Affenpocken – wie steht es um die Relevanz und Impfung bei Kindern? Welche Zukunftsperspektiven gibt es bei der COVID-19-Impfung? Und sind neue Impfempfehlungen bei Meningokokken in Sicht? Antworten auf diese Fragen hat STIKO-Mitglied Professor Dr. Rüdiger von Kries aus München.

Affenpocken: Wie häufig kommen sie vor, und wie steht es um eine Impfung bei Kindern?

Affenpocken werden durch das Affenpockenvirus verursacht. Eine Affenpockenerkrankung verläuft bei den meisten Menschen mild und heilt in der Regel von alleine ab. Es können aber auch schwere Verläufe auftreten, insbesondere bei Kindern und Menschen mit einem gestörten Immunsystem.

Seit dem Frühjahr 2022 wurden weltweit gehäufte Erkrankungen beobachtet. Leitsymptome sind mitunter sehr schmerzhafte Bläschen im Genital- und Analbereich, aber auch an anderen Körperstellen sowie Allgemeinsymptome wie Fieber und Unwohlsein.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden in Deutschland von Mai bis Stand 11. 10. 2022 3.651 Affenpockenfälle gemeldet. Seit August 2022 war die Zahl der Fälle rückläufig, seit Anfang September stagniert sie auf niedrigem Niveau bei unter 50 Fälle pro Woche. Die bei Weitem meisten Fälle traten unter Männern auf, die Sex mit Männern haben (MSM) und häufig wechselnde Partner. Bei Kindern wurden 2 Fälle beobachtet.

Die Ursache der Abnahme der Fälle sind – neben Anpassungen im Sexualverhalten und der Hygiene in der Population MSM mit häufigem Partnerwechsel – auch Impfungen. Diese werden von der STIKO als Postexpositionsprophylaxe und Impfungen in Hochrisikogruppen empfohlen. Für Kinder gibt es keinen zugelassenen Impfstoff.

Die Übertragung der Affenpocken kann zwar auch durch Tröpfcheninfektion und kontaminierte Gegenstände erfolgen, meist liegt aber ein intensiver Hautkontakt zugrunde. Eine Übertragung auf Kinder außerhalb von Familien und Wohngemeinschaften mit Menschen mit besonderem Risiko ist deshalb sehr unwahrscheinlich. Innerhalb von Familien und Wohngemeinschaften mit Menschen mit besonderem Risiko sind Übertragungen auf Kinder bei Beachtung entsprechender Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen und Umsetzung der empfohlenen Impfstrategie vermeidbar. Derzeit sind die entsprechenden Impfstoffe nur begrenzt verfügbar. Mittelfristig wird die Bereitstellung ausreichender Impfdosen erwartet.

Welche Zukunftsperspektiven gibt es bei der COVID-19-Impfung?

Schon in den ersten Monaten der Pandemie wurde deutlich, dass gesunde Kinder selten schwer an COVID-19 erkranken. Deshalb wurden z. B. in Schweden für gesunde Kinder keine eingreifenden Schutzmaßnahmen in Schulen eingeführt. Ein Einbruch der schulischen Leistungen während der Pandemie blieb in Schweden aus, während in Deutschland z. B. bei Viertklässlern erhebliche Einbrüche der Basiskompetenzen in Mathematik sowie der Lese- und Schreibkompetenz beobachtet wurden.

Die Daten von RKI und DGPI haben klar gezeigt, dass schwere COVID-Verläufe auch in der Phase mit Wildtyp-Infektionen bei Kindern sehr selten waren. Rasch wurde aber deutlich, dass PIMS häufiger auftrat und sehr viel häufiger eine Intensiv-Behandlung erforderte. Unter der Delta-Variante war das PIMS-Risiko verglichen mit der Wildtyp-Periode in England wie auch in Deutschland bereits auf ca. 30 % reduziert, unter Omikron auf weniger als 10 % .

Ein gänzlich anderes Bild zeigte sich bei Kindern mit Risikofaktoren für schwere COVID-Verläufe (für PIMS sind Risikofaktoren von geringerer Bedeutung). Die wenigen letalen COVID-Verläufe bei Kindern betrafen Kinder mit Risikofaktoren.

Eine STIKO-Impfempfehlung für Kinder mit besonderem Risiko für schwere COVID-Verläufe wurde rasch nach Zulassung der Alters-adaptierten COVID-Impfstoffe für die betreffenden Altersgruppen gegeben. Mit zunehmenden Daten könnte es sein, dass die Patientengruppen mit besonderem Risiko für schwere COVID-Verläufe weiter spezifiziert werden.

Eine Impfempfehlung für Kinder mit besonderem Risiko müsste dann im Impfkalender berücksichtigt werden. Eine allgemeine Impfempfehlung für die nachwachsenden Kohorten muss anhand der Pathogenität der zukünftigen Virusvarianten, der Risikobewertung zukünftiger Kinderimpfstoffe und der Abschätzung der Effektivität der Impfstoffe alleine und im Zusammenspiel mit natürlichen Infektionen (hybride Immunität) bewertet werden.

Update Meningokokken-Impfung: Sind neue Impfempfehlungen der STIKO in Sicht?

In vielen Ländern ist die Meningokokken-B-Impfung bei Säuglingen bereits empfohlen. Auch in Deutschland impfen bereits viele Kinderärzte gegen Meningokokken B (MenB), ohne dass eine STIKO-Empfehlung vorliegt. Mehrere Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Wesentliche Einwände gegen eine generelle Impfempfehlung der STIKO betrafen Unsicherheiten bzgl. der Impfeffektivität, Nebenwirkungen, Dauer des Schutzes und des Herdenschutzes. Hierzu liegen mittlerweile verlässliche Daten vor.

Der Haupteinwand gegen eine generelle Empfehlung der Men-B-Impfung war jedoch die in Deutschland schon vor Umsetzung der Hygiene-Maßnahmen im Rahmen der Pandemie niedrigen und abnehmenden Erkrankungszahlen. Während der Maßnahmen zur Pandemiebegrenzung brach die Erkrankungsrate weiter ein, sodass zu dem Zeitpunkt kein Handlungsbedarf bestand.

Daten aus England zeigen beispielsweise aber, dass die Erkrankungsrate nach Aufhebung der Maßnahmen wieder anstieg. Bemerkenswert war hierbei die Tatsache, dass dies nur bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beobachtet wurde, nicht aber in den geimpften Kinder-Kohorten. Das ist ein weiterer Beleg für die Effektivität der Impfung. Eine Zunahme der Meningokokken-Erkrankungen muss auch in Deutschland erwartet werden. Deshalb erscheint eine Neubewertung der Impfempfehlungen notwendig.



Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Rüdiger von Kries (i. R.)

Institut für soziale Pädiatrie und Jugendmedizin
Abteilung pädiatrische Epidemiologie
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E-Mail: ruediger. kries@med.uni-muenchen.de

Interessenkonflikt
Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.

Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2023; 94 (1) Seite 49-50