Gibt es zunehmende Prävalenzraten bezüglich der Behandlung von verhaltensauffälligen Kindern? Der Vergleich der Einschulungsjahrgänge aus der Pandemiezeit und der Zeit danach mit den Ergebnissen von Einschulungsuntersuchungen aus den frühen 2010er-Jahren in der Region Hannover lassen zumindest solche Rückschlüsse zu.
Denn dort hat sich nun im Vergleich zur Zeit vor und während der Pandemie herausgestellt, dass sich seit 2010 die Prävalenz starker Verhaltensauffälligkeiten mehr als verdoppelt hat. Die Ergebnisse aus der Region Hannover sind auch deshalb alarmierend, weil sich hier – im Gegensatz zu vielen anderen Regionen bundesweit – alle Kinder vor der Einschulung einer solchen Untersuchung unterziehen müssen. Die Resultate sind also durchaus repräsentativ.
Für diese umfassende Erhebung aus 3 Schuljahrgängen hat ein Team vom Fachdienst Kinder-, Jugend- und Zahnmedizin der Region Hannover Daten zu 35.800 Kindern der drei Einschulungsjahrgänge 2021/2022 bis 2023/2024 ausgewertet und diese mit denen der 3 Jahrgänge 2010/2011 bis 2014/2015 verglichen (51.500 Kinder). Die Eingangsuntersuchung umfasste unter anderem das normierte und standardisierte sozialpädiatrische Entwicklungsscreening (SOPESS), den „Strengths and Difficulties Questionnaire“ (SDQ) sowie die schulärztliche Einschätzung des Verhaltens während der Untersuchung und Elternangaben zum Verhalten der Kinder im (Vorschul-)Alltag.
Ergebnis: für die analysierten 2010er-Einschulungsjahrgänge ermittelten die Mediziner eine Prävalenz starker Verhaltensstörungen von lediglich 3,4 %. Zehn Jahre später – also während der Pandemie – lag dieser Wert bereits bei 8,3 %! Die Rate an leichten Auffälligkeiten stieg von 22 auf 27 % der Kinder an. In Behandlung waren indes zu Pandemiezeiten lediglich 5,2 % (zuvor 6 %). Dabei lag während und nach der Pandemie aufgrund der Daten eigentlich ein weit größerer Therapiebedarf vor.
Die Ergebnisse sind schwierig einzuordnen, zumal Anzeichen vorliegen, dass die Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten in jüngster Zeit wieder gesunken ist. Ein Grund für die starke Zunahme in Vergleich der Erhebungszeiträume könnte sein, dass sich durch die verstärkte Zuwanderung bildungsferner Schichten die Prävalenz erhöht hat. Vermutet wird zudem, dass der stark steigende Medienkonsum während der Pandemiejahre auch mehr Verhaltensstörungen ausgelöst hat. Eines steht aber für die Forschenden fest: Gerade für vulnerable Familien sind zusätzliche und frühzeitigere Angebote erforderlich, um rascher als bislang Verhaltensauffälligkeiten erkennen und ihnen begegnen zu können.
Raimund Schmid
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (3) Seite 171
