Sind die zahlreichen Krisen die wesentliche Ursache für die psychischen Belastungen vieler junger Menschen? Nein, sagt Professor Andreas Hillert von der Schön Klinik Roseneck. Ausschlaggebend sei vielmehr eine starke lebensperspektivische Orientierungslosigkeit von Jugendlichen und Adoleszenten.

An den vielen Krisen könne der hohe Belastungsgrad junger Menschen deshalb nicht liegen, weil dies kaum jemanden direkt betreffe, erläutert Hillert in einem Interview [1]. Vielmehr fehle der Jugend ein Kompass, was Hillert durch Ergebnisse von Verlaufsuntersuchungen bei über 300 Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren an seiner psychosomatischen Klinik bestätigt sieht. Bei der Aufnahme in die Klinik würden fast zwei Drittel (gut 60 %) auf die Frage, welche Pläne sie für die Zeit nach der Schule haben, mit „Weiß ich nicht“ antworten – nach der Pandemie noch häufiger als zuvor. Und bei dieser Gruppe wiederum sei ein signifikant schlechterer Therapieverlauf zu erwarten als bei den Jugendlichen, die bei Aufnahme noch ein klares Ziel benennen konnten.

Ein wesentlicher Grund für diesen Trend sei, dass die Eltern gerade auch aus bessergestellten und liberalen Milieus, anders als früher, heute häufig als Orientierungspunkte ausscheiden. Laut Hillert haben daher die Babyboomer das Problem mitverursacht, indem sie die Jugend im Hinblick auf eine durchgehende Glückseligkeit in Watte packen und möglichst alle Probleme abräumen. Daraus resultiere eine Erwartungshaltung, die vulnerabel mache. Gesellschaftlich gesehen bricht laut Hillert hier eine Gruppe von bis zu einem Drittel der Jugendlichen weg. Diese strebten dann häufig am ehesten noch einen Beruf wie Künstlerin, Sängerin oder Influencerin an, weil dies ein Leben mit vielen Freiheiten, hoher Kreativität und vermeintlich wenig Stress suggeriere.

Eine Lösung des Problems sieht Hillert darin, mit den betroffenen jungen Menschen intensive Gespräche – auch über längere Zeit – zu führen und dabei zu versuchen die Frage zu beantworten, wohin der (berufliche) Weg im Leben gehen soll. Ein einziges Gespräch mit dem Arzt oder Pädiater des Vertrauens oder ein kurzer Vortrag vor einer Schulklasse sei zwar ein erster Schritt, reiche hierfür jedoch nicht aus. Es sei schon ein längerer Prozess, jungen Menschen mit subjektiv empfundenen hohen Belastungserleben klarzumachen, warum sie glücklicher sind, wenn sie einen gesunden Mix erreichen zwischen dem, was sie können und möchten, und dem, was gebraucht wird und wofür sie bezahlt werden. Das sei durchaus aufwändig, aber auch ein Aufwand, der sich gesellschaftlich und finanziell auszahle.


Raimund Schmid

Quelle: 1. Müller T. Orientierungslosigkeit unter Jugendlichen – „Da bricht uns ein Drittel der jungen Menschen weg“. InFo Neurologie + Psychiatrie, Ausgabe 2/2026. doi: 10.1007/s15005-026-4634-2