädagogen und Übungsleitern sowie zu den Eltern.

Das hier vorgestellte Programm zur Erstellung einer differenzierten Sporttauglichkeitsbescheinigung soll dem entgegenwirken.

Chronisch kranke Kinder und Sport

Die Mehrzahl der chronisch kranken Kinder kann, ggf. mit Einschränkungen, am Sport teilnehmen. Leider wird dies hierzulande oft anders gehandhabt. Eine undifferenzierte Aussage, z. B. bei herzkranken Kindern: "Keine Teilnahme an Leistungs- und Wettkampfsport", verwehrt vielen Kindern die ihnen mögliche uneingeschränkte Teilnahme [5]. Ohne Berücksichtigung der aktuellen Schweregrade bzw. Restbefunde geht eine ärztliche Stellungnahme zur individuellen Sporttauglichkeit u. U. völlig an der Sache vorbei (Tab. 1)! Wenn z. B. bei einem Kind nach operativem Verschluss eines Ventrikelseptumdefektes ein kleiner, hämodynamisch unbedeutender Restdefekt bleibt, ist das Kind uneingeschränkt sporttauglich.

Auch wenn es keine repräsentativen Zahlen zur Häufigkeit der verschiedenen Schweregrade gibt, lässt die Zählung bei Schulanfängern im Kölner Herzzentrum erwarten, dass die Mehrzahl (85 %) der Kinder mit angeborenem Herzfehler uneingeschränkt sporttauglich ist (Abb. 1). Ähnliche Entwicklungen gibt es bei vielen anderen chronischen Erkrankungen. Nur sehr wenige Kinder mit einer lebensbedrohlichen Gefährdung müssen vom Sport ausgeschlossen werden, ihnen wird ein "Sportverbot" attestiert.

Sporttauglichkeitsbescheinigung

Um Ärzte bei der Erstellung differenzierter Sporttauglichkeitsbescheinigungen zu unterstützen, wurde von den Autorinnen mit IT-Unterstützung der Stiftung Kinderherz ein spezielles IT-Programm entwickelt, das kostenlos auf der Website der "Stiftung Kinderherz" zugänglich ist [4].

Das Programm folgt den alphabetisch geordneten Krankheitsbeschreibungen in der Broschüre: "Wir in der Schule: chronische Erkrankungen und Behinderungen im Schulalltag" [3], mit der sich Pädagogen über insgesamt 58 chronische Erkrankungen und deren Auswirkungen in der Schule informieren können. Die von den behandelnden Ärzten ausgestellte Sporttauglichkeitsbescheinigung ergänzt die jeweiligen allgemeinen Informationen über die chronischen Erkrankungen in der Broschüre mit der Attestierung der für die Teilnahme am Sport bedeutungsvollen individuellen und aktuellen Befunde der chronischen Erkrankung des jeweiligen Kindes oder Jugendlichen. Mittels Vorlagen und Satzbausteinen ermöglicht es dem Arzt in kurzer Zeit die Erstellung eines solchen Attestes. Es enthält die für die Teilnahme wichtigen Aussagen zu folgenden Aspekten:
  • Diagnose,
  • Sporttauglichkeit allgemein,
  • körperliche Leistungsfähigkeit,
  • erforderliche medizinischen Maßnahmen, die auch Einfluss nehmen auf die körperliche Leistungsfähigkeit,
  • mögliche Gefährdung des Kindes beim Sport, insbesondere zu den die Gefährdung hervorrufenden Umständen oder Übungen,
  • möglicherweise erforderliche (Schul-) Begleitung,
  • Berücksichtigung bei der Benotung,
  • eventuell erforderliche Erste-Hilfe- bzw. Notfallmaßnahmen.

Die Angaben sollen Gefährdungen, Überforderungen und Fehlbeurteilungen der Betroffenen vermeiden.

Das Programm

Das Programm und die Vorlagen zu den 58 chronischen Erkrankungen [4] sollen aus datenschutzrechtlichen Gründen nur auf dem persönlichen Computer gespeichert werden. Der Umgang mit dem Programm selbst wird in einem ebenfalls kostenlos abrufbaren ausführlichen Handbuch erklärt. Zusätzlich sind dem Handbuch allgemeine Hinweise zu medizinischen Aspekten bei Sport mit chronisch kranken Kindern und Jugendlichen zu entnehmen.

Das Programm ist so gestaltet, dass jede Aussage in der Sporttauglichkeitsbescheinigung individuell geändert und ergänzt werden kann. Der ausstellende Arzt soll die fertige Bescheinigung aus datenschutzrechtlichen Gründen den Eltern, oder bei Jugendlichen ab 16 Jahren den Betroffenen selbst, zur Weiterleitung an die Sportpädagogen oder Übungsleiter übergeben, wodurch die Einwilligung deutlich wird.

Zusammenfassung

Die Teilhabe chronisch kranker Kinder und Jugendlicher am Sport ist trotz einer umfangreichen positiven Studienlage unbefriedigend. Es ist zu hoffen, dass mit einem verbesserten Datentransfer zu den Akteuren (Sportpädagogen, Übungsleiter) mittels einer ausführlichen individuellen Sporttauglichkeitsbescheinigung, die keines großen Aufwandes bedarf, hier eine Wende herbeigeführt werden kann. Mit dem kostenlosen computergestützten Programm zur Erstellung dieser Sporttauglichkeitsbescheinigung sollen die Realisierung und weite Verbreitung unterstützt werden.

Wesentliches für die Praxis . . .
  • Zu viele Kinder mit chronischen Erkrankungen werden von der Teilnahme am Sport unberechtigterweise ausgeschlossen.
  • Eine ungerechte Benotung einer wegen der chronischen Erkrankung mangelhaften oder nicht erbringbaren Übung wird von den Kindern und Jugendlichen als Katastrophe erlebt.
  • Ein computergestütztes Programm ermöglicht die Erstellung einer ausführlichen Sporttauglichkeitsbescheinigung ohne großen Zeitaufwand.

Literatur:
1. Sticker EJ (2004). Sport macht stark – auch bei angeborenem Herzfehler. Ergebnisse einer interdisziplinären Follow-up Studie zur Entwicklungsoptimierung. Shaker-Verlag, Aachen
2. Dulfer K et al. (2014) Aerobic Exercise Influences Quality of Life of Children and Youngsters With Congenital Heart Disease: A Randomized Controlles Trial JAH 55: 65 – 72
3. Sticker EJ (2016) Broschüre: Wir in der Schule… http://www.bag-selbsthilfe.de/wir-in-der-schule-projekt.html
4. Schickendantz S, Sticker EJ (2019) Sporttauglichkeitsbescheinigung. https://www.stiftung-kinderherz.de/sportattest.html
5. Sport bei angeborenen Herzerkrankungen. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie. http://www.kinderkardiologie.org/leitlinien/


Autoren


Sabine Schickendantz¹, Elisabet Sticker²
| ¹Universität zu Köln, Medizinische Fakultät, Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie, Herzzentrum; ²Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Department Psychologie


Korrespondenzadresse
Dr. Sabine Schickendantz

Kirchweg 33
50858 Köln
Tel.: 02 21/48 65 65

Interessenkonflikt: Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2020; 91 (3) Seite 166-168