Den hohen Wert, den das gemeinsame Spielen mit seinem multisensorischen Erleben im Kindes- und Jugendalter mit sich bringt, können Spiele über Social-Media-Kanäle nur bedingt erfüllen. Zudem absorbieren Social-Media-Kanäle so viele Freiräume, dass für das haptische Spielen mit Gleichaltrigen oder in der Familie immer weniger Zeit bleibt.
Auf diese Gefahren hat jetzt Dr. Andreas Oberle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) hingewiesen. Anlass ist die aktuell sehr hitzig geführte Diskussion über ein Nutzungsverbot von Social-Media-Kanälen für Kinder und jüngere Jugendliche bis zu einem bestimmten Alter.
Da das Spielen und das Spielverhalten ein „wegweisender Motor für die individuelle Entwicklung von Kindern“ sind, hält Privatdozent Dr. Gerhard Niemann, ehemaliger ärztlicher Direktor des kinderneurologischen Fachkrankenhauses Schömberg, das Spielen gerade in der heutigen Zeit für wichtiger denn je. So führe das gemeinsame Spiel zu einem übergeordneten Gemeinschaftsgefühl und damit zu einer Gruppenidentität, wobei Regeln beachtet und unterschiedliche Rollen eingeübt werden können. Bedeutend speziell für die Pädiatrie und Allgemeinmediziner sei mit dem Spielen das Einüben dessen, was später relevant wird. Das betreffe nicht nur das Lernen im engeren Sinn und die Lernprozesse. Vielmehr könnten Mediziner und Eltern damit auch besser die kognitive Entwicklung einschätzen oder soziale Kompetenzen beurteilen.
Mit der mittlerweile einseitigen Ausrichtung auf die Social-Media-Nutzung werden jedoch laut Niemann die kindlichen Rezeptoren verändert. Damit entwickelten sich auf Dauer auch die Gehirne von Kindern anders, bekräftigt der renommierte Entwicklungsneurologe. Viele positive Mitnahmeeffekte des Spielens blieben so aus.
Ein Social-Media-Verbot für Kinder bis zu einem gewissen Alter wäre sicher eine Alternative, meint Niemann. Für wichtiger hält er es aber, für ein geeignetes Umfeld mit ausreichenden Räumen zu sorgen, in denen Kinder auch länger gemeinsam spielen können. Dazu benötige man aber Figuren, die bei Kindern identitätsstiftend wirken. Um diese Voraussetzungen zu schaffen, sieht Sozialpädiatrie-Präsident Andreas Oberle insbesondere Ärztinnen und Ärzte in der Pflicht. Die Mediziner müssten hierfür viel stärker als bislang auf die Politik und speziell das Familienministerium einwirken, da diese für solche geeignete gesellschaftliche Rahmenbedingungen (wieder) sorgen müssten.
Raimund Schmid
