Kann eine auf künstliche Intelligenz (KI) gestützte telemedizinische Versorgung die Diagnose von Stoffwechselerkrankungen wie dem Typ-1-Diabetes beflügeln und auch zu passenderen und rascheren Behandlungen führen? In den USA zumindest ist man davon überzeugt und möchte diese Potenziale nun verstärkt nutzen.
Die Telemedizin war bereits ein erster Schritt, um die diabetologische Versorgung über Tele-Health-Plattformen mit durchaus großen relevanten Datenmengen gerade in ländlichen Regionen zu verbessern. Doch diese Übertragungen waren bislang nicht in der Lage, die darin enthaltenen Daten ihrer Bedeutung nach auszuwerten und zu analysieren und konnten auch nicht patientengerecht aufbereitet werden.
Eine Lösung dieses Dilemmas könnten „Künstliche Intelligenz (KI)-unterstützte Telemedizinplattformen zur bidirektionalen Kommunikation zwischen Patienten und Versorgungsteam“ darstellen, wie beim jüngsten Kongress der American Diabetes Association (ADA) in Chicago verkündet. Denn dort wurde ein Telemedizin-Modell präsentiert, das dazu führt, dass Kindern mit Typ-1-Diabetes in den ersten Wochen nach der Diagnosestellung ihren Glukosestoffwechsel früher und verlässlicher als bisher stabilisieren können. Die Plattform namens Timely Interventions for Diabetes Excellence (TIDE) ist dazu in der Lage:
- eine in Stufen automatisierte Analyse von Daten des kontinuierlichen Glukosemonitorings (CGM) zu liefern
- die von Ärzten zu sichtende Datenmenge zu reduzieren und
- Patienten mit erhöhtem Risiko für eine Blutzuckerentgleisung herauszufiltern
Mit der Algorithmus-unterstützten Entscheidungsfindung sind signifikante Erfolge eingetreten. So ist etwa der Anteil der Patienten mit einem HbA1c-Wert unter 7 % um das 2,3-Fache auf 64 % angewachsen. Nach einem Jahr lagen 68 % der Studienteilnehmer im Glukosezielbereich. Ebenfalls nach 12 Monaten konnte bei 133 Patienten im medianen Alter von elf Jahren der HbA1c-Wert um 1,1 % gesenkt werden (Nat Med 2024; 30(7):2067-2075).
Das KI-basierte System hat sich so bewährt, dass es in den USA nun sogar in die Regelversorgung überführt werden soll. Es fördert zudem die Delegation und entlastet die Pädiater. Denn die erste Analyse erfolgt von Diabetesberaterinnen, Ärzte geben nur die Empfehlungen frei oder korrigieren diese – falls medizinisch erforderlich. Das System ist zudem ein Baustein zur Entbürokratisierung. Denn integriert in die KI-gestützte Telemedizin-Plattform ist zum Beispiel die elektronische Dokumentation oder auch das dafür anzuwendende Abrechnungssystem.
Natürlich traten auch Probleme auf. Das waren zum einen Sprachbarrieren und zum anderen die mitunter unzureichende Übertragung von Daten von Familien aus sozial benachteiligten Schichten. Daher raten die Kinder-Diabetologen aus den USA, bei ähnlichen Projekten in Zukunft möglichst einfache und für alle Bevölkerungsschichten verständliche KI-Programme mit formal klaren Vorlagen aufzulegen, die dann leicht von Betroffenen ausgefüllt und personalisiert werden können.
Raimund Schmid
