Frust scheint der konstante Begleiter zu sein, wenn es um das Thema Adipositas geht, und zwar sowohl bei betroffenen Kindern und Eltern als auch bei Behandlerinnen und Behandlern. Welche psychologischen Tipps helfen im Praxisalltag, Ziele zu erreichen und Frust zu reduzieren?

Uns geht es in diesem Beitrag darum, Frustquellen zu beleuchten mit dem Ziel, das Frustausmaß dadurch zu reduzieren. Eine damit verbundene Hoffnung wäre, dass es nicht zuletzt unseren Patientinnen und Patienten hilft, wenn wir als Behandelnde weniger frustriert an das Thema herangehen.

Wie bringen wir Psychologie und Adipositas hier zusammen?

Adipositas stellt eine chronische Stoffwechselerkrankung dar: Im ICD findet sich die entsprechende Diagnose im Kapitel der endokrinen, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (und nicht im Kapitel für psychische Störungen). Adipositas per se ist keine Essstörung, auch, wenn entsprechende Komorbiditäten möglich sind. Als Psychologinnen geht es uns an dieser Stelle also nicht um die Behandlung einer Psychopathologie, sondern um das Nutzbarmachen psychologischen Wissens für den Umgang mit einer chronischen Erkrankung und die Behandlung dieser.

Wie bei anderen chronischen Krankheiten auch (z. B. Asthma, atopische Dermatitis, Diabetes usw.) spielt bei Adipositas das Verhalten im Alltag eine Rolle und beeinflusst den Krankheitsverlauf. Wie bei anderen chronischen Krankheiten auch ist normalerweise keine Heilung zu erwarten, sondern Ziel ist im besten Fall eine Behandlung und Begleitung, bei der erstens Symptome gelindert werden, die zweitens auf eine bestmögliche Lebensqualität zielt und drittens das Risiko für Folgeerkrankungen minimiert.

Hier in aller Kürze einige Impulse, was die Psychologie dazu beisteuern kann:

  • Beispielsweise Ideen zur Frage, ob und wie sich Verhalten verändern lässt. Wie lassen sich Gewohnheiten verändern? Leider ist das überhaupt keine triviale Frage! Wenn wir z. B. an das Rauchen denken oder die Verwendung von Zahnseide, so zeigt sich, dass es bei gesundheitsförderlichem Verhalten meistens nicht bzw. nicht nur um Wissen geht. Leider reicht es bei Weitem nicht aus, dass ich weiß, dass es gesund wäre und ich abnehmen könnte, wenn ich mich mehr bewege und weniger esse.
  • Gewohnheiten zu verändern ist anstrengend, komplex und nicht einfach. Es gibt keinen "Lifehack", der für jede und jeden passt.
  • Ein Großteil des Frustes scheint mit einer Überschätzung zusammenzuhängen, was wer überhaupt wie stark beeinflussen kann: Das betrifft die Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen selbst, die Möglichkeiten der Eltern, aber auch das, was wir als Behandelnde erreichen können. Es geht also um einen realistischen Blick auf die tatsächlichen Einflussmöglichkeiten.

In diesem Sinn verstehen wir die psychologische Therapie der Adipositas hier nicht als einzelne Säule zusätzlich zu konservativer, medikamentöser oder chirurgischer Behandlung, sondern als "querliegend". Es geht um eine angemessene und hilfreiche Haltung zum Thema Adipositas und v. a. um eine Haltung gegenüber den Menschen, die es betrifft. Es geht darum, vor welchem Hintergrund die fachlich medizinische Beratung stattfindet, welche Behandlung zu welchem Zeitpunkt aussichtsreich scheint und wie bzw. ob multimodale Programme funktionieren.

(Problematische) Vorannahmen

Das zentrale Werkzeug in der konservativen Adipositas-Behandlung ist das Sprechen. Wie und was wir sagen, hängt unausweichlich eng mit unseren Vor- und Grundannahmen über Adipositas zusammen. Es empfiehlt sich deshalb, diese Grundannahmen immer wieder für sich selber zu reflektieren und zu überprüfen.

Wir nutzen in diesem Zusammenhang den Begriff des "Abnehm-Dilemmas", in das sowohl Betroffene als auch Angehörige und Fachleute immer wieder Gefahr laufen hineinzugeraten und das eine weitere typische Frustquelle ist.

Wir skizzieren hier kurz die Dilemma-Situation:

Die Sache scheint mehr als einfach: Die Energiebilanz ist einerseits Kern des Problems und andererseits die Problemlösung. Beim genaueren Hinsehen wird aus der vermeintlichen Klarheit jedoch ein "Kuddelmuddel" von Zusammenhängen (Abb. 1 [1]). Es entsteht eine beeindruckende Komplexität und Zirkularität. Das Problem Adipositas und die Problemlösung scheinen so überhaupt nicht mehr einfach, sondern stattdessen eher ein komplettes Ding der Unmöglichkeit zu werden. Abbildung 1 [1] stammt aus Untersuchungen, in denen unterschiedlichste Einflussfaktoren von Adipositas und ihr Zusammenspiel analysiert und dargestellt wurden. Die Energiebilanz taucht auch hier auf, jedoch nur als ein Faktor neben u. a. biologischen Faktoren, vorgeburtlichen und frühkindlichen Faktoren, Komorbiditäten, Kosten, psychischen Faktoren, Lebensstilfaktoren, Sozialisationsinstanzen, sozio-ökonomischem Status, Lebensmittelangebot, gesellschaftlichem Wandel etc.

Abb. 1: Komplexe Einflussfaktoren und Auswirkungen [1]. © Schneider, Wittig, Mertens, Hoffmann 2009. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Das Abnehm-Dilemma führt schnell zu einem nicht hilfreichen Pendeln zwischen den beiden extremen Einschätzungen der Problematik als "eigentlich ganz leicht lösbar" und "hoffnungslos unlösbar".

Ein großes Problem in diesem Zusammenhang scheinen tiefverankerte Vorurteile bei einem Großteil der Menschen in westlich geprägten Ländern zu sein, die zu gewichtsbezogenen Stigmatisierungen führen [2]. Die individuelle Einflussmöglichkeit (im Sinne von "ganz einfach, man muss ja nur …") wird deutlich überschätzt, und zwar von allen Beteiligten, selbst von Menschen mit Adipositas und von Adipositasexpertinnen und -experten [2]. Dies führt wiederum zu massiven Frustspiralen: zu denken, es sei so leicht, und dann zu bemerken, wie es leider überhaupt nicht gelingt, dass man es – obwohl es so einfach ist – nicht hinbekommt!

Zur Auflösung des Dilemmas befürworten wir auf der einen Seite das Zerschlagen einer Illusion: die Akzeptanz, dass beim Thema Adipositas normalerweise nicht mit Wundern zu rechnen ist. Auf der anderen Seite plädieren wir für einen hoffnungsvollen, realistischen Blick auf den individuellen Möglichkeitsspielraum (Abb. 2).

Abb. 2: Auflösung des Abnehm-Dilemmas.

Was bedeutet das für uns und Sie als Behandelnde?

Es ist zugegebenermaßen verführerisch, "von außen" eine vermeintlich einfache Lösung zu erkennen und vorzuschlagen. Wenn es für die Betroffenen jedoch so einfach wäre, wie wir es uns vorstellen, würden sie es garantiert auch von selbst machen. Dann gäbe es kein Problem. Es ist davon auszugehen, dass Menschen sich ihrer Situation und ihren Möglichkeiten entsprechend bestmöglich verhalten.

Um die für eine nachhaltige Verhaltensänderung notwendige langfristige Selbst-Motivation aufzubringen, braucht es Mut, Durchhaltevermögen, Anstrengungsbereitschaft, Wissen um und Glaube an eigene Fähigkeiten bzw. Selbstwirksamkeit. Das können wir als Behandelnde am ehesten fördern, indem wir respektvoll, empathisch und auf Stärken fokussierend das Thema Adipositas ansprechen und die Behandlung begleiten. Das kann aus unserer Sicht zu einer gewissen Entlastung führen, sowohl für die betroffenen Patientinnen und Patienten als auch für uns Behandelnde.

Die Kunst besteht darin, eine Balance herzustellen zwischen der Anerkennung, dass es keine einfache und schnelle Lösung gibt und gleichzeitig dennoch Mut zu machen, sich für machbare (manchmal auch nur kleine!) Veränderungen anzustrengen (Abb. 2).

Das Obeldicks-Programm

Ein kurzer Blick zu unserem seit über 20 Jahren bestehenden Obeldicks-Programman der Vestischen Kinderklinik in Datteln, siehe Kasten [3, 4]. Wir begleiten – wie andere multimodale Programme auch – über ein Jahr in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Ess-/Alltags-Familiengewohnheiten. Zudem bieten wir für Kinder und Jugendliche, die eine stationäre Rehamaßnahme gemacht haben, eine 12-monatige ambulante Reha-Nachsorge an.

Die Obeldicks-Methode, um Übergewicht bestmöglich zu beeinflussen

Langfristig denken: Gewohnheiten dauerhaft zu verändern, ist ein Langstreckenlauf! Veränderungen schrittweise vornehmen.

Immer wieder Motivation aufbauen: Der wahrscheinlich wichtigste Faktor ist, sich zu motivieren und dafür zu sorgen, auch motiviert zu bleiben!

Mini-Max-Prinzip anwenden: Energiesparend denken. Nicht zu viele Ziele auf einmal verfolgen. Überlegen, an welcher Stelle man mit möglichst wenig Einsatz möglichst viel herausholen kann.

Realistische Ziele und Teilziele setzen: Nicht vom Ideal, sondern vom aktuellen Zustand ausgehen, um sich zu verbessern! Schritt für Schritt dem Ideal etwas näherkommen.

Spiel, Spaß, Lockerheit und Humor einbauen: Kreative Lösungen suchen. Spaßige Aufgaben, Wetten und Wettbewerbe einbauen. Die wichtigste Mahlzeit des Tages ist der Clown :-)

Aufgaben und Unterstützungswünsche möglichst konkret absprechen: Bei allen Veränderungen lohnt es sich, genauer zu besprechen, wer in der Familie welchen Beitrag zur Erreichung des aktuellen Ziels liefern kann.

Auch kleine (Teil-)Erfolge wahrnehmen und feiern: Die positive und motivierende Einstellung trainieren, indem man alle Bemühungen und Fortschritte wahrnimmt, darüber in der Familie redet und sie wertschätzt. Persönliche Erfolgsstrategien erkennen und weiterverfolgen.

Rückschritte/Misserfolge als normal und unvermeidbar verstehen: Wichtig ist nur, dass man dennoch am Ball bleibt! Eventuell nachforschen, was genau zum Rückschritt/Misserfolg geführt hat und daraus lernen für die Zukunft.

Damit diese konservativen Ansätze zur Veränderung von Gewohnheiten erfolgreich sein können, reicht es nicht, dass extreme Adipositas vorliegt. Diese multimodalen Programme funktionieren nur, wenn Eltern und Jugendliche etwas verändern wollen und dazu aktuell auch in der Lage sind (d. h., die Zeit und Kraft dafür aufbringen können). Es funktioniert nicht, wenn es aktuell massive zusätzliche Belastungen gibt. Es funktioniert nicht, wenn für Familien die Teilnahme bedeutet, in regelmäßigen Abständen Termine in der Kinderklinik wahrzunehmen. Die eigentliche Arbeit haben die Familien zu Hause. Es ist anstrengend und es geht auch mit der Programmteilnahme nicht von alleine.

Realistische Erwartungen, was eine Teilnahme bringt, sind grundlegend wichtig, ansonsten schadet das Programm. Wenn trotz Anstrengung und Verhaltensveränderung am Ende kein Normalgewicht erreicht wird, die Kilos nicht rasant purzeln etc. (wovon bei allen Erfolgen nicht auszugehen ist [5]), kommt es sehr begründet und nachvollziehbar zu Frust. Deshalb ist es wichtig, keine falschen, unrealistischen Versprechungen zu machen und falsche Hoffnungen nicht zu unterstützen. Sollten diese Grundvoraussetzungen erfüllt sein, versuchen wir mit den Grundkonzepten der "Obeldicks-Methode" Eltern und Kindern während der Programmteilnahme zu unterstützen, die sich dann auf die konkreten Inhalte/Verhaltensweisen (Bewegung, Ernährung, Alltag) anwenden lassen.

Psychologische Tipps für die Praxis . . .

Don’ts:

Als Ärztinnen und Ärzte können und müssen Sie den Kindern, Jugendlichen und Eltern

  • nicht die Verantwortung abnehmen.
  • Sie können Ihnen nicht die Entscheidung abnehmen.
  • Sie können Ihnen nicht die notwendige Anstrengung ersparen.
  • Sie sind nicht in der Position, die Lücken im Versorgungssystem auszugleichen.
  • Sie können nicht die gesellschaftlichen, sozialen Rahmenbedingungen ändern.

Dos:

Als Ärztinnen und Ärzte können Sie im Idealfall einen Rahmen schaffen,

  • in dem Betroffene sich nicht für ihr Gewicht rechtfertigen müssen, sondern konstruktiv auf Augenhöhe nach Veränderungspotenzial gesucht werden kann.
  • Sie können bestärken, unterstützen, Mut machen, etwas zu verändern FALLS Eltern/Jugendliche für sich entschieden sind, etwas verändern zu wollen.
  • Sie können Mut machen, dass Eltern/Jugendliche als Experten für das eigene Leben, mehr von dem tun, was ihnen guttut.
  • Sie können einladen, Hilfsangebote (wenn vorhanden) in Anspruch zu nehmen und einen realistischen Überblick geben, welche Therapieansätze aktuell theoretisch oder praktisch zur Verfügung stehen (Verhaltensveränderung, Medikamente, bariatrische Operation).

Literatur
1. Schneider K, Wittig F, Mertens E, Hoffmann I (2009) Übergewicht/Adipositas: komplexes Zusammenspiel von Einflussfaktoren und Auswirkungen. https://www.uni-giessen.de/de/fbz/fb09/institute/ibae/nutr-ecol/forsch/forsch-model/adipositas [Zugriff 06.02.2025]
2. Hilbert A, Puls HC (2022) Stigmatisierung und Diskriminierung. In: Wabitsch M, Hebebrand J, Kiess W, Reinehr T, Wiegand S (Hrsg) Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Springer, Berlin, Heidelberg, 537 – 543
3. Berger D, Dieris B, Kablitz A, Knop C, Krimpmann K et al. (2015) Schulungskonzept Obeldicks. Langfristig erfolgreiche Behandlung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Adipositas 9 (1): 5 – 11
4. Reinehr T, Dobe M, Kersting M (2010) Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Die Schulungsprogramme OBELDICKS Light und OBELDICKS für übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche. Hogrefe, Göttingen
5. Reinehr T (2022) Konventionelle Therapiemöglichkeiten. In: Wabitsch M, Hebebrand J, Kiess W, Reinehr T, Wiegand S (Hrsg) Adipositas bei Kindern und Jugendlichen. Springer, Berlin, Heidelberg, 437 – 455

Autor:
© privat
Dr. phil. Barbara Dieris, Dipl.-Psychologin
Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universität Witten/Herdecke
Abteilung für Pädiatrische Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin
Dr.-Friedrich-Steiner-Straße 5, 45711 Datteln
Tel.: 0 23 63/9 75-3 57
Interessenkonflikt:
Die korrespondierende Autorin gibt für sich, ihre Co-Autorin und ihren Co-Autor an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.
Weitere Autoren:
Viola Singer, Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universtiät Witten/Herdecke, Datteln
Thomas Reinehr, Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln, Universtiät Witten/Herdecke, Datteln


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (5) Seite 334-338