Für Kinder und Jugendliche sind die Folgen von Stigmatisierungen aufgrund eines (stark) erhöhten Körpergewichtes besonders belastend. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) hin. Dennoch ist die Studienlage zur Gewichtsdiskriminierung gerade von Kindern und Jugendlichen noch immer höchst mager.

Kein Wunder, dass deshalb auch praktikable Handlungsempfehlungen insbesondere für niedergelassene Kinder- und Jugendärzte rar gesät sind. Neuen Aufwind hat die Thematik jetzt aber deshalb bekommen, weil die DGSPJ bei ihrer letzten Jahrestagung ihren bundesweiten Posterpreis zum Thema „Gewichtsdiskriminierung in der pädiatrischen Adipositastherapie – ein unterschätzter Einflussfaktor“ vergeben hat. Preisträgerin war Lucie Schröder von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, die darin ihre Ergebnisse zu einer qualitativ mehrperspektivischen Erhebung zusammengestellt hat, in der ein ambulantes Reha-Programm in 4 Reha-Zentren für Kinder mit diagnostizierter Adipositas ausgewertet wurde. Daran beteiligt waren insgesamt 35 Kinder, 19 Gesundheitsfachkräfte und 19 Eltern, die über leitfadengestütze Telefoninterviews und Fokusgruppen befragt wurden. In dieser Evaluationsstudie (EvambAdi) wurde Gewichtsdiskriminierung als ein Teilaspekt gesondert betrachtet.

Dabei klagten die betroffenen Kinder und Jugendlichen insbesondere über stigmatisierende Therapieempfehlungen und diskriminierende Äußerungen durch das sie betreuende Fachpersonal. Mit zum Teil fatalen Konsequenzen, wie eine Studienteilnehmerin die Vorhaltungen ihres Pädiaters beklagt: „Weil du einfach zu dick bist, belastet das dein Knie.“ Dabei ist die Fehlstellung des Knies die entscheidende Ursache für ihre Probleme. Deshalb, so sagt die betroffene Jugendliche, „gehe ich nicht mehr gern dahin. Immer wenn ich krank bin oder Schmerzen habe, nehme ich einfach Ibuprofen und lasse es über mich ergehen.“

Bezogen auf die Reha war es laut Studienautorin Lucie Schröder zudem erstaunlich, wie einzelne Rehaziele unterschiedlich formuliert wurden. Während das interviewte Fachpersonal zumeist das Ziel „Gewicht halten“ bei der Reha verfolgte, drückten die Kinder und Jugendlichen viel häufiger ihren Wunsch aus, mit dem Reha-Programm „abzunehmen“. Weiterhin erwies sich die Sprache im therapeutischen Setting als überraschend wichtiger und zugleich limitierender Faktor. So diskutierten die Kinder und Jugendlichen zum Teil rege über einzelne Begriffe, lehnten z. B. das Wort „Adipositastherapie“ ab und befürworteten stattdessen „Ernährungsschulung“, „Sozialkompetenztraining“ oder „Fitnesstraining“.

Im Ergebnis stellte Lucie Schröder fest, dass sich Gewichtsdiskriminierung auf überraschend viele Aspekte einer Adipositasbehandlung auswirkt: auf die Gründe für und die Ziele innerhalb der Therapie, auf die Art und Weise der ausgesprochenen Therapieempfehlungen durch das Gesundheitspersonal und auf die Sprache.

Deshalb sollte künftig in jedem Fall Gewichtsdiskriminierung so weit wie möglich vermieden werden, bekräftigt DGSPJ-Präsident Dr. Andreas Oberle. Dies erfordere allerdings, dann auch Stigmatisierungen zu vermeiden. Gesundheitsfachkräfte sollten dabei insbesondere auf gewichtsdiskriminierende Faktoren wie zu vorschnelle Be- und Verurteilungen, eine unpassende Wortwahl oder unrealistische Rehaziele achten. Oberle: „Da sollten wir Kinder- und Jugendärzte Vorbild sein.“

Diesen Appell unterstützt auch Lucie Schröder. Doch vieles, so kritisiert sie, sei derzeit auch noch unerforscht. Das sollte sich rasch ändern. Denn Gewichstdiskriminierung ist ein weit stärkerer limitierender Faktor bei der Behandlung von immer mehr übergewichtigen Kindern und Jugendlichen als bislang vermutet.


Raimund Schmid

Quellen:

  1. Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin. Pressemitteilung: Folgen der Gewichtsdiskriminierung bei Kindern werden massiv unterschätzt. 25.02.2026
  2. Schröder L et al. "Weighing is annoying" - Weighing of higher-weight children between discomfort, discrimination, and potential for change. J Pediatr Nurs. 2025 Nov-Dec;85:541-548. doi: 10.1016/j.pedn.2025.09.018