Eltern beziehen heute häufig auch über Facebook, Instagram, TikTok oder spezialisierte Online-Foren Informationen zu Themen rund um Schwangerschaft, die Geburt und die frühe Entwicklung ihrer Kinder. Doch Erziehungstipps über digitale Plattformen, die häufig über Influencer emotional aufgeladen werden oder kommerziell gesteuert sind, sind häufig kaum oder gar nicht evidenzbasiert.

Das ist auch der Grund dafür, dass soziale Medien aktiv zur Medikalisierung und Paramedikalisierung normalen Säuglingsverhaltens beitragen, behaupten Wissenschaftler von der Universitätsklinik Helsinki, die darüber geforscht haben. Besonders im Fokus stehen körperbasierte Therapieverfahren für Säuglinge, zum Beispiel die Osteopathie, chiropraktische Behandlungen, die Craniosacral-Therapie oder die Säuglingsmassage. Sie werden als Allheilmittel für Still-, Schrei- oder Schlafprobleme beworben, obwohl belastbare wissenschaftliche Nachweise fehlen. Sie erhöhen dadurch den Stress und damit auch Handlungsdruck der Eltern. Bei einem vermeintlichen „Geburtstrauma“ oder „Verspannungen“, die im Mutterleib oder während der Geburt entstanden sein sollen, wird vorgegaukelt, dass diese Phänomene therapeutisch „gelöst“ werden müssten.

Mit raschen und reaktiven Faktenchecks im klassischen Sinne lasse sich dieses Dilemma nach Ansicht der finnischen Studienautorinnen jedoch nicht lösen. Unabdingbar sei hingegen eine aktive, professionelle und koordinierte Präsenz im digitalen Raum. Dabei müssen Ärztinnen und Ärzte aber über ihren eigenen Schatten springen. Um hörbar zu werden, müssen sie solche Social-Media-Kanäle nutzen, denen Eltern bereits vertrauen, um dort evidenzbasierte Informationen in sachlicher und nachvollziehbarer Form zu positionieren. Um sich jedoch kompetent auf den für Medizinerinnen und Mediziner nicht traditionellen Plattformen einzubringen, sollten Pädiaterinnen und Pädiater, und das medizinische Personal generell gezielt darin geschult werden.


Literatur
Immeli L et al. (2026) Challenges to Infant Health Care in the Social Media Era: Misinformation and Medicalisation. Acta Paediatrica 0: 1 – 7. https://doi.org/10.1111/apa.70468


Autor
© Hartmut Kreutz
Raimund Schmid


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite 172