Immer mehr Kinder kommen sehr früh in die Pubertät. Die Ergebnisse zweier großer Kohortenstudien deuten darauf hin, dass insbesondere ein Zusammenhang mit kumulativer Adipositas (CEA) im frühen Kindesalter besteht.
Chinesische Wissenschaftler sind der Ansicht, dass für den frühen Beginn der Pubertät nicht der hohe Body-Mass-Index (BMI) zu Beginn der Pubertät ausschlaggebend ist. Vielmehr ist die kumulative Adipositas - also die Dauer und Schwere der Adipositas über die gesamte Kindheit hinweg - entscheidend.
Das Forschungsteam um Rui Deng vom Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle in Peking analysierte die Daten von 3.354 australischen Kindern aus der „Longitudinal Study of Australian Children“ (LSAC). Die Studie umfasst die Geburtsjahrgänge 2003/2004 und begleitet die Kinder von der Geburt bis zum Alter von 14 bis 15 Jahren. Alle zwei Jahre werden anthropometrische Messungen durchgeführt und eine Pubertätsbeurteilung vorgenommen. Weitere Daten stammten von 1.105 Kindern aus der Tianjin Birth Cohort Study (TBCS). Die TBCS erfasste chinesische Kinder aus drei Grundschulen. Die Messungen bis zum sechsten Lebensjahr stammten aus medizinischen Akten, die Messungen ab dem siebten Lebensjahr aus Nachbefragungen mit halbjährlicher Pubertätsbeurteilung. Den Pubertätsstatus erfassten die Eltern mithilfe eines speziellen Fragebogens. Die Studienautoren rechneten den BMI anhand der WHO-Referenzen in alters- und geschlechtsspezifische BMI-Z-Scores um. Beim letzten Erhebungszeitpunkt waren die australischen Kinder im Mittel 15 Jahre und die chinesischen Kinder 11 Jahre alt. Den Pubertätsbeginn hatten zu diesem Zeitpunkt jeweils mehr Mädchen erreicht.
Das Forschungsteam analysierte mehrere BMI-Verläufe: Es gab Verläufe mit Z-Scores um 0, Verläufe mit durchweg niedrigeren Werten und konstantem, frühem oder spätem BMI-Anstieg sowie Verläufe mit durchgehend hohem Niveau. In dieser Kategorie erreichten die australischen Mädchen Z-Scores bis 3,5 und kamen im Mittel 1,5 Jahre früher in die Pubertät als Mädchen mit durchgehend niedrigen Werten. Bei den australischen Jungen lag das Niveau in der höchsten kumulativen BMI-Kategorie etwas niedriger (Z-Scores bis 2,5) und die Pubertät begann hier 0,7 Jahre früher. Für Kinder in der untersten BMI-Kategorie ergab sich eine Pubertätsverzögerung von 0,7 Jahren bei Mädchen und 0,5 Jahren bei Jungen.
Bei den Daten der chinesischen Studie zeigte sich eine weniger ausgeprägter Zusammenhang: Mädchen mit der stärksten kumulativen Adipositas kamen um 0,4 Jahre früher in die Pubertät. Bei Jungen konnte kein Zusammenhang festgestellt werden. Die Konfidenzintervalle waren jedoch sehr breit, was vermutlich an den geringen Fallzahlen liegt. Zudem war die Adipositas zumindest bei den Mädchen deutlich schwächer ausgeprägt als bei den Jungen.
Die Auswertung der gepoolten Daten ergab einen eindeutigen Zusammenhang: Bei Mädchen korreliert ein höherer BMI mit einem früheren Beginn der Pubertät.
Als das Team um Deng die BMI-Z-Scores für unterschiedliche Altersgruppen analysierte, zeigte sich, dass ein rascher Anstieg im Alter von drei bis vier Jahren mit einem besonders frühen Pubertätsbeginn einherging: um 3,4 Jahre pro BMI-Standardabweichung bei den australischen Mädchen und um 1,4 Jahre bei den Jungen. In der chinesischen Kohorte zeigte sich der Zusammenhang wiederum nur bei den Mädchen (-1,6 Jahre), nicht jedoch bei den Jungen. Dies könnte auch an der relativ kurzen Beobachtungszeit liegen, da 41 % der Jungen bei der letzten Auswertung die Pubertät noch nicht erreicht hatten.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von CEA im Hinblick auf den Beginn der Pubertät und deuten darauf hin, dass das Alter von drei bis vier Jahren ein wichtiger Zeitraum für eine frühzeitige Überwachung des Einsetzens der Pubertät sein könnte. Die Studienautoren weisen darauf hin, dass eine adipositasbedingte vorzeitige Pubertät die endogene Östrogenexposition verlängern könnte und somit das Brustkrebsrisiko steige. Ein früher Beginn der Pubertät gehe außerdem mit einem höheren Risiko für Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme einher.
Katharina Maidhof-Schmid
