Eine amerikanische Forschergruppe stellte sich die Frage, wie hoch die Prävalenz motorischer Entwicklungsverzögerungen in einer bevölkerungsbasierten Stichprobe von 8-jährigen autistischen Kindern in den USA ist und wie sich diese Verzögerungen auf das Alter bei der frühesten Autismus-Diagnose auswirken.

In einer Querschnittsstudie mit 32.850 autistischen Kindern wiesen 23.481 Kinder (71,5 %) in ihren Gesundheits- oder Bildungsunterlagen motorische Entwicklungsverzögerungen auf. Im Durchschnitt wurden Kinder mit motorischen Entwicklungsverzögerungen 8 Monate früher auf Autismus untersucht als Kinder ohne motorische Entwicklungsverzögerungen, was einen signifikanten Unterschied darstellt. Verzögerungen bei der motorischen Entwicklung sind bei autistischen Kindern häufig, und die Erkennung dieser Verzögerungen kann zu einer früheren Untersuchung und Diagnose von Autismus führen.

In der bisherigen Literatur wurde die Prävalenz motorischer Beeinträchtigungen bei autistischen Personen untersucht, aber die Schätzungen stammen aus klinischen, zweckmäßigen oder kleinen Stichproben, was Verallgemeinerungen einschränkt. Ein besseres Verständnis der Häufigkeit von Verzögerungen bei der motorischen Entwicklung bei autistischen Personen könnte die Früherkennung verbessern und in der Folge zu einer früheren Intervention und einer besseren Entwicklung führen.

Diese Querschnittsstudie mit autistischen 8-jährigen Kindern wurde unter Verwendung von Daten des Autism and Developmental Disabilities Monitoring (ADDM) Network aus den Überwachungsjahren 2000 bis 2016 durchgeführt. Die Daten des ADDM Network sind bevölkerungsbasiert und stammen aus 17 Standorten in den USA. Die Daten wurden von Oktober 2023 bis August 2024 analysiert.

Der primäre Endpunkt der Untersuchung war die Prävalenz motorischer Entwicklungsverzögerungen bei autistischen 8-jährigen Kindern. Der Zusammenhang zwischen motorischen Entwicklungsverzögerungen und dem Alter bei der Autismus-Untersuchung oder -Diagnose wurde mittels linearer Regression bewertet. Zu den Kovariaten gehörten der Studienort, das Überwachungsjahr, die Anzahl der Autismus-Diskriminatoren, geistige Behinderung, Geschlecht des Kindes sowie Rasse und ethnische Zugehörigkeit des Kindes.

Von 32.850 Kindern im Alter von 8 Jahren, bei denen durch aktive Überwachung Autismus diagnostiziert wurde, erfüllten 23.481 Kinder (71,5 %) die Kriterien für motorische Entwicklungsverzögerungen. Insgesamt waren 5.973 Kinder (18,2 %) weiblich. In linearen Regressionsmodellen wurden Kinder mit motorischen Entwicklungsverzögerungen signifikant früher auf Autismus untersucht (Durchschnittsalter 43,65 Monate; 95 %-KI: 43,38 – 43,91) als Kinder ohne motorische Entwicklungsverzögerungen (Durchschnittsalter 51,64 Monate; 95 %-KI: 51,22 – 52,06). Durch die Stratifizierung nach dem gleichzeitigen Auftreten einer geistigen Behinderung (ID) wurden Kinder mit motorischen Entwicklungsverzögerungen früher auf Autismus untersucht als Kinder ohne motorische Entwicklungsverzögerungen, unabhängig von einer ID.

Schlussfolgerung und Kommentar:
Diese Querschnitt­studie schätzt die Prävalenz von Verzögerungen bei der motorischen Entwicklung bei autistischen 8-jährigen ­Kindern und hebt den Zusammenhang zwischen diesen Verzögerungen und einer früheren Autismus-Untersuchung hervor, selbst bei Kindern ohne gleichzeitig auftretende geistige Behinderung (ID). Die frühzeitige Erkennung von Autismus ist eine Priorität im Bereich der öffentlichen Gesundheit, und die Beurteilung von Verzögerungen bei der motorischen Entwicklung, insbesondere bei Kindern mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, autistisch zu sein, kann eine frühere Autismus-Untersuchung erleichtern, was zu zeitnäheren Interventionen und besseren Entwicklungsergebnissen führt.

Literatur
Pokoski OM, Furnier SM, Gangnon RE, Howerton EM, Kirby AV et al. (2025) Prevalence of Motor Milestone Delays in Autistic Children. JAMA Pediatr 179 (7): 756 – 64


Autor
Univ.-Prof. Dr. med. Markus Knuf


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2026; 97 (2) Seite 100