Die Rückkehr aus den Tropen mit Krankheitssymptomen stellt eine diagnostische und therapeutische Herausforderung dar. Wichtig ist der zügige Ausschluss potenziell lebensbedrohlicher Erkrankungen wie Malaria, Typhus oder Dengue. Die wichtigsten Krankheitsbilder, Diagnostik und Therapieprinzipien im Überblick, damit die differenzialdiagnostische Einordnung in der Praxis gelingt.
Mit der Zunahme internationaler Reisen steigt auch die Zahl der Kinder, die mit gesundheitlichen Beschwerden aus tropischen und subtropischen Regionen zurückkehren. Neben klassischen, weltweit verbreiteten Infektionen wie Atemwegs- oder Harnwegsinfekten rücken tropenspezifische Erkrankungen zunehmend in den Fokus der Differenzialdiagnostik. Besonders bei kleinen Kindern verlaufen tropische Infektionen oft anders als bei Erwachsenen. In den Tropen und Subtropen sterben überproportional viele Kinder an Malaria, Dengue-Fieber und Typhus. Dieser Artikel bietet eine strukturierte Übersicht über Epidemiologie, wichtige Krankheitsbilder, Diagnostik und Therapieprinzipien, um Kinderärztinnen und Kinderärzte bei der differenzialdiagnostischen Einordnung zu unterstützen.
Die meisten reiseassoziierten Erkrankungen können ambulant behandelt werden. Die Schwelle für eine stationäre Einweisung sollte jedoch bei unklaren undifferenzierten Fiebererkrankungen niedrig sein.
Epidemiologie
Fieber, gastrointestinale und kutane Beschwerden sind die häufigsten Symptome bei Kindern nach Tropenaufenthalten. Lebensbedrohliche Erkrankungen wie Malaria oder Typhus abdominalis sind insgesamt selten, müssen aber rasch erkannt werden.
Die Wahrscheinlichkeit, während oder nach einer Reise zu erkranken, hängt maßgeblich von Reiseziel, -dauer und Reisestil ab. Besonders gefährdet sind Kinder, die Verwandte oder Freunde im Ausland besuchen ("visiting friends and relatives", VFR). Diese Kinder bringen häufiger tropenspezifische Erkrankungen mit und zeigen öfter schwere Verläufe, was unter anderem auf engen Kontakt zur lokalen Bevölkerung und eine seltenere reisemedizinische Beratung zurückzuführen ist [1].
Zytomegalievirus- (CMV-) und Epstein-Barr-Virus- (EBV-)Infektionen sind weltweit verbreitet und werden überwiegend durch Schmierinfektionen übertragen. In Deutschland ist die Seroprävalenz für beide Viren bei Kindern insgesamt rückläufig, wobei sich der Zeitpunkt der Primärinfektion in höhere Altersgruppen verschiebt. Aufgrund häufig niedrigerer Hygienestandards in vielen Reiseländern treten Infektionen mit diesen Erregern bei Reiserückkehrern nicht selten auf.
In vielen Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen (LMIC) zirkulieren impfpräventable Erkrankungen wie Masern, Röteln oder Varizellen. Ist der Impfstatus unvollständig, müssen auch diese Erkrankungen in die Differenzialdiagnose einbezogen werden.
Reiseassoziierte Erkrankungen manifestieren sich meist innerhalb weniger Tage bis Wochen nach der Rückkehr, können aber – abhängig von der Inkubationszeit – auch erst nach Monaten auftreten (Abb. 1).

Abb. 1: Inkubationszeiten ausgewählter reiseassoziierter Erkrankungen. Angaben näherungsweise, da diese im Einzelfall variieren können (z. B. Inkubationszeit Malaria tertiana bis 12 Monate); modifiziert nach [2].

Erkrankungen, die bisher als tropenspezifisch galten, breiten sich zunehmend auch außerhalb tropischer Regionen aus. Ursache ist die Ausweitung der Verbreitungsgebiete von Vektoren wie der Asiatischen Tigermücke. So sind mittlerweile auch in Südfrankreich, Italien oder Kroatien autochthone Übertragungen von Dengue- oder Chikungunya-Viren beschrieben [3].
Aktuelle Trends
- Dengue hat Malaria als häufigste Ursache bei fiebernden Reiserückkehrern verdrängt.
- Autochthone Dengue- und Chikungunya-Fälle in Südeuropa durch invasive Mückenarten.
Syndromale Herangehensweise:
1. Akute undifferenzierte Fieber
Malaria
Malaria ist die wichtigste importierte Tropenkrankheit. Sie ist vergleichsweise häufig (2023: 985 Fälle in Deutschland), muss bei einer Vielzahl von Erkrankungen differenzialdiagnostisch erwogen werden und ist potenziell lebensbedrohlich. Die Malaria tropica (Plasmodium falciparum) manifestiert sich meist innerhalb der ersten drei Monate nach Rückkehr und beginnt oft unspezifisch mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, manchmal auch Durchfall. Typische Komplikationen bei Kindern sind zerebrale Malaria (Koma), schwere Anämie und Hypoglykämie.
Die Malariadiagnostik ist immer als Notfalldiagnostik zu betrachten und muss taggleich erfolgen. Sie erfolgt mittels Schnelltests (pLDH, HRP-2-Antigen), dickem Tropfen und Blutausstrich. Bei anhaltendem Verdacht sollte die Diagnostik nach 12 – 24 Stunden wiederholt werden. Todesfälle durch Malaria tropica in Deutschland könnten durch schnelle Diagnostik und Therapieeinleitung verhindert werden. Die Notwendigkeit der Diagnostik besteht unabhängig davon, ob eine Malariaprophylaxe eingenommen wurde. Hauptrisikoregion ist Subsahara-Afrika.
Dengue-Fieber
Dengue-Fieber ist die häufigste fieberhafte Virusinfektion, die von Fernreisen – insbesondere aus Asien und Lateinamerika – mitgebracht wird. Nach einer Inkubationszeit von 3 – 14 Tagen treten grippeartige Symptome mit hohem Fieber, starken Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen sowie ein makulopapulöses Exanthem auf. Besonders gefährlich ist die Entwicklung eines schweren Dengue mit Blutungsneigung und Schocksymptomatik, das vor allem bei Kindern unter 15 Jahren und nach Zweitinfektion auftreten kann. Warnzeichen hierfür sind Bauchschmerzen, anhaltendes Erbrechen und Hepatomegalie. Die Sterblichkeit schwerer Verläufe liegt bei 6 – 30 % [4]. In der Frühphase ist das NS1-Antigen im Blut positiv, ab Tag 5 wird die Serologie positiv. Die Therapie erfolgt symptomatisch, wobei eine ausreichende Rehydrierung elementar ist.
Typhus und Paratyphus
Der Typhus abdominalis(verursacht durch Salmonella enterica Serovar Typhi und Paratyphi) ist eine septisch verlaufende Erkrankung, die mit einem Kontinua-Fieber einhergeht und primär das retikuloendotheliale System (Milz, Leber, Darm) befällt. Typhus präsentiert sich bei Kindern häufiger mit Durchfall, Erbrechen oder im Säuglingsalter mit Meningitis. Die Diagnostik erfolgt primär durch Blutkulturen. Die Erkrankung kann schwer verlaufen und erfordert eine gezielte antibiotische Therapie. Siehe Fallbeispiel (Kasten).
Asim, 13 Jahre
- Anamnese: vor 2 Wochen Rückkehr von einem 6-wöchigen Familienbesuch in Khartoum, Sudan; bereits vor Ort gefiebert, dazu Bauchschmerzen, Durchfall und Erbrechen; keine Umgebungsinfektionen bekannt
- Überweisung vom Kinderarzt: Ausschluss Malaria bei anhaltendem Fieber, seit 2d kaum gegessen/getrunken
- Untersuchung: Temperatur 38,5 °C, diffuse Schmerzen im Oberbauch, grenzwertige Splenomegalie
- Bildgebung: Röntgen-Thorax unauffällig; Sonographie Abdomen: Ileitis terminalis sowie eine Lymphadenitis mesenterialis
- Labor: C-reaktives Protein 65 mg/l (Norm < 5), Creatinin 0,56 mg/dl (0,45 – 0,81), GPT 34 U/l (< 50); Procalcitonin 0,67 ng/ml (< 0,5), Leukozyten 4,02/nl (4,5 – 13), Thrombozyzten 311/nl (150 – 360)
- Mikrobiologie: Blutkulturen – positiv (Time to Positivity: 15 Stunden 32 Minuten), Wachstum von Salmonella Typhi; Stuhl-Diagnostik (Multiplex-Panel) Nachweis von Salmonella sp.
- Diagnose: Typhus abdominalis durch Salmonella Typhi
- Therapie: Cefotaxim 5 d i.v., orale Sequenztherapie mit Cotrimoxazol für weitere 5 d
Zeckenstichfieber
Das afrikanische Zeckenstichfieber (African tick bite fever) wird durch Rickettsia africae verursacht. Die Inkubationszeit beträgt 2 – 10 Tage. Die Diagnose kann meist durch Nachweis eines typischen Eschars ("tache noire"; Abb. 2) am Ort des Zeckenstichs gestellt werden. Häufig ist der regionale Lymphknoten geschwollen. Das Zeckenstichfieber ist die häufigste Fieberursache bei Reiserückkehrern aus Südafrika (z. B. nach Safari). Die Therapie erfolgt mit Doxycyclin.
Abb. 2: Eschar eines Patienten mit Rickettsiose nach Südafrikareise.
2. Diarrhö beim Reiserückkehrer
Diarrhö ist mit die häufigste gesundheitliche Komplikation bei Kindern nach Tropenreisen. Kinder unter 5 Jahren sind aufgrund geringerer Magensäureproduktion und Immunität besonders betroffen. Grundsätzlich ist die Reisediarrhö meist harmlos und sistiert innerhalb von 3 – 5 Tagen ohne spezifische Therapie. Zur Abgrenzung leichter von potenziell schweren Verläufen sind folgende Kriterien relevant:
- Fieber
- Blutige Diarrhö
- Vorerkrankungen (z. B. Immunsuppression)
- Alter des Kindes (Säuglinge besonders gefährdet)
Ätiologie
Die Ursachen der Reisediarrhö variieren regional und sind sehr vielfältig. Enterotoxigene Escherichia coli (ETEC) sind hierbei ein häufiger Verursacher der selbstlimitierenden wässrigen Reisediarrhö in Entwicklungsländern (Tab. 2).
Diagnostik
Eine gezielte Diagnostik ist bei unkomplizierten Verläufen meist nicht erforderlich. Indikationen für Stuhluntersuchungen:
- Blutige Diarrhö → Kultur auf Shigella, Campylobacter, Entamoeba histolytica
- Fieber ≥38,5 °C → Blutkultur, CRP; bei Rückkehr aus Malaria-Endemiegebiet: Malariaausschluss
- Persistenz > 7 Tage → Parasitologische Diagnostik (Giardia lamblia, Cryptosporidium spp.); postenteritisches Syndrom
- Reise in Hochrisikogebiete (z. B. Indien) → Multiplex-PCR auf enteropathogene Erreger [5, 6]
Therapie bei Warnzeichen
- Stationäre Einweisung bei schwerer Dehydratation (Schockzeichen) oder Sepsisverdacht; intravenöse Rehydratation mit Ringer-Laktat-Lösung
- Azithromycin (10 mg/kg/Tag für 3 Tage) bei blutiger Diarrhö oder Campylobacter-Verdacht
3. Dermatologische Erkrankungen
Kinder, die aus tropischen Regionen zurückkehren, können Hautveränderungen aufweisen, die von banalen Insektenstichen bis zu parasitären Infektionen sowie Exanthemen im Rahmen systemischer Infektionen (z. B. Arbovirosen wie Dengue oder Zika) reichen.
Hautläsionen, die mit Fieber, Bewusstseinsstörungen, Petechien oder anderen Zeichen einer systemischen Erkrankung einhergehen, bedürfen einer dringlichen Abklärung (z. B. Typhus, Arbovirosen, Rickettsiosen, Meningokokken, virale Enzephalitiden).
Bakterielle Infektionen
Insektenstiche oder kleine Hautverletzungen können sich mit Staphylococcus aureus oder Streptococcus pyogenes superinfizieren und so zu Impetigo oder Ecthymata (tiefe Ulzerationen) führen. Risikofaktoren hierfür sind feuchtwarmes Klima, mangelnde Hygiene und Kratzen. Neben lokaler Antisepsis können Cephalosporine der ersten Generation (z. B. Cefadroxil 50 mg/kgKG/T (max. 2 g) in 2 ED für 3 – 5 Tage) bei systemischer Behandlungsindikation eingesetzt werden. Auch nicht infizierte Insektenstiche können lange jucken und gerötet sein. Besonders Sandmücken (Phlebotomen) verursachen größere, anhaltend juckende Läsionen. Diese können über längere Zeit wieder aufflammen (Flare-up-Reaktion, z. B. nach Wärmeexposition).
Bei rezidivierenden Haut- und Weichgewebeinfektionen sollte gerade bei Reiseanamnese bei Nachweis von Staphylococcus aureus eine molekularbiologische Untersuchung auf Panton-Valentin-Leukozidin (PVL) veranlasst werden (siehe Exkurs).
Panton-Valentin-Leukozidin (PVL)-positive Staphylococcus (S.)-aureus-Stämme können bei besiedelten Patienten zu rezidivierenden Haut- und Weichgewebeinfektionen führen. Diese Klone werden gehäuft bei Fernreisen akquiriert und können über Monate hinweg zu mitunter tiefen Abszessen wechselnder Lokalisation z. B. axillär oder im Genitalbereich führen. Auch kann es durch Übertragungen zu familiären Häufungen kommen. Zur Diagnostik muss das Labor bei Nachweis von S. aureus aktiv angewiesen werden eine PVL-Diagnostik durchzuführen.
Während sich die Akuttherapie dieser Abszesse nicht von PVL-negativen unterscheidet, ist im Anschluss an die Abszessbehandlung eine Dekolonisierung analog einer MRSA-Dekolonisierung mit antiseptischer oder antibiotischer Nasensalbe und antiseptische Ganzkörperwaschungen unabhängig von der Methicillin-Resistenz des nachgewiesenen Stammes angeraten.
Parasitäre Infektionen
Die Infestation mit einer Larva migrans cutanea ist eine Blickdiagnose: Die serpentinenartigen stark juckenden und geröteten Gänge meist an den Füßen (Abb. 3) sind Ausdruck eines Befalls mit verschiedenen zoonotischen Hakenwürmern, für die der Mensch ein Fehlwirt ist. Diese häufige Dermatose kann in wärmeren Klimaregionen durch direkten Kontakt mit kontaminiertem Boden erworben werden. Die Therapie erfolgt mit Ivermectin.
Abb. 3: 9-jähriger Junge mit Larva migrans cutanea an der Fußsohle nach Malaysiareise.
Eine Tungiasis (Sandflohbefall) wird durch Tunga penetrans hervorgerufen und äußert sich durch schmerzhafte Papeln mit zentralem schwarzem Punkt (Eiablagestelle), häufig an Zehen. Die chirurgische Entfernung des Parasiten ist indiziert.
Mykosen
Die Tinea corporis/pedis ist gekennzeichnet durch ausgeprägte Schuppung und Juckreiz, begünstigt durch Feuchtigkeit. Eine Pityriasis versicolor kann man anhand der hypo- oder hyperpigmentierter Maculae erkennen, hervorgerufen durch Malassezia furfur.
Therapeutisch werden topische Azole (Clotrimazol) oder Terbinafin systemisch bei ausgedehntem Befall eingesetzt.
Toxisch-irritative Dermatosen
Bei einer Phytophotodermatitis kommt es zu einer Interaktion von Pflanzensäften (z. B. Limettensaft) mit ultravioletter UVA-Strahlung. Die Reaktion entspricht im Wesentlichen einem verstärkten Sonnenbrand, der mit einigen Tagen Verzögerung (!) zu einer Blasenbildung und konsekutiven Hyperpigmentierung führt. Der Kontakt mit den Nesselgiften in den Tentakeln von Cnidarien (Quallen) kann zu ähnlichen Läsionen führen.
Chronische Hautläsionen
Bei chronischen Hautläsionen, die sich teils erst nach Wochen und Monaten manifestieren, können neben Mykobakterien, Leishmanien oder invasive Pilzinfektionen ursächlich sein. Hier kann häufig nur die Biopsie mit konsekutiven Spezialuntersuchungen (Mikroskopie, Kultur, Molekularbiologie) die Diagnose sichern.
- Die Rückkehr aus den Tropen mit Krankheitssymptomen stellt eine diagnostische und therapeutische Herausforderung dar.
- Wichtig ist der zügige Ausschluss potenziell lebensbedrohlicher Erkrankungen wie Malaria, Typhus oder Dengue.
- Besonders gefährdet sind Kinder, die Verwandte oder Freunde im Ausland besuchen (VFR).
- Bei blutiger Diarrhö nach Reise sollten Shigella spp. und Entamoeba histoloytica ausgeschlossen werden.
- Prävention durch Beratung, Impfungen und Expositionsprophylaxe bleibt der wichtigste Schutz für Kinder auf Reisen.
|
|
Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (6) Seite 410-418
