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Fortbildung

Ressourcen/Risiken für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Einführung
Psychische Gesundheit ermisst sich daran, welche Einstellung ein Individuum zu sich selbst hat, welche Fähigkeiten es entwickelt sich selbst zu verwirklichen, sich flexibel mit dem eigenen Ich zu identifizieren, das eigene Handeln selbst zu bestimmen, die Realität unverzerrt wahrzunehmen und nicht zuletzt die Fähigkeit, die Umweltanforderungen durch Anpassungs- und Durchsetzungsleistungen zu meistern (nach einem Konzept von Jahoda 1958) [vgl. 1].
So oder ähnlich wird „psychisches Gesundsein“ definiert. Unbestritten ist, dass die Entwicklung dieser Fähigkeiten maßgeblich von einer entwicklungs- und gesundheitsförderlichen Gestaltung der Lebenswelt im Kindes- und Jugendalter abhängt. Das Ausmaß einschränkender als auch förderlicher Einflüsse kann dabei zu individuell ganz unterschiedlichen Ausprägungen auf dem Kontinuum Gesundheit- Krankheit führen, die bis ins Erwachsenenalter hinein wirken [14]. Die in den letzten Jahrzehnten beobachtete und als „neue Morbidität“ bezeichnete Veränderung des Krankheitsspektrums von den akuten zu den chronischen Krankheiten sowie von den somatischen zu den psychischen Störungen ist im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit zu einem großen Teil durch Störungen der Entwicklung, der Emotionalität und des Sozialverhaltens gekennzeichnet [22]. In Europa leiden nach Angaben der Europäischen Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa zwei Millionen junger Menschen an psychischen Störungen [28]. Ihle et al. berichten, dass die 6-Monats-Prävalenzraten psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter zwischen 15 % und 22 % liegen [12]. In ihrer Übersicht über die wichtigsten nationalen und internationalen epidemiologischen Studien geben sie als häufigstes Störungsbild Angststörungen mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 10,4 % an, gefolgt von aggressiv-dissozialen Störungen mit 7,5 % sowie depressiven und hyperkinetischen Störungen mit jeweils
4,4 %. Als besondere Risikofaktoren für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen werden der Zerfall familiärer Strukturen, ein niedriges Bildungsniveau, Arbeitslosigkeit, Leistungsdruck und Migration genannt [6, 7, 16, 20]; aber auch chronische Krankheiten, früh wechselnde Bezugspersonen oder schwer belastende Lebensereignisse [2] zählen dazu.


Salutogenese als Ursprung oder Entstehung von Gesundheit 
Im salutogenetischen Modell von Antonowsky wird Gesundheit als der Zustand eines dynamischen Gleichgewichts aufgefasst, das ständig von Risiken und Stör­einflüssen (Stressoren) bedroht und zugleich von Schutzfaktoren gestützt wird. Ein Mensch wird dann krank, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist – entweder weil die Störfaktoren zu massiv sind oder weil die stabilisierende Wirkung der Schutzfaktoren (Ressourcen) nicht ausreicht [3]. Dabei sind die Grunddimensionen im salutogenetischen Modell „Verstehbarkeit (comprehensivness) der Welt“, „Steuerbarkeit (manageability)“ und „Bedeutsamkeit (meaningfulness)“. Das Kohärenzgefühl steht dabei im Zentrum der Frage „Wie entsteht Gesundheit?“ und bezeichnet eine globale Orientierung, die ausdrückt, „in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind; dass einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen, und dass diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen“[1, S. 37]. Zusammenhänge zwischen einem starken Kohärenzgefühl und einer geringen Ausprägung psychischer Störungen sind wissenschaftlich belegt [3].

Was sind Schutzfaktoren?
Will man Kindergesundheit beschreiben, kommt man nicht umhin, der Frage nachzugehen, warum bestimmte Kinder bei ähnlich schlechten Ausgangsbedingungen und Belastungen weniger erkranken bzw. weniger Störungen entwickeln als andere Kinder. Welche Schutzfaktoren/Ressourcen wirken protektiv auf die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen ein? In Anlehnung an Masten [18] werden im Weiteren Schutzfaktoren in personale, familiäre und soziale Ressourcen eingeteilt. Als personale oder dispositionelle Ressourcen des Kindes werden Merkmale der Persönlichkeit verstanden, wie z.B. ausgeglichenes Temperament, positives Selbstwertgefühl, gute intellektuelle Begabung, Optimismus, Kohärenzsinn oder die allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung als generelle Überzeugung, selbst über die notwendige Kompetenz zu verfügen, um mit Anforderungen umgehen zu können [21, 24, 26]. Als stabilisierende (resilienzfördernde) Persönlichkeitseigenschaften sind außerdem soziale Offenheit und Kontaktfähigkeit zu nennen. Die familiären Ressourcen umfassen insbesondere Aspekte des Familienklimas, d.h. stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson, offenes und unterstützendes Familienklima, familiären Zusammenhalt, das Erziehungsverhalten oder Modelle positiver Bewältigung. Als außerfamiliäre soziale Ressourcen werden soziale Unterstützung von Erwachsenen oder Gleichaltrigen wie z.?B. positive Freundschaftsbeziehungen angesehen [26].
Auf der Grundlage der aktuellen bundesweit repräsentativen epidemiologischen Daten des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys KiGGS soll im Folgenden das Auftreten psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen im Kontext von ausgewählten Risiko- und Schutzfaktoren dargestellt werden.

Untersuchungsmethoden
Die KiGGS-Studie
In der KiGGS-Studie wurden im Verlauf von drei Jahren (2003–2006) bundesweit repräsentativ 17.641 Kinder und Jugendliche im Alter von 0?–?17 Jahren medizinisch-physikalisch untersucht und getestet, die Eltern, ab 11 Jahren auch die Kinder und Jugendlichen selbst, schriftlich befragt mit dem Ziel eine Datengrundlage zur gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu schaffen, Informationslücken zu vervollständigen und diese Daten der Gesundheitsberichterstattung sowie der Forschung zur Verfügung zu stellen.

Die ersten Ergebnisse des KiGGS wurden bereits in der Mai/Juni-Ausgabe 2007 des Bundesgesundheitsblatts publiziert. Das vollständige Doppelheft steht im Internet unter www.kiggs.de kostenfrei als pdf-Download zur Verfügung.


Instrumente
Psychische Auffälligkeiten wurden mit dem „Strengths and Difficulties Questionnaire“ (SDQ) [8] erfasst. Die Ergebnisse für die Altersgruppe 3 bis 17 Jahre für diesen Beitrag stammen aus der Befragung der Eltern von 7.102 Mädchen und 7.376 Jungen. Der SDQ erfragt psychische Schwächen und Stärken mit fünf Subskalen: „Emotionale Probleme“, „Verhaltensprobleme“, „Aufmerksamkeitsdefizit-?/??Hyperak­tivitätsprobleme“, „Probleme mit Gleichaltrigen“ sowie „Prosoziales Verhalten“. Aus den vier Problemskalen lässt sich der sog. Gesamtproblemwert berechnen, der für diesen Beitrag als Indikator für psychische Gesundheit herangezogen wird. Anhand ihrer Ergebnisse lassen sich die Probanden in die Kategorien „unauffällig“, „grenzwertig“ oder „auffällig“ einteilen. Für die Berechnung der Odds-Ratios wurden die Kategorien „grenzwertig“ und „auffällig“ des SDQ-Gesamtproblemwerts zu einer Kategorie zusammengefasst.
Die Schutzfaktoren wurden, wie eingangs dargestellt, als personale Ressourcen, familiärer Zusammenhalt und außerfamiliäre soziale Unterstützung erfragt. Berichtet werden hier die Selbstangaben von insgesamt 7.557 Jungen und Mädchen im Alter von 11?–?17 Jahren. Die personalen Ressourcen wurden über eine im Robert Koch-Institut entwickelte, aus fünf Items bestehende Skala [4] erfasst. Die Items stammen aus der Selbstwirksamkeitsskala (WIRKALL) von Schwarzer & Jerusalem z.?B „für jedes Problem kann ich eine Lösung finden“ [25] , der Optimismusskala des Berner Fragebogens zum Wohlbefinden Jugendlicher (BfW) („meine Zukunft sieht gut aus“) [9] sowie der „Childrens Sense of Coherence“–Scale (CSOC) (z.?B. „die Dinge, die ich jeden Tag mache, bereiten mir Freude und sind lustig“) von Kern et al. [13]. Familiäre Ressourcen wurden mit einer gekürzten Skala nach Schneewind et al. („Familiärer Zusammenhalt“- z.?B. „in unserer Familie geht jeder auf die Sorgen und Nöte des anderen ein“) [23], soziale Ressourcen mit der „Social Support Scale“ von Donald?&?Ware (z.?B. „gibt es jemanden, mit dem du zusammen Spaß haben kannst“) erfasst [5]. Prävalenzen, Gruppenunterschiede und interne Konsistenzen der Schutzfaktorskalen in der KiGGS-Stichprobe finden sich bei Erhart et al. [7].


Abb. 1: Psychische Auffälligkeiten (SDQ-Gesamtproblemwert „auffällig“
und Subskala „Emotionale Probleme“ nach Elternrating).


Risikofaktoren für eine gesunde psychische Entwicklung
Als Risikofaktoren für psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für die vorliegenden Auswertungen wurden ein niedriger sozioökonomischer Status, der Status der Berufstätigkeit der Mutter, die Vollständigkeit der Familie und ein Migrationshintergrund betrachtet. Der sozioökonomische Status wurde im KiGGS über den Winkler-Sozialschichtindex ermittelt, anhand dessen Haushalte mit hohem, mittlerem und niedrigem Sozialstatus identifiziert werden können [17]. Bezüglich der Berufstätigkeit der Mutter wurde unterschieden, ob die Mutter zum Befragungszeitpunkt arbeitslos, nicht berufstätig (z.?B. in Ausbildung?/?Studium befindlich), in vorübergehender Freistellung wie Erziehungsurlaub, teilzeit- oder vollzeitbeschäftigt war. Als familiärer Risikofaktor wurde die Unterscheidung Alleinerziehung vs. vollständige Familie herangezogen. Als vollständig wurde eine familiäre Situation gewertet, in der das Kind bei den leiblichen Eltern oder bei Mutter und Stiefvater bzw. Vater und Stiefmutter im gemeinsamen Haushalt lebt. Als unvollständig wird eine familiäre Situation bezeichnet, in der ein Elternteil, Vater oder Mutter, alleinerziehend ist und ohne (neuen) Partner im Haushalt lebt. Bei Alleinerziehung ist mit ca. 90?% in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Mutter des Kindes im hier betrachteten Alterspektrum von 3?–?17 Jahren alleinerziehend, in knapp 10?% der Fälle ist es der Vater.


Abb. 2: Psychische Auffälligkeit (SDQ) und ausgewählte
Schutz­faktoren (personal, sozial, familiär) im Selbstbericht
der Kinder und Jugendlichen 11 bis 17 Jahre.


Ergebnisse
Psychische Auffälligkeiten (SDQ)
Im Altersbereich der 3- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen waren auf Grundlage der Elternangaben insgesamt 14,7?% der Kinder und Jugendlichen auffällig oder grenzwertig auffällig im SDQ-Gesamtproblemwert [11]. Diese Kinder und Jugendlichen müssen als Risikogruppe betrachtet werden. Von den Kindern und Jugendlichen, die als auffällig eingestuft wurden (insgesamt 7,2?%) waren 5,3?% Mädchen und 9,0?% Jungen, die damit etwa 1,7mal häufiger betroffen sind als Mädchen. Es konnte ein deutlicher Gradient nach Sozialstatus festgestellt werden: Kinder aus der höchsten Sozialschicht wiesen mit 3,5?% den geringsten Anteil auf, gefolgt von Kindern und Jugendlichen aus Familien mit mittlerem Sozialstatus mit 6,4?%. Am häufigsten waren Kinder und Jugendliche aus der unteren Sozialschicht auffällig mit 12,2?% (Abb.1). Differenziertere Angaben erhält man bei Betrachtung einzelner Problemskalen. Wie in Abb. 1 an der Problemskala „emotionale Probleme“ dargestellt, weisen Mädchen mit 9,7?% mehr emotionale Probleme auf als Jungen mit 8,6?%. Auch hier sind Kinder und Jugendliche aus der unteren Sozialschicht mit 12,6?% fast doppelt so häufig betroffen wie Kinder und Jugendliche aus der höchsten Sozialschicht.


Personale, familiäre und soziale Schutzfaktoren
Ausgehend von der Hypothese, dass es zwischen psychisch auffälligen und nicht auffälligen Kindern und Jugendlichen Unterschiede in den selbstberichteten Schutzfaktoren gibt, wurden jeweils für die drei Schutzfaktordimensionen (personal, sozial und familiär) „Stellvertreter-Items“ ausgewählt und die beiden Gruppen „Betroffene“ und „Nicht-Betroffene“ miteinander verglichen (Abb.2). Für die Dimension „personale Ressourcen“ wurde das Item „Wenn ein Problem auftaucht, kann ich es aus eigener Kraft meistern“ ausgewählt, für „soziale Ressourcen“ war es die Aussage „Es gibt jemanden, der mir zuhört“ und für „familiäre Ressourcen“ „Wir kommen wirklich gut miteinander aus“. Unterteilt nach den drei Antwortmöglichkeiten „stimmt nicht?/?kaum“, stimmt eher“ und „stimmt genau“ wurden die Fragen nach den Schutzfaktoren von den Kindern und Jugendlichen, die psychische Auffälligkeiten aufwiesen, deutlich ungünstiger beantwortet als von den Nichtauffälligen. Im Ergebnis kann somit eine Abhängigkeit zwischen dem Vorhandensein?/?Nichtvorhandensein von Schutzfaktoren und der Entwicklung von psychischen Auffälligkeiten angenommen werden.
In der multivariaten Betrachtung unter Berücksichtigung der Schutzfaktorskalen erweisen sich bei statistischer Kontrolle von Geschlecht und Migrationsstatus die personalen Ressourcen als die bedeutsamsten Prädiktoren für psychische Gesundheit. Kinder und Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten haben danach eine ca. 2,7-fach erhöhte Chance, starke Defizite in den personalen Ressourcen zu haben, eine ca. 2,4-fach erhöhte Chance für starke Defizite im familiären Zusammenhalt und eine ca. 1,5-fach erhöhte Chance für starke Defizite in den sozialen Ressourcen. Von Bedeutung ist auch, dass Kinder mit Migrationshintergrund eine ca. 1,6-fach erhöhte Chance haben, psychisch auffällig zu sein im Vergleich zu Kindern ohne Migrationshintergrund (Tab. 1) [10].


Risikofaktoren „Alleinerziehung“ und Arbeitslosigkeit
Wenn im Folgenden von Alleinerziehung als Risikofaktor für die psychische Gesundheit gesprochen wird, gehen in die Betrachtung lediglich die Kinder alleinerziehender Mütter ein. Die Zahl alleinerziehender Väter war in der Stichprobe zu gering, um aussagefähige Ergebnisse erzielen zu können.
Kinder Alleinerziehender haben ein deutlich höheres Risiko, psychisch auffällig zu sein, als Kinder aus vollständigen Familien. Während bei 13,3 % der 3- bis 17-Jährigen in vollständigen Familien psychische Auffälligkeiten berichtet wurden, waren das mit einem Anteil von 23,9 % fast doppelt so viele Betroffene in unvollständigen Familien. Auch der Beschäftigungsstatus alleinerziehender Mütter steht im Zusammenhang mit dem Vorhandensein von psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen: Kinder arbeitsloser und nicht berufstätiger alleinerziehender Mütter (Anteile: 30,9?% und 30,5?%) haben mehr Auffälligkeiten als Kinder alleinerziehender Mütter, die in Voll- oder Teilzeit berufstätig sind (Anteile: 19,6?% und 22,0 %). Die Berufstätigkeit der Mutter bei Alleinerziehung scheint somit einen protektiven Effekt auf die psychische Gesundheit der Kinder zu haben (Abb. 3) [10].
Betrachtet man die Risikofaktoren Alleinerziehung und Arbeitslosigkeit der Mutter unter statistischer Kontrolle von Alter, Geschlecht und Migrationsstatus, so zeigt sich ein deutlicher kumulativer Effekt für kombinierte Risikolagen. Danach haben Kinder alleinerziehender und arbeitsloser Mütter ein ca. 3,1-fach erhöhtes Risiko, psychische Auffälligkeiten zu haben, gegenüber Kindern aus vollständigen Familien, in denen die Mutter arbeitet. Immerhin noch 2,14 erhöht ist das Risiko bei den Kindern, deren Mutter alleinerziehend ist und nicht berufstätig, und um 1,54-fach erhöht sich das Risiko in vollständigen Familien, in denen die Mutter arbeitslos ist (Tab. 2) [10].


Abb. 3: Psychische Auffälligkeiten (SDQ) in Bezug zu Vollständigkeit der Familie und Beschäftigungsstatus alleinerziehender Mütter [27].


Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Vorhandene Risiko- und Schutzfaktoren zu erkennen, ist Voraussetzung für die Ableitung präventiver Maßnahmen und die Vermeidung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Die bundesweit repräsentativen Daten der KiGGS-Studie zeigen, dass 14,7?% aller 3- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen Symptome von Verhaltensauffälligkeiten nach dem SDQ aufweisen. Im Gruppenvergleich psychisch auffälliger und nicht auffälliger Kinder und Jugendlicher in Bezug auf vorhandene Schutz- und Risikofaktoren zeigte sich erwartungsgemäß in der Gruppe der Betroffenen eine geringere Ausstattung mit personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren. Dabei erwiesen sich die personalen Ressourcen als die stärksten Prädiktoren für psychische Gesundheit.
Die untersuchten Risikofaktoren Alleinerziehung der Mutter, Arbeitslosigkeit der Mutter, niedriger sozialer Status und Migrationshintergrund sind stark assoziiert mit dem Vorhandensein von psychischen Auffälligkeiten, insbesondere wenn die Risikolagen kombiniert auftreten. Ein schützender Effekt konnte dagegen für Kinder alleinerziehender Mütter, die einer Teil- oder Vollzeitbeschäftigung nachgehen, festgestellt werden. Damit wurden Ergebnisse anderer Untersuchungen bestätigt [6, 15, 27].



Das Vorhandensein von psychischen Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter beeinflusst in starkem Maße die weitere psychosoziale Entwicklung der Betroffenen, ihre Interaktion mit und in der Familie, im Freundeskreis, das Freizeitverhalten, die Zukunftsplanung U.?a.?m. Als Grund muss ein zumindest teilweise gestörtes Gleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren angenommen werden. Die Symptome gehen häufig mit einer negativen Fixierung auf sich selbst, die Umwelt und die Zukunft einher. Die Betroffenen erleben Geschehnisse als unbeeinflussbar und fühlen sich hilflos ausgesetzt, was zum Verlust von Selbstachtung und Selbstwertgefühl führen kann. Defizitäre Problemlösefertigkeiten, dependente Wesenszüge, dysfunktionale Eltern-Kind Beziehungen und chronische Belastungen wie z.?B. Probleme in sozialen Beziehungen, Mangel an Freundschaften und an Zuwendung sind Risikofaktoren für psychische Störungen [vgl.19]. Daher muss es familiäres wie gesellschaftliches Anliegen sein, Defiziten in der Entwicklung und der Ausbildung bzw. Defiziten im Vorhandensein von personalen, familiären und sozialen Ressourcen entgegen zuwirken und die Heranwachsenden in ihrer Auseinandersetzung mit den Umweltanforderungen positiv zu bestärken. Dazu erscheint es erforderlich, mehr als bisher familienorientierte Präventions- und Interventionsansätze zu wählen. Zusätzlich brauchen Kinder ein Gemeinwesen, das bei Bedarf oder Notwendigkeit neben den Eltern aktiv Verantwortung für ihr gesundes Aufwachsen übernimmt.

 


Notwendige Konsequenzen

  • Die Stärkung der natürlichen Elternkompetenz im Umgang mit ihren Kindern ist eine vordringliche Aufgabe. Besonders schwer erreichbare Eltern z.?B. aus sogenannten bildungsfernen und sozial schwachen Schichten benötigen mehr als bisher niedrigschwellige Hilfsangebote in lebensnahen Bereichen.
  • Durch eine enge Vernetzung und Kooperation der familienrelevanten Einrichtungen können Probleme eher erkannt und Hilfen schneller zur Verfügung gestellt werden.
  • Eine Verbesserung der Aus- und Weiterbildung von Pädagogen, Sozialarbeitern, Mitarbeitern der Jugendhilfe und des Jugendamtes ist erforderlich mit dem Ziel, mehr als bisher fundierte theoretische Wissensvermittlung mit praktischem Bezug zu verbinden. Die personellen Ressourcen in den Einrichtungen zur Kinderbetreuung müssen verbessert werden.
  • Mit einer Umwandlung von „Komm“- in „Geh“-Strukturen im Rahmen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (Ärzte, Psychologen etc. gehen in die Kindereinrichtungen und auf die Eltern zu) können mehr Eltern erreicht werden.
  • Die Qualitätsverbesserung der pädagogischen Arbeit vor allem in den Einrichtungen der Vorschulerziehung kann maßgeblich dazu beitragen, die Kinder auf einen guten Start ins Schulleben vorzubereiten.


Wesentliches für die Praxis...

  • Die psychische Gesundheit eines Kindes wird maßgeblich von den ihm zur Verfügung stehenden personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren beeinflusst. Dabei sind die stärksten Prädiktoren für psychische Gesundheit die personalen Ressourcen, gefolgt von den familiären und den sozialen Ressourcen.
  • Im Alter von 3 bis 17 Jahren weisen 14,7 % der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten auf, das ist nahezu jedes 7. Kind in Deutschland.
  • Ein besonders hohes Risiko besteht für Kinder alleinerziehender und nicht berufstätiger Mütter.
  • Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche und solche mit Migrationshintergrund sind stärkeren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt.


Literatur
1.    Antonovsky A (1997) Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dgvt, Tübingen
2.    Barkmann C, Schulte-Markwort M (2006) Psychosoziale Lebenssituation und Gesundheitsprobleme bei Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland. Prax Kinderpsychol Kinderpsychiat 55:444–458
3.    Bengel J, Strittmatter R, Willmann H (1998) Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert. Vol 6. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln
4.    Bettge S , Ravens-Sieberer U (2003) Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen – empirische Ergebnisse zur Validierung eines Konzepts. Gesundheitswesen 65:167–172
5.    Donald CA, Ware JE (1984) The measurement of social support. Research in Community and Mental Health 4:325–370
6.    Egle UT, Hoffmann SO, Steffens M (1997) Psychosoziale Risiko- und Schutzfaktoren in Kindheit und Jugend als Prädisposition für psychische Störungen im Erwachsenenalter. Gegenwärtiger Stand der Forschung. Nervenarzt 68:683–695
7.    Erhart M, Hölling H, Bettge S, Ravens-Sieberer U, Schlack R (2007) Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) Risiken und Ressourcen für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 50:800-809
8.    Goodman R (1997) The Strengths and Difficulties Questionnaire: a research note. J Child Psychol Psychiatry 38:581–586
9.    Grob A, Lüthi R , Kaiser FG , Flammer A , Mackinnon A , Wearing AJ (1991) Berner Fragebogen zum Wohlbefinden Jugendlicher (BFW). Diagnostica 37:66–75
10.    Hölling H, Erhart M, Ravens-Sieberer U, Schlack R (2007) Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen . Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) . Bundesgesundheitsbl –Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 50:784–793
11.    Hölling H, Schlack R (2008) Psychosoziale Risiko- und Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter- Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Gesundheitswesen 70:1–10
12.    Ihle W , Esser G (2002) Epidemiologie psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter. Prävalenz, Verlauf, Komorbidität und Geschlechtsunterschiede. Psychologische Rundschau 53:159–169
13.    Kern R, Rasky E, Noack RH (1995) Indikatoren für Gesundheitsförderung in der Volksschule. Forschungsbericht 95/1. Karl-Franzens-Universität, Graz
14.    Kißler M, Keller-Ebert C (1994) Kinder und Jugendliche in der Stadt. Zur Lebenssituation von Familien unter besonderer Berücksichtigung der Stadt Köln: Deutscher Gemeindeverlag. Kohlhammer
15.    Klocke A , Lampert T (2005) Armut bei Kindern und Jugendlichen. Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE). Robert Koch-Institut, Berlin
16.    Lampert T, Hagen C, Heizmann B (2008) (im Druck) Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Robert Koch-Institut, Berlin
17.    Lange M , Kamtsiuris P , Lange C , Schaffrath Rosario A, Stolzenberg H , Lampert T (2007) Messung soziodemographischer Merkmale im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) und ihre Bedeutung am Beispiel der Einschätzung des allgemeinen Gesundheitszustands . Bundesgesundheitsbl–Gesundheitsforsch–Gesundheitsschutz 50 (5/6):578–589
18.    Masten AS (2001) Resilienz in der Entwicklung: Wunder des Alltags. In: Rösler G, v. Hagen C, Noam G (Hrsg.) Entwicklung und Risiko. Perspektiven einer klinischen Entwicklungspsychologie. Kohlhammer, Stuttgart,192–219
19.    Mehler-Wex C, Kölch M (2008) Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 105;9:149-155
20.    Petermann F, Döpfner M, Lehmkuhl G, Scheithauer H (2000) Klassifikation und Epidemiologie psychischer Störungen. In: Petermann F (Hrsg.) Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie und –psychotherapie.Hogrefe, Göttingen

Weitere Literatur beim Verfasser


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