Kinder und Jugendliche mit einer Autoimmunerkrankung laufen nach den Ergebnissen einer Registerstudie aus Norwegen Gefahr, auch weitere Autoimmunerkrankungen zu bekommen. In die Studie einbezogen wurden die sechs häufigsten Autoimmunerkrankungen im Kindesalter.
Im Einzelnen waren dies der Typ-1-Diabetes (T1D), die Zöliakie, chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), die juvenile idiopathische Arthritis (JIA), Autoimmunthyreopathien sowie autoimmune Lebererkrankungen. Eine Forschergruppe der Universität Oslo hat hierfür die landesweit verfügbaren norwegischen Register ausgewertet und konnte so die jeweiligen Inzidenzen ermitteln. In die Studie konnten die Daten aller zwischen 2004 und 2020 in Norwegen geborenen Kinder eingeschlossen werden.
Das Ergebnis: Bei Kindern mit einem Durchschnittsalter von 11 Jahren konnten bei 5 % mindestens zwei Autoimmunerkrankungen, bei Adoleszenten bis zu einem Alter von 18 Jahren sogar bei fast 8 % mindestens zwei Erkrankungen (oder in Ausnahmefällen auch mehr) nachgewiesen werden. Die Botschaft der Studiengruppe insbesondere an die Fachgruppe der Pädiater ist daher eindeutig: Kinder- und Jugendärzte sollten „ein erhöhtes Bewusstsein für das Risiko gleichzeitig auftretender Autoimmunerkrankungen im Kindesalter“ haben.
Am stärksten betroffen von dieser systemischen Vulnerabilität des Immunsystems waren Kinder und Jugendlichen mit Zöliakie bzw. T1D. Bereits 7 %der Zöliakie-Kinder und sogar 14 % der T1D-Kinder hatten im medianen Erkrankungsalter von 7 Jahren mindestens eine weitere Diagnose. Aber auch bei fast allen anderen Autoimmunerkrankungen war die Inzidenz der anderen fünf Autoimmunerkrankungen statistisch signifikant erhöht. Keine signifikante Korrelation gab es nur bei CED und T1D sowie bei CED und Schilddrüsenerkrankungen. Einen relevanten Faktor stellte auch der sozioökonomische Status der Kinder dar. So stand ein höherer Bildungsabschluss der Mutter im Zusammenhang mit einer geringeren Inzidenz von T1D und Autoimmunthyreopathien, war jedoch mit einer höheren Rate von Zöliakie assoziiert.
Das zum Teil mehrfache Auftreten von Autoimmunerkrankungen in der Kindheit und Jugend lasse sich nur teilweise auf gemeinsame genetische Risikofaktoren zurückführen, erläutern die norwegischen Forscher. Vermutet wird auch, dass Umweltfaktoren das Immunsystem entsprechend beeinflussen. Valide Forschungserbnisse hierüber stehen aber noch aus und sollten nach Ansicht der Osloer Wissenschaftler rasch in Angriff genommen werden.
Raimund Schmid
