Beim diesjährigen 60. Jubiläumskongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) wurden neue Präventionsansätze zum Thema Allergie vorgestellt. Es wird jetzt nicht mehr empfohlen, allergene Lebensmittel im ersten Lebensjahr zu meiden.

Generell wird nun davon abgeraten, im ersten Lebensjahr auf allergieauslösende Lebensmittel völlig zu verzichten. „Das ist ein Paradigmenwechsel, den es in den letzten Jahren gegeben hat”, so Katharina Sieferle, Ernährungswissenschaftlerin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Früher wurde im Rahmen der Allergieprävention bei Kindern noch empfohlen, potenzielle Allergene zu meiden. Heute weiß man jedoch, dass eine frühe Exposition gegenüber Allergenen zu einer Toleranzentwicklung beitragen kann – insbesondere bei Kindern mit einem erhöhten Allergierisiko. Bei der frühen Allergieprävention gibt es allerdings weiterhin noch viele Unsicherheiten. Beim DEGAM Kongress in Göttingen wurde deutlich, dass Empfehlungen (auch aus Leitlinien) teilweise uneindeutig, uneinheitlich oder sogar widersprüchlich sind.

Katharina Sieferle und ihr Team haben untersucht welche Übereinstimmungen es in den Leitlinien gibt. Die Arbeitsgruppe analysierte 14 nationale und internationale Leitlinien zum Thema Allergieprävention, die kürzlich ein Update erhalten hatten. Stillen wird prinzipiell in allen untersuchten Leitlinien empfohlen, jedoch nicht speziell zur Allergieprävention, sondern aufgrund anderer allgemeiner gesundheitlicher Vorteile. Zur Allergieprävention wird Stillen in zwei Leitlinien empfohlen, und zwar zur Prävention von Asthma und allergischer Rhinitis. Drei Leitlinien empfehlen, die ersten vier bis sechs Monate ausschließlich zu stillen, eine Leitlinie empfiehlt die ersten sechs Monate.

Auch während der Einführung von Beikost soll weiter gestillt werden. Wenn Stillen nicht möglich ist, wird in der Regel eine Standard- bzw. Kuhmilch-Säuglingsanfangsnahrung empfohlen. Für Kinder ohne erhöhtes Allergierisiko erteilen die meisten Leitlinien keine direkte Empfehlung für oder gegen hypoallergene (hydrolysierte) Formula zur Prävention allergischer Erkrankungen. Bei Kindern mit erhöhtem Allergierisiko empfehlen vier Leitlinien Säuglingsanfangsnahrung mit bewiesener Wirksamkeit zur Allergieprävention oder hydrolysierte Formeln zur Prävention von atopischem Ekzem. Diese Empfehlungen sind aber nicht einheitlich. Denn von hydrolysierten Formula zur Allergieprävention wird in zwei Leitlinien auch abgeraten.

Zum Thema Beikost hat schließlich Gesundheitswissenschaftler Professor Christian Apfelbacher von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg die Daten von elf Übersichtsarbeiten vorgestellt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die frühe Einführung bestimmter Nahrungsmittel – wie zum Beispiel Erdnüsse oder gekochtes Ei – im Alter von unter sechs Monaten das Risiko einer Erdnuss- bzw. Eiallergie wohl verringert. Allerdings hatte dies keinen Einfluss auf das Risiko für Ekzeme. Eine Evidenz für andere allergische Erkrankungen konnte hingegen laut Apfelbacher nicht belegt werden. Die frühe Einführung von Beikost kommt somit der Prävention von Allergien gegen bestimmte allergene Lebensmittel zugute, jedoch nicht der Prävention von Nahrungsmittelallergien im Allgemeinen.


Katharina Maidhof-Schmid

Quelle: J. Lander, A. Sprenger, K. Sieferle, C. Hasenpusch, S. Karki, P. Kuper, M. Rohr, R. Nunner, S. Brandstetter. Symposium: Allergieprävention zwischen Evidenz und Unsicherheit: Aktuelle Ergebnisse und methodische Herausforderungen in Evidenz und Leitlinien. 60. Kongress für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. DEGAM, DGSMP, DGMS und EbM-Netzwerk. Göttingen, 2.10.2026