Dass ein zu hoher Nutzungsgrad sozialer Medien im Kindes- und Jugendalter zu vielfältigen negativen Effekten führen kann, wird kaum mehr bezweifelt. Dass jedoch bei älteren Schülern auch eine komplette Social-Media-Abstinenz unter bestimmten Umständen zu einem schlechten Wohlbefinden führen kann, ist weniger bekannt.
Zu dieser Erkenntnis sind Forscher von der University of South Australia in Adelaide in Gestalt eines längsschnittlichen, sequenziellen Kohortendesigns beim jährlichen Zensus aller Jahrgänge staatlicher Schulen in Südaustralien mit über 100.000 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 4 bis 12 gelangt. Dabei wurde auch der Social-Media-Konsum unter der Woche (Montag bis Freitag; 15 bis 18 Uhr) eruiert. Eine hohe Nutzung lag dann vor, wenn mehr als 12,5 Stunden pro Woche Social-Media-Kanäle in Anspruch genommen wurden, was einer Dauer von mindestens zwei Stunden an Wochentagen nach der Schule entsprach. Die zentralen Ergebnisse waren durchaus überraschend:
- Bei Mädchen war ab der mittleren Adoleszenz (Klassenstufen 7 bis 9) und auch in den Klassenstufen 10 bis 12 eine moderate Nutzung (allerdings lediglich bis 12,5 Stunden pro Woche) mit Blick auf das Wohlbefinden besser als eine totale Social-Media-Abstinenz.
- Bei Jungen war ab der mittleren Adoleszenz der komplette Verzicht auf Social Media zunehmend mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden und übertraf bis zum späten Jugendalter sogar noch die ungünstigen Auswirkungen einer hohen Nutzung.
Als Begründung für diese Ergebnisse geben die Studienautoren an, dass soziale Medien ab der mittleren Adoleszenz ein Fixpunkt sind, um Beziehungen zu Gleichaltrigen zu knüpfen und in der Community enge Zugehörigkeit zu Peers zu erleben. Wer diese Potenziale über die Social-Media-Kanäle nicht nutze, schränke seine soziale Teilhabemöglichkeiten in dieser Altersphase deutlich ein. Die Vulnerabilität nehme so zu und auch die Gefahren, sozial isoliert zu werden, stiegen.
Von einer generellen Social-Media-Abstinenz oder gar Verboten in der Altersgruppe ab der mittleren Adoleszenz raten die Studienautoren damit ab. Zumal die Risiken einer hohen Nutzung im späten Jugendalter ohnehin etwas abnehmen, weil kompensatorische Effekte hinzukommen und sich dann im Adoleszentenalter die Selbstidentität weiterentwickelt und die emotionale Regulation besser ausgereift ist.
Raimund Schmid
