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Lebensqualität und Schutzfaktoren bei Asthma, Adipositas und ADHS*

* Der Beitrag fasst KiGGS-Ergebnisse zusammen, die als Originalbeitrag im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht wurden [5].

Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)
Chronische Krankheiten sind durch ihre Nichtheilbarkeit oder die lange Dauer (mindestens 6 Monate) der Krankheitssymptome charakterisiert und bringen häufig einen besonderen medizinischen, ambulanten und/oder stationären Behandlungsbedarf mit sich [9]. Nach dem Sozialgesetzbuch IX werden sie heute den Behinderungen gleichgestellt. Im Kindes- und Jugendalter sind sie wegen ihrer potenziellen Auswirkung auf die kindliche Entwicklung bzw. die sozialen Chancen Jugendlicher von besonderer Bedeutung. Wie gut das einzelne Kind mit den unterschiedlichen Belastungen fertig wird, die mit einer chronischen Gesundheitsstörung einhergehen, hängt U.a. von seinen Schutzfaktoren ab und kommt in seiner selbstwahrgenommenen Lebensqualität zum Ausdruck.


Psychosoziale Adaptation und der Einfluss von Schutzfaktoren
Die psychosoziale Adaptation bei chronischen Gesundheitsstörungen lässt sich als Wechselwirkungsprozess von belastenden und protektiven Faktoren verstehen. Den aus den chronischen Gesundheitsstörungen und lebensgeschichtlichen Ereignissen resultierenden Belastungen lassen sich Schutzfaktoren gegenüberstellen, die sich grob in personale, familiäre und soziale Ressourcen einteilen lassen. Die wichtigsten personalen Ressourcen sind Merkmale der Persönlichkeit der Kinder, wie der Kohärenzsinn (z.B. die Erwartung, dass Ereignisse verstehbar, vorhersehbar und bewältigbar sind) oder dispositioneller Optimismus ebenso wie eine gute intellektuelle Begabung und ein ausgeglichenes Temperament. Als stabiles Persönlichkeitsmerkmal bezeichnet man zudem die allgemeine Selbstwirksamkeitserwartung, die generelle Überzeugung, über notwendige Kompetenzen zu verfügen, um den täglichen Anforderungen gerecht werden zu können. Bei den familiären Ressourcen spielen vor allem das Familienklima (familiärer Zusammenhalt, familiäre Aktivität, innerfamiliäre Kommunikation), aber auch das Erziehungsverhalten mit den Aspekten Anregung und Förderung bzw. die Modellfunktion der Eltern eine große Rolle. Die sozialen Ressourcen umfassen U.a. die von Gleichaltrigen (Peers) oder Erwachsenen erfahrene Zuwendung oder Hilfestellung bei der Bewältigung von Problemen. Bezogen auf die chronische Krankheit eines Kindes haben Aspekte wie der Schutz vor Isolation und Stigmatisierung eine besondere Bedeutung.


Gesundheitsbezogene Lebensqualität als Maß für die subjektive Belas­tung und Bewältigung bei chronischen Gesundheitsstörungen
Gesundheitsbezogene Lebensqualität wird als mehrdimensionales Konstrukt verstanden, das subjektiv empfundene emotionale, körperliche, soziale und verhaltensbezogene Komponenten des Wohlbefindens und der Funktionsfähigkeit beinhaltet. Eine hohe Lebensqualität bei Vorhandensein einer chronischen Krankheit signalisiert eine geringe subjektive Belastung durch die Gesundheitsstörung und kann damit auch als Kriterium gelungener Krankheitsbewältigung angesehen werden [4]. Im Folgenden werden Zusammenhangsanalysen für drei aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer gesundheitspolitischen Bedeutung ausgewählten Gesundheitsstörungen – Asthma, Adipositas und ADHS – mit personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren sowie gesundheitsbezogener Lebensqualität aus der KiGGS-Studie vorgestellt.


Die KiGGS-Studie
Im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey KiGGS wurde von 2003–2006 eine bundesweit repräsentative Stichprobe von 17.641 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis 17 Jahren medizinisch-physikalisch untersucht und getestet, die Eltern, ab 11 Jahren auch die Kinder und Jugendlichen selbst, schriftlich befragt.

Das vollständige Doppelheft der KiGGS-Basispublikation steht im Internet unter http://www.kiggs.de/ kostenfrei als pdf-Download zur Verfügung.

Die Angaben zu den hier vorgestellten chronischen Krankheiten bzw. Gesundheitsstörungen stammen aus der Elternbefragung (Fragebogen und CAPI = Computer Assisted Personal Interview durch die untersuchende Ärzte) [vgl. a. 6, 7, 10], die Angaben zu Schutzfaktoren und Lebensqualität von den Kindern und Jugendlichen der Altersgruppen 11–17 Jahre selbst. Schutzfaktoren wurden in KiGGS als personale Ressourcen, familiärer Zusammenhalt und soziale Unterstützung erfragt [3]. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität konnte auf Ratingskalen in den Bereichen „Körper“, „Psyche“, „Selbstwert“, „Familie“, „Freunde“ und „Schule“ eingeschätzt werden. Aus den Angaben aller Bereiche erfolgt eine Gesamteinschätzung [vgl. a. 9]. Die Ergebnisse beruhen auf den Daten von insgesamt 6.813 Jungen und Mädchen im Alter von 11 bis 17 Jahren.


Schutzfaktoren und Lebensqualität bei Asthma
Unterschiede in den personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren zwischen von Asthma betroffenen und nichtbetroffenen Kindern und Jugendlichen konnten in der Gesamtstichprobe nicht festgestellt werden [5]. Allerdings gaben in der Betrachtung nach Geschlecht Mädchen mit Asthma geringere familiäre Ressourcen an. Auch hinsichtlich der Gesamteinschätzung der Lebensqualität gab es keine Unterschiede zwischen betroffenen und nichtbetroffenen Kindern und Jugendlichen. Bei Betrachtung der Einzelbereiche zeigte sich eine signifikante Verminderung der Lebensqualität nur beim körperlichen Wohlbefinden. Allerdings schätzten Mädchen mit Asthma zusätzlich ihr familiäres und körperliches Wohlbefinden schlechter ein. Jungen mit Asthma gaben dagegen sogar eine bessere schulische Lebensqualität an. Bei älteren Jugendlichen (14–17 Jahre) war das körperliche Wohlbefinden Erkrankter schlechter, während 11- bis-13-Jährige mit Asthma sich nicht von ihren nichtbetroffenen Altersgenossen unterschieden.


Schutzfaktoren und Lebensqualität bei Adipositas
Probanden mit Adipositas hatten insgesamt in sämtlichen Ressourcenbereichen (personal, familiär, sozial) signifikant niedrigere Skalenwerte als nichtadipöse [5]. Für Jungen war dies ebenso der Fall, adipöse und nichtadipöse Mädchen unterschieden sich hingegen nicht bezüglich personaler Schutzfaktoren. Die Lebensqualität adipöser Kinder und Jugendlicher war in fünf Bereichen (in allen außer der familiären Lebensqualität) signifikant niedriger. Dieses Muster wiederholt sich in der Betrachtung nach Geschlecht, jedoch ist das psychische Wohlbefinden nur bei adipösen Jungen alteriert, nicht jedoch bei adipösen Mädchen. Das scheinbare Paradox, dass die familiären Ressourcen von adipösen Kindern und Jugendlichen schlechter eingeschätzt werden, die familiäre Lebensqualität jedoch nicht, lässt sich dahingehend auflösen, dass in den Fragen zu familiären Ressourcen auch Items zu familiärer Aktivität enthalten sind. Da Adipositas familiär gehäuft auftritt, erscheint es vor diesem Hintergrund plausibel, dass hier von adipösen Kindern und Jugendlichen geringere Werte erreicht wurden. Ebenfalls plausibel erscheint, dass in „Adipositasfamilien“ im Sinne kognitiver Dissonanzreduktion das Problem nicht thematisiert wird, um die familiäre Harmonie nicht zu gefährden.


Schutzfaktoren und Lebensqualität bei ADHS
Von allen drei untersuchten Gesundheitsstörungen ist ADHS diejenige mit den vergleichsweise stärksten Effekten hinsichtlich Schutzfaktorausprägungen und Lebensqualität [5]. ADHS-Kinder haben in allen drei Schutzfaktorbereichen signifikant niedrigere Ausprägungen, am stärksten sind die Defizite im Bereich der sozialen Unterstützung. Jungen mit ADHS erreichen ebenfalls in allen Schutzfaktorbereichen signifikant niedrigere Werte, ADHS-Mädchen nur bei den personalen und sozialen Ressourcen. Dafür sind die Defizite in der sozialen Unterstützung bei ihnen besonders ausgeprägt. Erwartungsgemäß ist die selbsteingeschätzte Lebensqualität von ADHS-Kindern in den Bereichen „Familie“, „Schule“ und „Psyche“ sowohl insgesamt als auch in der Betrachtung nach Alter und Geschlecht signifikant niedriger. Überraschenderweise zeigen sich sowohl insgesamt als auch getrennt nach Alter und Geschlecht bezüglich der Bereiche „Freunde“ und „Selbstwert“ keine Defizite. Offenbar sind ADHS-Kinder trotz häufigerer peerbezogener Frustrationserlebnisse schneller bereit, andere Gleichaltrige als Freunde zu betrachten. Im Alter von 14 bis 17 Jahren sind die Bereiche „Körper“ und „Psyche“ nicht mehr von Verschlechterungen betroffen, weiterhin jedoch die Bereiche „Familie“ und „Schule“. Zum einen kann dies plausibel mit der altersbedingten Veränderung der ADHS-Symptomatik
erklärt werden, der letztere Befund verweist darauf, dass sich Konfliktfelder in Familie und Schule möglicherweise über längere Zeiträume verhärtet haben.


Zusammenfassung und Diskussion
Kinder mit Asthma scheinen insgesamt am wenigsten von Defiziten in ihren Schutzfaktoren und auch am wenigsten von Verschlechterungen der Lebensqualität betroffen. Asthma als chronische Krankheit scheint, möglicherweise aufgrund effizienterer Behandlungsmöglichkeiten, seine einschneidenden Belastungen verloren zu haben. Dass die Unterschiede bezüglich Schutzfaktoren und Lebensqualität zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen bei Asthma deutlich geringer waren als bei Adipositas und ADHS, kann als Hinweis gesehen werden, dass die Krankheit im Vergleich deutlich weniger von psychosozialen und stärker von körperlichen Aspekten bestimmt wird. Adipositas und ADHS hingegen scheinen aufgrund ihrer Symptomatik mit isolierenden und demotivierenden Komponenten stigmatisierender zu sein, was sich in niedrigeren Schutzfaktorwerten und schlechterer subjektiver Lebensqualität Betroffener widerspiegelt. Gleichzeitig geben die Ergebnisse Hinweise auf Ansatzpunkte für gezielte Interventions- und Präventionsstrategien: Während es bei Adipositas offenbar mehr darauf ankommt, familiäre Regelkreise zu durchbrechen, tragen bei ADHS eher psychoedukative und settingorientierte Maßnahmen in Familie und Schule zu einer Stärkung der individuellen Ressourcen eines Kindes, in der Folge zu einer besseren Lebensqualität und damit zu einer besseren Bewältigung der durch die chronische Gesundheitsstörung verursachten Belastungen bei.

Wesentliches für die Praxis ...

  • Wie gut ein Kind mit einer chronischen Krankheit/Gesundheitsstörung zurecht- kommt, hängt U. a. von seinen personalen, familiären und sozialen Schutzfaktoren ab und kommt in seiner gesundheitsbezogenen Lebensqualität zum Ausdruck.
  • Bei den drei häufigen chronischen Gesundheitsstörungen: Asthma, Adipositas und ADHS zeigen sich unterschiedliche Muster hinsichtlich Defiziten in Schutzfaktoren und selbsteingeschätzter Lebensqualität.
  • Asthma ist kaum noch mit Defiziten in den Schutzfaktoren und der Lebensqualität assoziiert und hat als vorwiegend körperliche chronische Erkrankung seine einschneidenden Belastungen offenbar weitgehend verloren.
  • Adipositas und ADHS gehen aufgrund ihrer stärker isolierenden und stigmatisierenden Komponenten stärker mit Defiziten in personalen, familiären und sozialen Ressourcen und mit Einschränkungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität betroffener Kinder und Jugendlicher einher.
  • Während es hinsichtlich Prävention und Intervention bei adipösen Kindern und Jugendlichen mehr darauf anzukommen scheint, familiäre Regelkreise zu durchbrechen, legen die Ergebnisse nahe, dass ADHS-Kinder eher von psychoedukativen und settingorientierten Maßnahmen profitieren würden, die helfen, ein Verfestigen von Konfliktfeldern in Familie und Schule zu verhindern oder bereits verfestigte Konfliktkonstellationen aufzubrechen.
  • Literatur
    1.
     Bergmann KE, Kamtsiuris P, Kahl H et al. (1998) Prävalenz von Krankheiten im Kindesalter. (Abstr.) Monatsschr Kinderheilkd 146: S120 und S251
    2. Cadman D, Rosenbaum P, Boyle M, Offord DR (1991) Children with Chronic Illness: Family and Parent Demographic Characteristics and Psychosocial Adjustment. Pediatrics 85: 267–276
    3. Erhart M, Hölling H, Bettge S, Ravens-Sieberer U, Schlack R (2007) Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) Risiken und Ressourcen für die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 50: 800–809
    4. Heukemes J (2005) Untersuchung der Lebensqualität von Kindern im Alter von sechs und neun Jahren mit allergischen Erkrankungen anhand der Daten der Multizentrischen Allergiestudie MAS. Magisterarbeit. Institut für Gesundheitswissenschaften, Technische Universität Berlin
    5. Hölling H, Schlack R, Dippelhofer A, Kurth BM (2008)
    Personale, familiäre und soziale Schutzfaktoren und gesundheitsbezogene Lebensqualität Chronisch kranker Kinder und Jugendlicher. Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 51: 606–620
    6. Kamtsiuris P, Atzpodien K, Ellert U, Schlack R, Schlaud M (2007) Prävalenz von somatischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys [KiGGS]. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 50(5/6): 686–70
    7. Kurth B-M, Schaffrath Rosario A (2007) Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys [KiGGS]. Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 50(5/6): 736–743
    8. Ravens-Sieberer U, Ellert U, Erhart M (2007) Gesundheitsbezogene Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Eine Normstichprobe für Deutschland aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 50: 810–818
    9. Schlack HG (2000) Sozialpädiatrische Aspekte chronischer Krankheiten. In: Schlack HG (Hrsg.) Sozialpädiatrie. 2. Aufl. Urban & Schwarzenberg. München, Jena: 279–282
    10. Schlack R, Hölling H, Kurth B-M, Huss M (2007) Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 50: 827–835


    Weitere Autoren: Robert Schlack, Angela Dippelhofer, Bärbel-Maria Kurth

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