Die ersten Lebensjahre stellen eine vulnerable Phase für die Entstehung der Adipositas dar. Deshalb sind eine frühe Diagnose und Intervention sowie eine langfristige Betreuung und Behandlung wichtig und notwendig. Welche Adipositasprogramme und welche medikamentösen Therapien gibt es für Kinder und Jugendliche? Und was ist zu beachten?

Was ist Adipositas?

Adipositas ist eine chronische, komplexe, endokrine Erkrankung, die durch eine pathologische Vermehrung der Körperfettmasse definiert ist und die Gesundheit schwer beeinträchtigen kann.

Sie wird früh determiniert und die ersten Kindheitsjahre stellen eine vulnerable Phase für die Entstehung der Adipositas dar. 90 % der Kinder, die im Alter von 3 Jahren an Adipositas leiden, haben auch im Jugendalter Übergewicht oder Adipositas [1]. Deshalb sind eine frühe Diagnosestellung und eine frühzeitige Intervention sowie eine langfristige Betreuung und Behandlung notwendig. Bei der Diagnosestellung sollten eine syndromale oder monogene Ursache der Adipositas ausgeschlossen werden, da in diesen Fällen ggf. eine spezifische Therapie verfügbar ist.

Bei der chronischen Erkrankung Adipositas wird die Körperfettmasse durch ein biologisches System eng reguliert, auf das soziale Faktoren, der Lebensstil, die Umwelt und genetische Faktoren einwirken. Dabei entspricht das einmal erreichte, relative Körpergewicht einem Sollwert ("Setpoint"), der vom System verteidigt wird. Bei einem Versuch, das Körpergewicht und damit den Setpoint zu erniedrigen, werden Regelmechanismen des Gehirns und der Stoffwechsel alles daransetzen, das Gewicht zu halten bzw. wiederherzustellen [2]. Nichtphysiologische Therapieansätze (radikale Diäten, Kurzzeitkuren) führen daher dazu, dass eine Gegenregulation hervorgerufen wird und das ursprüngliche Gewicht sich wieder einstellt (Jo-Jo-Effekt). Nur physiologische Ansätze (eine langfristige Lebensstilveränderung, Medikamente oder eine metabolisch-bariatrische Operation) können den Setpoint verändern und stellen somit eine Möglichkeit zur anhaltenden Gewichtsreduktion dar.

Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Die Therapie der Adipositas mit dem Ziel der Gewichtsreduktion ist eine Herausforderung und kann nur durch einen langfristigen und interdisziplinären Ansatz in spezialisierten Ambulanzen oder Praxen gelingen. Dabei sieht die leitliniengerechte Behandlung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter kein definiertes, einheitliches Behandlungsschema vor. Vielmehr muss die Behandlung an die unterschiedlichen Voraussetzungen, Bedürfnisse und Ziele der jeweiligen Patientinnen und Patienten sowie ihrer Familien angepasst werden. Basis einer jeden Adipositastherapie ist die Begleitung der Patientin bzw. des Patienten anhand regelmäßiger ambulanter Termine sowie die Kontrolle bzw. Behandlung möglicher physischer oder psychischer Komorbiditäten. Dabei ist ein empathischer Umgang mit den Betroffenen ohne Vorurteile und Schuldzuweisungen geboten, um die notwendige Kooperationsbereitschaft und Adhärenz zu gewährleisten [3].

Neben den medizinischen Aspekten kommen der psychosozialen Betreuung und Unterstützung dabei eine ebenso große Bedeutung zu. Durch Schulungen im Umgang mit und zur Bewältigung von Diskriminierung und Stigmatisierung kann das Selbstwertgefühl der Patientinnen und Patienten gestärkt und damit ebenfalls die Lebensqualität verbessert werden.

Bei einem konservativen Behandlungsansatz der Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine multimodale Lebensstilintervention unter Einbeziehung der Familie und des Umfelds ein grundlegender Bestandteil der Therapie, der im weiteren Verlauf durch medikamentöse Therapien ergänzt werden kann.

Konservative Behandlungsoptionen der Adipositas

Ambulante Adipositasprogramme für Kinder und Jugendliche

Gemäß der evidenzbasierten Leitlinie wird als Erstlinientherapie der Adipositas eine multimodale Lebensstilintervention bestehend aus Ernährungsberatung, Bewegungsschulung und Verhaltenstherapie empfohlen [4]. Idealerweise findet dies im Rahmen eines ambulanten Adipositasprogramms statt, bei dem die Patientinnen, Patienten und ihre Familien über einen längeren Zeitraum, meist 1 Jahr, in Gruppen- und Einzelschulungen intensive ambulante Schulungen mit dem Ziel der Verhaltensänderung und Änderung des Lebensstils erhalten. Dabei sind diese Programme umso erfolgreicher, je jünger das Alter der Patientinnen und Patienten ist [5, 6] und je länger (> 6 Monate) und intensiver (> 52 Stunden/Jahr) die Maßnahmen sind [7, 8]. Ein niedriger Ausgangs-BMI oder ein größerer BMI-Verlust zu Beginn der Intervention sowie eine gute soziale Unterstützung sind ebenfalls mit einem besseren Ansprechen assoziiert [6, 9, 10].

Ambulante Schulungsprogramme dieser Art gibt es in vielen verschiedenen Orten in Deutschland, die Kosten werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen. Obwohl diese Programme nachgewiesenermaßen ein wirksames Konzept der Adipositastherapie darstellen, sollten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern realistische Ziele in Aussicht gestellt werden: im Mittel wird eine BMI-SDS-Reduktion von 0,26 erreicht und somit ist bei gleichzeitiger Größenzunahme auch eine Gewichtszunahme während des Programms nicht unüblich [11]. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass sich bei gutem Erfolg (BMI-SDS-Reduktion > 0,25) auch ohne Gewichtsreduktion eine Verbesserung der Lebensqualität sowie der metabolischen Situation und der kardiovaskulären Risikofaktoren erreichen lässt [12, 13]. Der weitere Verlauf nach derartigen Therapiemaßnahmen ist jedoch sehr heterogen, und aufgrund der wenigen Langzeitdaten ist darüber wenig bekannt. Patientinnen und Patienten mit monogener Adipositas profitieren langfristig nicht von ambulanten Lebensstilinterventionen [14].

Medikamentöse Therapie der Adipositas

Während es vor wenigen Jahren noch keine zugelassene medikamentöse Therapie für Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutschland gab, gewinnen solche Therapieoptionen in der Adipositasbehandlung auch für diese Patientengruppe zunehmend an Bedeutung.

Durch die Entdeckung des Leptin-Melanocortin-Rezeptor-Signalwegs als zentralem Regulationsmechanismus für das Hungergefühl und die Energiehomöostase konnten spezifische Medikamente entwickelt werden, die nun Patientinnen und Patienten mit seltenen Formen der monogenen Adipositas zur Verfügung stehen.

So besteht mit Metreleptin, einem rekombinanten Leptin-Analogon, eine Möglichkeit der Substitutionstherapie für Patientinnen und Patienten mit biallelischen, krankheitsverursachenden Mutationen im Leptin-Gen.

Für Patientinnen und Patienten mit bestimmten biallelischen Defekten im MC4-Rezeptor-Signalweg (LEPR, PCSK1 und POMC) oder Adipositas im Rahmen eines Bardet-Biedl-Syndroms stellt der MC4-Rezeptoragonist Setmelanotid ab dem Alter von 2 Jahren eine mögliche Therapieoption dar.

Neben diesen spezifischen Medikamenten sind GLP-1-Rezeptoragonisten, seit 2021 http://Liraglutid und seit 2023 Semaglutid, auch für Jugendliche mit Adipositas zur Gewichtsreduktion als Ergänzung zu einer intensiven Verhaltens- und Lebensstilintervention ab einem Alter von 12 Jahren zugelassen. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern, werden jedoch die Kosten für diese Medikamente in Deutschland von den Krankenkassen nicht übernommen. GLP-1-Rezeptoragonisten stellen eine wirksame Therapie der Adipositas in dieser Altersgruppe dar, da den Patientinnen und Patienten u. a. durch eine Reduktion des Hungergefühls ermöglicht wird, die empfohlenen Vorgaben hinsichtlich gesunder Ernährung und Lebensstiloptimierung umzusetzen und somit eine Gewichtsreduktion bis deutlich über 10 % zu erreichen [15]. Auch Patientinnen und Patienten mit monogener Adipositas scheinen von einer GLP-1-Rezeptoragonisten-Therapie zu profitieren [16 – 18]. Unklar ist zum jetzigen Zeitpunkt jedoch aufgrund fehlender Langzeitdaten, ob diese Therapie lebenslang durchgeführt werden muss und welche Langzeitfolgen auftreten können.

Zusammenfassung

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen ist eine chronische, komplexe, endokrine Erkrankung. Die Basis einer jeden Adipositastherapie sind Lebensstilinterventionen in Form von Ernährungsoptimierung, Bewegungsschulung und Verhaltenstherapie. Die Wirksamkeit von Lebensstilinterventionen allein ist jedoch begrenzt und das individuelle Ansprechen sehr heterogen. Personalisierte Behandlungen werden in der Adipositastherapie daher zukünftig eine große Rolle spielen, um den Behandlungserfolg langfristig zu steigern.

Medikamente zur Hunger- und Gewichtsreduktion erzielen eine deutliche Wirkung und können bei extremer Adipositas oder bei bereits bestehenden Komorbiditäten auch im Kindes- und Jugendalter eine sinnvolle Ergänzung zu Lebensstilinterventionen sein, insbesondere für Patientinnen und Patienten, die keinen Erfolg mit herkömmlichen Therapien haben.

Die erfolgreiche Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Adipositas stellt eine große Herausforderung dar und bedarf eines langfristigen Ansatzes und einer kontinuierlichen Betreuung. Dabei lebt die konservative Adipositastherapie von einem vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis, einer hohen Frequenz an Kontakten und der Einbeziehung des Umfelds.

Wesentliches für die Praxis . . .

Adipositas im Kindes- und Jugendalter:

  • ist eine komplexe, endokrine, chronische Erkrankung
  • ist durch genetische Faktoren polygen, selten monogen determiniert
  • wird durch ein Wechselspiel aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren verursacht
  • ist durch biologische Regelkreise eng reguliert und willentlich schwer rückgängig zu machen
  • erfordert eine langfristige, personalisierte und interdisziplinäre Betreuung

Therapieoptionen für Kinder und Jugendliche mit Adipositas:

  • Teilnahme an ambulanten Adipositasprogrammen (wenn regional verfügbar)
  • Lebensstiloptimierung durch Ernährungsberatung, Verhaltenstherapie und Bewegungsschulung
  • bei extremer Adipositas oder bereits bestehenden Komorbiditäten in Kombination mit medikamentöser Therapie:
  • - spezifisch für monogene Formen der Adipositas
  • - durch GLP-1-Rezeptoragonisten

  • als ultima ratio: metabolisch-bariatrische Operation


Literatur
1. Geserick M, Vogel M, Gausche R, Lipek T, Spielau U et al. (2018) Acceleration of BMI in Early Childhood and Risk of Sustained Obesity. N Engl J Med 379: 1303 – 1312. doi:10.1056/NEJMoa1803527
2. Farias MM, Cuevas AM, Rodriguez F (2011) Set-point theory and obesity. Metab Syndr Relat Disord 9: 85 – 89. doi:10.1089/met.2010.0090
3. Zorn S, Schirmer M, von Schnurbein J, Brandt S, Göpel E et al. (2024) Versorgungskonzepte für Kinder und Jugendliche mit extremer und/oder genetischer Adipositas. Adipositas – Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie 18 (02): 71 – 80. doi: 10.1055/a-2292-1830
4. AWMF (2019) S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes-und Jugendalter: Deutsche Adipositas-Gesellschaft e. V. (DAG) Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ)
5. Knop C, Singer V, Uysal Y, Schaefer A, Wolters B et al. (2015) Extremely obese children respond better than extremely obese adolescents to lifestyle interventions. Pediatr Obes 10: 7 – 14. doi:10.1111/j.2047-6310.2013.00212.x
6. Prinz N, Pomares-Millan H, Dannemann A, Giordano GN, Joisten C et al. (2023) Who benefits most from outpatient lifestyle intervention? An IMI-SOPHIA study on pediatric individuals living with overweight and obesity. Obesity (Silver Spring) 31: 2375 – 2385. doi:10.1002/oby.23844
7. Bondyra-Wisniewska B, Myszkowska-Ryciak J, Harton A (2021) Impact of Lifestyle Intervention Programs for Children and Adolescents with Overweight or Obesity on Body Weight and Selected Cardiometabolic Factors-A Systematic Review. Int J Environ Res Public Health 18: 2061
8. O‘Connor EA, Evans CV, Burda BU, Walsh ES, Eder M et al. (2017) Screening for Obesity and Intervention for Weight Management in Children and Adolescents: Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA 317: 2427 – 2444. doi:10.1001/jama.2017.0332
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10. Danielsson P, Kowalski J, Ekblom Ö, Marcus C (2012) Response of severely obese children and adolescents to behavioral treatment. Arch Pediatr Adolesc Med 166: 1103 – 8. doi:10.1001/2013.jamapediatrics.31910.1159/000336060
11. Gori D, Guaraldi F, Cinocca S et al. (2017) Effectiveness of educational and lifestyle interventions to prevent paediatric obesity: systematic review and meta-analyses of randomized and non-randomized controlled trials. Obes Sci Pract 3: 235 – 248. doi:10.1002/osp4.111
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15. Weghuber D, Barrett T, Barrientos-Pérez M, Gies I, Hesse D et al. (2022) Once-Weekly Semaglutide in Adolescents with Obesity. N Engl J Med 387: 2245 – 2257
16. Schirmer M, Brandt S, Zorn S, Wabitsch M (2023) Effekte einer Therapie mit Liraglutid bei Jugendlichen mit extremer Adipositas unter Real-Life-Bedingungen. Adipositas – Ursachen, Folgeerkrankungen, Therapie 17 (03): 115 – 125
17. Welling MS, de Groot CJ, Kleinendorst L, van der Voorn B, Burgerhart JS et al. (2021) Effects of glucagon-like peptide-1 analogue treatment in genetic obesity: A case series. Clin Obes 11: e12481
18. Iepsen EW, Zhang J, Thomsen HS, Hansen EL, Hollensted M et al. (2018) Patients with Obesity Caused by Melanocortin-4 Receptor Mutations Can Be Treated with a Glucagon-like Peptide-1 Receptor Agonist. Cell Metab 28: 23 – 32 e23. doi:10.1016/j.cmet.2018.05.008

Autor:
© C M. Fakler, 2017
Dr. med. Melanie Schirmer
Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ), Standort Ulm
Sektion pädiatrische Endokrinologie
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Ulm
Eythstraße 24, 89075 Ulm
Tel.: 07 31/500-5 74 01
Fax: 07 31/500-5 74 13
Interessenkonflikt:
Melanie Schirmer gibt an, dass kein Interessenkonflikt im Zusammenhang mit diesem Beitrag besteht.
Weitere Autoren:
Martin Wabitsch
Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ), Standort Ulm, Sektion pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm
Interessenkonflikt:
Martin Wabitsch war als Referent und Berater im Bereich Adipositas bei Kindern und Jugendlichen tätig für Merck Healthcare Germany, Novo Nordisk Pharma, InfectoPharm, Rhythm Pharmaceuticals und Ascendis Pharma.


Erschienen in: Kinderärztliche Praxis, 2025; 96 (5) Seite 324-326

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