Am Karfreitag, den 03.04.2026, verstarb Professor Gunter Gross-Selbeck im Alter von 86 Jahren zu Hause im Kreise seiner Familie. Hinter ihm lag eine lange Erkrankung, die seine Mobilität und in den letzten Monaten seine Lebensqualität erheblich beeinträchtigte.
Geboren wurde der „Hanseat“ am 20. Mai 1939 in Kiel. Den Norden verließ er zunächst für sein Studium, welches ihn nach Freiburg im Breisgau, Wien schlussendlich nach Bielefeld und dann wieder nach Kiel brachte, wo er 1969 bis 78 zunächst als Assistenz-, dann als Oberarzt und ab 1978 als stellvertretender Direktor der Klinik für Neuropädiatrie bei Professor Hermann Doose tätig war.
1978 habilitierte Gunter Gross-Selbeck über das Thema: „Untersuchungen zur Persönlichkeitsstruktur von Kindern und Jugendlichen mit elektroenzephalographisch nachweisbarer Photosensibilität“.
1979 wechselt er als Chefarzt in das von der Stadt Düsseldorf neu gegründete Kinderneurologische Zentrum in Düsseldorf-Gerresheim, welches er bis zu seinem Renteneintritt 2004 leitete. Gunter Gross-Selbeck baute diese Abteilung aus dem Nichts auf. Die Interdisziplinarität aus ärztlicher, psychologischer und therapeutischer Expertise war die Basis für sein sozialpädiatrisches Verständnis von Epilepsien und Entwicklungsstörungen, er wurde damit zum Vordenker des heute akzeptierten bio-psycho-sozialen Gedankenmodells zur Erfassung komplexer Krankheitsbilder.
Das „Kinderneurologische Zentrum“ entwickelte sich rasch zu einem bedeutsamen Sozialpädiatrischen Zentrum, überregional unter dem Namen des Stadtteils „Gerresheim“ bekannt.
Neben seiner ärztlichen leitenden Tätigkeit legte er großen Wert auf die wissenschaftliche Evaluation der ärztlichen und (neuro-) psychologischen Arbeit. Seine Buchreihe „Das anfallskranke Kind“ wurde Standardlektüre aller mit Epilepsie befassten pädiatrischen Kolleginnen und Kollegen. Weitere Publikationen folgten. 1984 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Universität Düsseldorf.
Gunter Gross-Selbeck war den Fachgesellschaften aktiv verbunden. 1995 wurde er Präsident der Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen Gesellschaft für Neuropädiatrie. Von 2001 bis 2003 war er Präsident der Deutschen Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie und 2003 Tagungspräsident der Dreiländertagung in Berlin. Professor Gross-Selbeck wurde 2004 Ehrenmitglied der Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen Gesellschaft für Neuropädiatrie und 2013 Ehrenmitglied der Gesellschaft für Epileptologie.
Sein Ruhestand 2004 bedeutete nicht „sich zur Ruhe setzen“. Ab 2004 war Gunter Gross-Selbeck als Unterstützer und Mitarbeiter in einer Rehabilitationseinrichtung für Kinder und Jugendliche in Nepal aktiv. In beispielhafter Weise gelang ihm gemeinsam mit seiner Frau Claudia (Physiotherapieausbilderin) der Aufbau einer Ambulanz für neurologisch kranke Kinder und Jugendliche in Kathmandu mit Außenstellen in allen Distrikten. Neben der persönlichen Aktivität waren beide erfolgreich um Spenden bemüht, und wurden u. a. vom Lions Club Düsseldorf unterstützt. Gunter Gros-Selbeck wurde nicht zuletzt wegen dieses Engagement 2025 mit deren höchster internationaler Auszeichnung, dem Melvin-Jones-Award, geehrt.
Zusätzlich folgten 2007 bis 2012 im Auftrag des Senior Experten Service, SES, Bonn mehrwöchige Tätigkeiten im Jemen, in Danyang, China, in mehreren Waisenhäusern für behinderte Kinder und Jugendliche in Baku, Aserbaidschan, und in der Mongolei für die Association of Parents for Disabled Children, ihrer beider Fokus lag neben der Vermittlung von Wissen an Ärzte, Pflegende und Therapeuten vor Ort zur teilhabeorientierten Versorgung neurologisch erkrankter Kinder auch in der Unterstützung beim Aufbau organisatorischer Strukturen mit dem Ziel nachhaltiger Selbstständigkeit der unterstützten Einrichtungen.
Für diese Verdienste erhielten er und seine Frau Claudia Gross-Selbeck 2014 den Bundesverdienstorden am Bande.
In seinem privaten Leben war er als „Apa“ Zentrum einer großen Familie von Kindern und Enkelkindern. Er und seine Frau Claudia liebten die Kunst, betrachtend, diskutierend und auch sammelnd. Mit Leidenschaft pflegten sie Freundschaften und Bekanntschaften in großzügiger, liebevoller Gastfreundschaft, gerne in ihren eigenen Räumen.
Gunter Gross-Selbeck war ein liebenswerter, emphatischer und kompetenter Kinderarzt, ein respektvoller und ressourcenorientierter Gesprächspartner für die besorgten Angehörigen, ein charismatischer mitreißender klinischer Lehrer, ein engagierter Wissenschaftler und Netzwerker.
Als Chef seines kinderneurologischen Teams war er in mit seinem hohen Arbeitsethos, in seiner wertschätzenden Umgangsart gegenüber seinen Mitarbeitenden, seiner ansteckenden Begeisterung und seiner Haltung hoch geschätzt und wirkte prägend während seiner Arbeitszeit, und weit über seinen Ruhestand 2004 hinaus.
Wir werden sein Andenken in Ehren halten.
Dr. Ira Benkel-Herrenbrück
Im Namen des Teams des Kinderneurologischen Zentrums Düsseldorf Gerresheim
