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Erfassung sprachgestörter Kinder bei der U7a mit einem Elternfragebogen (SBE-3-KT)

Zusammenfassung
Einleitung: Mit der Einführung der U7a sollen U. a. sprachentwicklungsgestörte Kinder frühzeitig erkannt werden. Bislang steht aber kein einfach einsetzbares Verfahren zur Identifikation sprachgestörter Kinder im Alter von 3 Jahren zur Verfügung. Ziel der vorliegenden Studie war es, für den deutschsprachigen Raum einen Elternfragebogen zur Früherkennung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen zu erstellen.
Methode: Die Erarbeitung des Bogens erfolgte in mehreren Schritten. Zunächst wurde durch eine Elternbefragung eine Liste mit Wörtern und Satzbeispielen, die für dreijährige Kinder alterstypisch sind, erstellt. Durch eine Itemreduktion (U. a. Streichen selten vorkommender Wörter) entstand ein Bogen mit 400 Items, der an 1.000 Familien mit dreijährigen Kindern verschickt wurde. Anhand dieser Elternbefragung wurden für eine Vorversion diejenigen Items extrahiert, die am besten zwischen sprachunauffälligen und -auffälligen Kindern unterschieden. Die Items der Vorversion wurden durch eine Befragung einer gleichen Anzahl von Eltern erneut überprüft und weniger aussagefähige Items gestrichen. Die Endversion enthält 82 Wörter und 15 Grammatikfragen. Eine Normierung erfolgte für 32 – 40 Monate alte Kinder (Normierungstichprobe n = 1.743). Die Zuverlässigkeit der diagnostischen Aussage wurde durch eine ausführliche Untersuchung der sprachlichen Fähigkeiten von 91 Kindern überprüft.
Ergebnisse: Die Verteilung der Werte zeigte, dass mit dem Bogen eine gute Differenzierung im unteren Leistungsbereich gelingt. Wie erwartet, waren die Ergebnisse altersabhängig, und Mädchen erreichten höhere Werte als Jungen. Die Korrelationen zu Ergebnissen in anderen Sprachtests waren hoch signifikant. Die Grammatikskala erwies sich gegenüber der Wortschatzskala als diagnostisch deutlich aussagefähiger. Alle Kinder, die vom Untersucher als sprachgestört eingestuft wurden, hatten auffällige Werte auf der Grammatikskala.
Schlussfolgerung: Mit dem Elternfragebogen „Sprachbeurteilung durch Eltern: Kurztest für die U7a – SBE-3-KT“ liegt ein diagnostisches Instrument vor, das für die ambulante Praxis gut geeignet ist. Der Bogen ist an einer großen bevölkerungsbezogenen Stichprobe normiert und erlaubt eine recht zuverlässige Erfassung sprachauffälliger Kinder. Der SBE-3-KT ist frei verfügbar und im Internet abrufbar. Durch einen routinemäßigen Einsatz bei der U7a könnte eine deutliche Verbesserung der Früherkennung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen erreicht werden.
Schlüsselwörter: Sprachentwicklungsstörung – Früherkennung – Elternfragebogen – SBE-3-KT

Summary
Background: Recently a routine assessment of children at the age of 3 years has been established amongst others to improve early identification of children with developmental language disorders. However, there was no reliable diagnostic instrument suitable for paediatric practice. The goal of the study was to develop and standardize a parent questionnaire for identification of 3-year-old children with language impairment.
Methods and material: The parent questionnaire was developed step-by-step. First a large sample of words and utterances representative of children at age 3 was collected through parents questioning. Afterwards unsuitable items were deleted (E. g. infrequently used utterances). That way a questionnaire with 400 items was created and sent to 1,000 families with 3-year-old children. On the basis of this survey 175 items were extracted which differentiated best between language unimpaired and impaired children. In the next step a list with these 175 items was mailed to 1,000 parents and again those items were selected which differentiated best.. This resulted in the final version of the questionnaire consisting of 82 words and 15 alternative word combinations of differing complexity. For the questionnaire normative data were collected in a sample of 1743 monolingual German speaking children 32 to 40 months old. The diagnostic power was evaluated on the basis of a profound language assessment of 91 children.
Results: The spreading of the scores demonstrates a good discrimination of language abilities in the range of subnormal to normal skills. As anticipated older children scored higher than younger and girls higher than boys. The correlations of results from other language tests were highly significant. The diagnostic power was strong and the power of the grammer score greater than that of the vocabulary score. All children with language impairment according to an expert judgment scored subnormally on the grammer scale.
Discussion: The results prove that the parent questionnaire SBE-3-KT is a suitable diagnostic instrument for the use in paediatric practice. There are solid normative data and children with language impairment are identified with a high reliability. The SBE-3-KT is freely available via the internet. The routine use of the questionnaire could improve considerably the early identification of children with developmental language disorders.
Key words: developmental language disorder – early identification – parent questionnaire – SBE-3-KT

Sprachdiagnostik bei dreijährigen Kindern
In Anbetracht der Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten für die kognitive und emotionale Entwicklung eines Kindes ist eines der wesentlichen Ziele der U7a, Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen rechtzeitig zu erfassen. Die U7a war eingeführt worden, da sich in den 2 Lebensjahren zwischen der U7 und der U8 wesentliche Entwicklungsschritte vollziehen, deren Verzögerung bislang nicht rechtzeitig erkannt werden konnte. Für dreijährige Kinder gibt es inzwischen mehrere normierte Testverfahren, um deren Sprachentwicklungsstand zu beurteilen (Tab. 1). Diese Sprachtests sind jedoch in der Anwendung aufwändig (Durchführungsdauer ½–1 Stunde) und verlangen linguistische Kenntnisse und Erfahrungen bei der Anwendung standardisierter psychometrischer Verfahren. Für einen routinemäßigen Einsatz bei der U7a sind sie ungeeignet.

 

Den „Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder – SETK 3 – 5“ [6] gibt es zusätzlich als Kurzversion („Sprach­screening für das Vorschulalter – SSV“ [7]). Der Testteil für dreijährige Kinder dieser Kurzform besteht aus den zwei Untertests: „Phonologisches Arbeitsgedächtnis für Nichtwörter – PGN“ (Überprüfung der Fähigkeit zum Nachsprechen von Pseudowörtern) und „Morphologische Regelbildung – MR“ (Überprüfung der Fähigkeit zur Pluralbildung). Insbesondere das Nachsprechen von Pseudowörtern gilt als diagnostisch besonders aussagefähig und wird deshalb in vielen Sprachtests erfasst. Die Durchführung des SSV dauert etwa 10 Minuten, und auch die Auswertung nimmt nur wenig Zeit in Anspruch, so dass vom Zeitaufwand her ein Einsatz bei der U7a möglich wäre. Allerdings gibt es für die Anwendung als diagnostisches Verfahren bei der U7a einige Einschränkungen. Der SSV ist erst ab dem Alter von 3;0 Jahren normiert, und im Untertest PGN müssen recht schwierige Pseudowörter
(z. B. „Krapselistong“) exakt nachgesprochen werden, was auch völlig altersgerecht entwickelten dreijährigen Kindern oft noch nicht gelingt [13]. Als Fehler wird z. B. gewertet, wenn ein Kind „Kalifenn“ statt „Kalifeng“ oder „Nebatsubs“ anstelle von „Nebatsubst“ sagt. Insbesondere ist aber unklar, ob die Ergebnisse den Sprach­entwicklungsstand eines Kindes ausreichend widerspiegeln. Im vierten Lebensjahr entwickeln sich die sprachlichen Fähigkeiten eines Kindes rasant, jedoch unterscheiden sich die Ergebnisse im SSV von 3;0- bis 3;5-jährigen Kindern nicht von denen im Alter von 3;6 bis 3;11 Jahren. Die Sprachfortschritte werden im Testergebnis demnach nicht abgebildet, und für das gesamte vierte Lebensjahr werden einheitliche Normwerte vorgegeben. Auch ist ungeklärt, wie gut sich der Test für die Erfassung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen eignet. Überprüft wurde die Übereinstimmung der Klassifikation in sprachgestört versus unauffällig zwischen Kurz- und Langtest. Diese Übereinstimmung war recht hoch. Dies war auch zu erwarten, da der SSV aus 2 der 4 Untertests des SETK 3 – 5 besteht (Subtests für dreijährige Kinder). Rückschlüsse auf die diagnostische Treffsicherheit des SSV sind daraus kaum möglich, denn Sensitivität und Spezifität des SETK 3 – 5 bei der Erfassung sprachgestörter Kinder sind nicht bekannt.
Sprachtests haben auch als Kurzform den Nachteil, dass sie eine Mitarbeit der Kinder voraussetzen. Diese ist insbesondere bei zwei- und dreijährigen Kindern im Rahmen der kurzen Vorsorgeuntersuchungen nicht immer zu erreichen. Am einfachsten sind in der ambulanten Routine Elternfragebögen als Screening-Instrumente einsetzbar. Diese haben sich für die Früherkennung sprachentwicklungsverzögerter Kinder bei der U7 als sehr aussagefähig erwiesen (z. B. SBE-2-KT [15, 16]).
International gibt es zur Erfassung sprach­entwicklungsauffälliger Kinder auch für Dreijährige einen Elternfragebogen (MacArthur Communicative Development Inventory: Level III – CDI III). Dieser besteht aus einer Wortliste mit 100 Wörtern,
25 Grammatikitems und der Bitte an die Eltern, 3 der längsten Äußerungen des Kindes aufzuschreiben. Der CDI III ist für Kinder vom 30. bis zum 42. Lebensmonat normiert. Eine Überprüfung der Zuverlässigkeit bei der Beurteilung des Sprachentwicklungsstands ergab geringe bis mittlere Zusammenhänge zwischen den Skalen des CDI III und den Ergebnissen in Sprach­entwicklungstests bzw. den Ergebnissen einer Spontansprachanalyse (r = 0,26 – 0,49 [3]). Unklar ist, ob mit dem Bogen tatsächlich sprachliche Fähigkeiten beurteilt werden oder ob nicht eher die Intelligenz des Kindes erfasst wird. Die Korrelationen zwischen CDI III und einem Test zur Beurteilung der allgemeinen kognitiven Entwicklung waren mit r = 0,52 – 0,56 höher als die zu Ergebnissen in anderen Sprachtests.
Eine Überprüfung der diagnostischen Aussagefähigkeit des CDI III, d. h. von Sensitivität und Spezifität bei der Erfassung sprachgestörter Kinder, erfolgte bislang nicht.

Fragestellung
Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen [9] kam nach einer sorgfältigen Analyse entsprechender Publikationen zu dem Ergebnis, dass im deutschsprachigen Raum für das Alter von 3 Jahren derzeitig kein Untersuchungsinstrument zur Verfügung steht, das hinsichtlich seiner diagnostischen Treffsicherheit bei der Erfassung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen ausreichend überprüft ist. Aufgrund dieser Situation sollte im Rahmen der vorliegenden Studie ein Elternfragebogen entwickelt werden, der Sprachstörungen bei dreijährigen Kindern ausreichend zuverlässig erfasst und der so kurz ist, dass er ohne großen Aufwand in der ambulanten Praxis routinemäßig eingesetzt werden kann. Wegen der oben geschilderten offenen Fragen beim CDI III erschien eine einfache Übertragung dieses Bogens ins Deutsche wenig sinnvoll, weshalb ein neuer Test erarbeitet wurde. Dabei wurde nicht – wie beim CDI III – primär von linguistischen Überlegungen ausgegangen, sondern von der diagnostischen Treffsicherheit einzelner Items, die durch eine Überprüfung eines umfangreichen Itempools ermittelt wurde.

Vorgehen bei der Entwicklung des SBE-3-KT
Der SBE-3-KT wurde in mehreren aufeinander folgenden Schritten erstellt (Tab. 2).



Zusammenstellung einer
Langversion mit 400 Items

Um eine alterstypische Wortschatz- und Grammatikliste zu erstellen, wurden 3 verschiedene Fragebögen an jeweils 150 Familien mit Kindern im Alter zwischen 33 und 39 Monaten verschickt:

 

  • Elternfragebogen mit 1.019 Wörtern des Grundwortschatzes [2],
  • Elternfragebogen, in den typische Sätze des Kindes eingetragen werden sollten, und
  • Elternfragebogen mit 93 Grammatik­items, bei denen die Eltern ankreuzen sollten, welche der vorgegebenen Satzvarianten ihr Kind vorrangig benutzt.

 

Aus den Antworten wurde eine Gesamtliste erstellt, aus der alle Wörter gestrichen wurden, die von weniger als 50 % der Kinder gesprochen wurden, die regional unterschiedlich benutzt werden, die stark von den Erfahrungen oder den kognitiven Fähigkeiten eines Kindes abhängen, die Bezug zu bestimmten Jahreszeiten haben und die synonym verwendet werden. Aus der Grammatikliste wurden alle Grammatikfragen gestrichen, die von weniger als 25 % aller Kinder richtig gelöst wurden und die für 30 % der Eltern als schwer verständlich oder schwer zu beantworten angesehen wurden. Die verbliebenen Wörter und Fragen ergaben eine Langversion mit 400 Items (344 Wörter, 56 Grammatikitems).

Erstellen einer Vorversion des SBE-3-KT durch die Extraktion der aussagefähigsten Items aus der Langversion
Die Langversion wurde an 1.000 Familien mit Kindern im entsprechenden Alter verschickt. Nach der Auswertung der zurückgekommenen Bögen wurden aus der Wortliste alle Wörter gestrichen, die schlecht zwischen Kindern mit unterdurchschnittlichem (PR  < 10) und noch durchschnittlichem (PR 10 – 50) Wortschatz unterschieden (keine Chi-Quadrat-Signifikanz < 0,001), die von Jungen signifikant häufiger als von Mädchen gesprochen wurden oder umgekehrt (Chi-Quadrat-Signifikanz < 0,001) oder die mehr als 5 % der Kinder mit guten Grammatikkenntnissen (Prozentrang  > 50) nicht konnten. Von den Grammatikitems wurden diejenigen gestrichen, die von mehr als 10 % der Eltern als unverständlich oder schwer zu beantworten angesehen wurden oder die mehr als 10 % der Kinder mit gutem Wortschatz (Prozentrang > 50) nicht benutzten. Die so erstellte Vorversion enthielt insgesamt
175 Items (137 Wörter, 38 Grammatik­items).

Erprobung der Vorversion und Erstellen der Endversion des SBE-3-KT
Die Vorversion wurde wiederum an 1.000 Familien mit Kindern im Alter von 33 bis 39 Monaten verschickt. Zusätzlich wurden die Eltern gebeten anzugeben, wie sie den Sprachentwicklungsstand ihres Kindes selbst einschätzen und ob ihr Kind dem Kinderarzt, anderen Betreuungspersonen oder Bekannten hinsichtlich seiner Sprachentwicklung aufgefallen war.
Für die Endversion des Fragebogens wurden diejenigen Wortschatz- und Grammatikitems ausgewählt, die hoch sig­nifikant zwischen sprachauffälligen und sprachunauffälligen Kindern unterschieden (Chi-Quadrat-Signifikanz < 0,001). Als unabhängiges Außenkriterium für sprachauffällig bzw. unauffällig wurde die Einschätzung der Eltern herangezogen (Wie schätzen Sie die sprachliche Entwicklung Ihres Kindes ein? Ankreuzmöglichkeiten: dem Alter voraus – altersentsprechend – hinter dem Alter zurück – weiß ich nicht). Kategorisierungen aufgrund weiterer Fragen (Hinweise auf Sprachauffälligkeiten von Seiten des Kinderarztes, sonstiger Betreuungspersonen/Kindergärtnerin usw.) erwiesen sich als wenig aussagefähig und wurden deshalb nicht berücksichtigt.
Für die Endversion des SBE-3-KT verblieben 97 Items (82 Wörter, 15 Fragen zur Grammatik). Die Items betreffen nur sprachproduktive Fähigkeiten. Alle Items zum Sprachverständnis waren im Verlauf des Selektionsprozesses wegen einer zu geringen diagnostischen Treffsicherheit herausgefallen. Der SBE-3-KT ist recht kurz und kann schnell ausgewertet werden. Das Ausfüllen des Bogens durch die Eltern dauert etwa 5 Minuten, und für die Auswertung sind ca. 2 Minuten einzuplanen.

Normierung des SBE-3-KT
Für die Normierung wurden 2.986 Eltern von 32 bis 40 Monate alten Kindern angeschrieben (Rücklaufquote 72,5 %). Wie bei der Rekrutierung der Stichproben zur Konstruktion des Fragebogens wurden die
Adressen den Melderegistern von Gemeinden aus ganz Bayern entnommen. Nach dem Ausschluss von Kindern, die mehrsprachig aufwuchsen oder zum Zeitpunkt des Ausfüllens des Bogens jünger als 32 bzw. älter als 40 Monate waren, standen 1.743 Bögen für die Auswertung zur Verfügung.
Im Ergebnis zeigte sich, dass der SBE-3-KT im unteren Leistungsbereich sehr gut differenziert. Dies wird in Abbildung 1 und 2 daraus deutlich, dass die erreichten Punktwerte zwischen den Perzentilen 0 – 50 weit auseinander liegen. Die Differenzierung ist bis zum Alter von 37 Monaten am besten und wird im Altersbereich 38. – 40. Lebensmonat etwas schwächer. Kinder mit guten sprachlichen Leistungen erreichen vielfach die maximal möglichen Werte, so dass die 50. Perzentile im Bereich des oberen Grenzwerts liegt. Im oberen Leistungsbereich ist somit keine Zuordnung zu einzelnen Leistungsgruppen möglich, was mit diesem Fragebogen auch nicht beabsichtigt war. Die Ergebnisse erwiesen sich als unabhängig davon, ob der Bogen von der Mutter (n = 1.126), dem Vater (n = 86) oder beiden Eltern (n = 492) ausgefüllt wurde (Mann-Whitney-U-Test; Signifikanzniveau > 0,05). Die Korrelation zwischen dem Wortschatz- und dem Grammatik-Score war mittelhoch und hoch signifikant (rSp = 0,623, p < 0,001). Vergleichbare Korrelationen zwischen
Wortschatz- und Grammatikwerten wurden auch für andere Sprachtests berichtet (z. B. ELFRA-2 [14]).



Abb. 1: Perzentilränge für die Grammatikskala des SBE-3-KT
(maximal möglicher Grammatikwert: 15)


Abb. 2: Perzentilränge für die Wortschatzskala des SBE-3-KT
(maximal möglicher Wortschatzwert: 82)


Überprüfung der Aussagefähigkeit des SBE-3-KT
Das wichtigste Gütekriterium für einen psychometrischen Test ist die Validität, die einen Hinweis darauf gibt, ob ein Test tatsächlich die Eigenschaft misst, die zu messen er vorgibt. Um die Validität des SBE-3-KT zu belegen, ist nachzuweisen, dass sprachliche Fähigkeiten beurteilt und Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen mit ausreichender Zuverlässigkeit erkannt werden.
Konstruktvalidität liegt vor, wenn sich Hypothesen über Beziehungen der Testergebnisse zu anderen Eigenschaften bestätigen lassen. Von einem Sprachtest wird erwartet, dass die Ergebnisse altersabhängig sind und dass Mädchen besser als Jungen und Kinder aus einem großstädtischen Bereich besser als solche aus kleineren Orten abschneiden. Alle 3 Hypothesen ließen sich für den SBE-3-KT bestätigen. Die Wortschatz- und die Grammatikwerte erhöhten sich mit dem Alter signifikant (Kruskal-Wallis-Chi-Quadrat, Signifikanzniveau < 0,001) und lagen für Mädchen über den Werten für Jungen (Mann-Whitney-U-Test; Signifikanzniveau < 0,001). Neben kritischen Werten werden deshalb im Handbuch geschlechtsspezifische Normwerte (Prozentränge) angegeben. Die Werte im großstädtischen Bereich fielen etwas besser aus als die der Kinder aus kleineren Orten (Kruskal-Wallis-Chi-Quadrat, Signifikanzniveau für den Wortschatz-Score 0,05 und den Grammatik-Score 0,02).
Konkurrierende Validität wird durch einen Vergleich mit Ergebnissen in anderen Sprachtests ermittelt. Hierzu wurden 91 Kinder zusätzlich mit einem Sprachentwicklungstest (SETK 3 – 5 [6]) und einem Wortschatztest (AWST–R [11]) untersucht (31 Kinder mit einem unterdurchschnittlichen, 30 mit einem noch durchschnittlichen und 30 mit einem gut durchschnittlichen SBE-3-KT-Ergebnis). Alle Korrelationen zwischen den SBE-3-KT-Skalen und den SETK 3 – 5- bzw. AWST-R-Ergebnissen waren mittelhoch (rSp=0,423–0,632) und hoch signifikant (p < 0,001). Diese Korrelationen befinden sich in dem Bereich, wie er auch von anderen Autoren für die Übereinstimmung von Ergebnissen in unterschiedlichen Sprachtests gefunden wurde (z. B. [12]).
Für den klinischen Einsatz eines Sprachtests ist es am wichtigsten, ob sprachgestörte Kinder mit ausreichender Sicherheit erkannt werden (diagnostische Validität). Als „Goldstandard“ wurde bei der vorliegenden Überprüfung
(s. konkurrierende Validität) die klinische Diag­nose herangezogen, beruhend auf Anamnese, Sprachtestergebnissen (SETK 3 – 5; AWST-R) und der Beurteilung der Spontansprache. Der Untersucher hatte keine Kenntnis über das SBE-3-KT-Ergebnis (Verblindung). Vom Untersucher wurden 7,7 % der Kinder als sprachgestört eingestuft; nach den SBE-3-KT-Werten waren 15,4 % der Kinder sprachauffällig.

Der Elternfragebogen „Sprachbeurteilung durch Eltern:
Kurztest für die U7a – SBE-3-KT“ ist frei verfügbar und
kann mit allen Unterlagen (Normwerttabellen, Handbuch usw.) im Internet abgerufen werden unter:
undefinedwww.kjp.med.uni-muenchen.de/sprachstoerungen/sprachentwicklung.php


Dass der SBE-3-KT doppelt so viele Kinder als auffällig klassifiziert, ist dadurch bedingt, dass der Cut-Off-Wert mit 1 Standardabweichung unter dem Mittelwert (Prozentrang 16) relativ weit gefasst ist. Dieses Vorgehen beruht auf der Überlegung, dass mit einem Screening möglichst alle auffälligen Kinder erkannt werden sollen, wobei in Kauf genommen wird, dass einige Kinder falsch-positiv eingestuft werden. Im Ergebnis zeigte sich, dass anhand des Gesamt- und insbesondere des Grammatikwertes sprachentwicklungsgestörte Kinder mit hoher Zuverlässigkeit erkannt werden können (Sensitivität 83 bzw. 100 und Spezifität 93 bzw. 92). Die diagnostische Aussage des Grammatikwertes ist deutlich höher als die des Wortschatzwertes [17]. Alle Kinder, die aufgrund der ausführlichen Untersuchung als sprachgestört klassifiziert worden waren, zeigten im SBE-3-KT auffällige Grammatikwerte. Diejenigen Kinder, die anhand der Grammatikwerte „falsch-positiv“ zugeordnet worden waren, waren vom Untersucher als „im Grenzbereich liegend“ eingeordnet worden; sie waren demzufolge sprachlich nicht völlig unauffällig. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass der Grammatikwert sprachgestörte Kinder mit hoher Treffsicherheit erfasst (genauere Beschreibung s. [18]).


Wesentliches für die Praxis . . .

  • Der Elternfragebogen „Sprachbeurteilung durch Eltern: Kurztest für die U7a – SBE-3-KT“ ist ein Screeningverfahren, mit dem dreijährige Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen recht zuverlässig erkannt werden können.
  • Der Sprachbogen ist kurz und schnell auswertbar und kann somit bei der U7a unkompliziert eingesetzt werden.
  • Die Normierung erfolgte an einer großen bevölkerungsbezogenen Stichprobe, und die diagnostische Aussagefähigkeit erwies sich als hoch.
  • Da die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass bei einem Kind mit einem auffälligen SBE-3-KT-Befund eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt, sollte bei einem Unterschreiten des kritischen Wertes auf der gesamt- oder der Grammatikskala eine ausführliche Diagnostik erfolgen (weitere Sprachdiagnostik, einschließlich Überprüfung des Sprachverständnisses; Ausschluss von Hör-, Intelligenz- und autistischen Störungen).
  • Der Test ist frei verfügbar und kann mit allen Unterlagen (Normwerttabellen, Handbuch usw.) im Internet abgerufen werden [10].


Literatur
1. Angermaier MJW (1977) Psycholinguistischer Entwicklungstest – PET. Beltz Test, Weinheim
2. Bockrath A, Hubertus P (2008) 1250 wichtige Wörter. Ein Grundwortschatz. Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, Münster
3. Feldman HM, Dale PS, Campbell TF, Colborn DK, Kurs-Lasky M et al. (2005) Concurrent and predictive validity of parent reports of child language at ages 2 and 3 years. Child Dev. 76: 856 – 868
4. Fox AV (2006) TROG-D. Test zur Überprüfung des Grammatikverständnisses. Schulz-Kirchner, Idstein
5. Grimm H (2000) Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder – SETK-2. Hogrefe, Göttingen
6. Grimm H (2001) Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder – SETK 3–5. Hogrefe, Göttingen
7. Grimm H (2003) Sprachscreening für das Vorschulalter – SSV. Kurzform des SETK 3–5. Hogrefe, Göttingen
8. Grimm H, Schöler H (1991) Heidelberger Sprachentwicklungstest – H-S-E-T. Hogrefe, Göttingen
9. Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (2009) Früherkennungsuntersuchung auf umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache. IQWiG-Berichte 2009 Nr. 57. IQWiG, Köln
10. Kademann S, Suchodoletz Wv (2009) Sprachbeurteilung durch Eltern: Kurztest für die U7a (SBE-3-KT). undefinedwww.kjp.med.uni-muenchen.de/sprachstoerungen/sprachentwicklung.php
11. Kiese-Himmel C (2006) Aktiver Wortschatztest für 3- bis 5-jährige Kinder – AWST-R. Beltz Test, Göttingen
12. Plante E, Vance R (1994) Selection of preschool language tests: A data-based approach. Language, Speech and Hearing Services in Schools 25: 15–24
13. Sachse S (2007) Neuropsychologische und neurophysiologische Untersuchungen bei Late Talkers im Quer- und Längsschnitt. Dr. Hut, München
14. Sachse S, Suchodoletz Wv (2007) Variabilität expressiver Sprachleistungen bei zweijährigen Kindern erfasst mit dem ELFRA-2. Sprache – Stimme – Gehör 31: 118–125
15. Suchodoletz Wv (2009/2010) Ein Elternfragebogen zur Früherkennung von Sprachentwicklungsverzögerungen bei der U7. pädiat prax 74: 31–38
16. Suchodoletz Wv, Held J (2009) Früherkennung von Late Talkers bei der U7. Ist ein kurzer Elternfragebogen zur Früherkennung geeignet? Kinderärztliche Praxis (in print)
17. Tippelt S, Suchodoletz Wv (2009) Diagnostische Zuverlässigkeit eines Elternfragebogens für die U7a bei der Erfassung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen. 61. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin U. a. Gesellschaften vom 03. – 06. 09. 2009 in Mannheim
18. Tippelt S (2009) Evaluation eines Elternfragebogens zur Früherkennung von Sprachentwicklungsstörungen bei dreijährigen Kindern. Validierung des SBE-3-KT („Sprachbeurteilung durch ELtern – Kurztest für die U7a“). Diplomarbeit im Fachbereich Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München


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