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Die Stuttgarter AD(H)S-Familiensprechstunde für Kinder und Eltern

Hintergrund

Die AD(H)S-Diagnostik und -Betreuung des Kinder- und Jugendarztes sieht das Kind oder den Jugendlichen im Mittelpunkt. Dabei haben die Eltern häufig eine ähnliche Problematik wie ihre Kinder. Diese findet in der Regel keine besondere Beachtung. Wir wundern uns allenfalls, dass die Eltern, auch aus diesem Grund, in der Begleitung ihrer Kinder und im therapeutischen Prozess häufig überfordert erscheinen und die professionelle Unterstützung für die Kinder immer wieder an oft nicht richtig fassbare Grenzen stößt.
Wir wissen von Familienuntersuchungen, dass genetische Faktoren bei AD(H)S eine große Rolle spielen, häufig haben ein oder auch beide Elternteile von Kindern mit AD(H)S ebenfalls diese Störung [1]. Des Weiteren gibt es Untersuchungen, die nahelegen, dass Kinder mit AD(H)S von Eltern, die ebenfalls eine AD(H)S-Problematik haben, häufig schwerere Symptome der Erkrankung aufweisen, als Kinder von Eltern, die selbst nicht erkrankt sind [2].

Beispielhafte Fallbeschreibungen

Fall 1:

Die Eltern und das Umfeld haben, sowohl im Kindergarten als auch zu Hause, erhebliche Probleme im Umgang mit einem 6-jährigen Jungen. Dieser ist leicht ablenkbar, impulsiv, unruhig und zeigt ein oberflächliches Spielverhalten. Die Eltern versuchen mit unterschiedlichen Erziehungsstilen, den Jungen in den Griff zu bekommen. Dies ist ebenso ein zentraler Punkt in den immer wieder eskalierenden Konflikten des Ehepaares wie das, nicht nur in diesen Situationen, erheblich impulsive Verhalten des Vaters. Eine vom betreuenden Kinder- und Jugendarzt vorgeschlagene Medikation lehnt er strikt ab.

Fall 2:
Ein 9-jähriges Mädchen hat massive Schulschwierigkeiten in der 3. Klasse der Regelschule. Den Lehrern und auch den Eltern zu Hause fallen erhebliche Konzentrationsprobleme auf. Beide Eltern zeigen einen langjährigen Nikotinabusus, der Vater hat zusätzlich noch Alkoholprobleme. Auf genaues Nachfragen vertraut uns die Mutter an, dass es ihr zunehmend schwerer falle, ihren Alltag zu meistern. In ihrer Familie gebe es mehrere Personen mit diagnostizierten Depressionen.

Fall 3:
Die Eltern eines 12-jährigen Jungen berichten über deutliche „pubertäre Verhaltensmuster“. Bisher war eine seit einigen Jahren bekannte ADHS-Problematik unter Methylphenidat-Medikation und verhaltenstherapeutischer Begleitung kompensiert. Die Mutter sieht viele Parallelen zu ihrer Jugendzeit und berichtet von weiter bestehenden erheblichen Problemen, ihren Alltag strukturiert zu meistern. Die Eltern sind sich sehr unsicher, welche Maßnahmen diese Situation stabilisieren könnten.

Die Stuttgarter ADHS-Familiensprechstunde im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ)
In der Regel erfolgt die Diagnostik, Begleitung oder Therapie der Kinder und Jugendlichen durch den Kinder- und Jugendarzt ggf. unter Hinzuziehung eines Psychologen, einer Psychologin.
Liegen folgende zusätzliche Faktoren vor wie:

  • deutliche Hinweise auf ebenfalls bestehende ADHS-Symptomatik der Eltern mit erkennbaren Auswirkungen auf ihre Alltagsituation,
  • Hinweise auf Komorbiditäten der Eltern, z. B. Depressionen oder Sucht­probleme, oder
  • offensichtliche ausgeprägte Schwierigkeiten im familiären Umfeld in der Begleitung und Unterstützung des betroffenen Kindes oder Jugendlichen,

so besteht die Möglichkeit, nach Absprache mit den Eltern einen Erwachsenenpsychiater für eine gemeinsame Sprechstunde mit hinzuzuziehen. Diese findet in der vertrauten Umgebung des SPZs statt.

Der Erwachsenenpsychiater in der ADHS-Familiensprechstunde

Dieser kommt, nach Zustimmung der Eltern, zu einer gemeinsamen Sprechstunde dazu. Die Organisation liegt beim Kinder- und Jugendarzt und entlastet die Eltern an diesem Punkt.
Damit besteht – zunächst niederschwellig – die Möglichkeit einer ersten psychiatrischen Exploration, ggf. auch ersten Testung. Bei Bedarf wird ein Folgetermin beim gleichen Erwachsenenpsychiater vereinbart für einen oder beide Elternteile. Im Falle einer Diagnosestellung, z. B. AD(H)S mit Persistenz ins Erwachsenenalter, kann sich nahtlos eine psychiatrische, oft auch pharmakotherapeutische Behandlung anschließen. Weitere Möglichkeiten sind eine fundierte Beratung oder eine Vermittlung in weitergehende Maßnahmen: z. B. Psychotherapie oder spezifische sonstige therapeutische oder suchttherapeutische Angebote.

Wesentliches für die Praxis . . .
• Genetische Faktoren sind für die Pathogenese der ADHS bedeutsam.
• Eine ADHS-Symptomatik auch bei den Eltern erschwert oft die effektive
Behandlung der ADHS beim Kind.
• Eine mit den Eltern abgestimmte gemeinsame Beratung der Familie durch
Pädiater und Erwachsenenpsychiater in einer Sprechstunde erhöht oft die Wirksamkeit der Behandlung des Kindes mit ADHS.
• Die Stuttgarter ADHS-Familiensprechstunde liefert dafür ein Modell.

Schlussfolgerungen

Die AD(H)S-Problematik kann immer wieder nur unter aktiver Einbeziehung auch der Eltern innerhalb einer Familie stabilisiert werden. Abhängig von den lokalen Strukturen und Möglichkeiten ist die Expertise der Erwachsenenpsychiatrie einzubeziehen. Ein mögliches Modell kann die Stuttgarter ADHS-Familiensprechstunde in Form einer gemeinsamen Sprechstunde sein.
Die Kontaktaufnahme zu einem Psychiater in für die Eltern vertrauter Umgebung kann Berührungsängste verringern. Auf diese Weise wird, wie wir aus unseren bisherigen positiven Erfahrungen erkennen können, die Begleitung der betroffenen Kinder und Jugendlichen häufig effektiver gestaltet.

Weitergehende Überlegungen

Diese Sprechstundenform benötigt einen besonderen Rahmen, z. B. ein Sozialpädiatrisches Zentrum mit Kooperationspartner oder eine Spezialambulanz, und ist deshalb aus strukturellen und abrechnungstechnischen Gründen im regulären Ablauf einer Kinder- und Jugendärztlichen Praxis oder einer Ambulanzsprechstunde nicht einfach umzusetzen.
Möglicherweise lassen sich aber auch hier Wege finden, wie eine realistische Verzahnung zwischen kinder-/jugendärztlicher und Erwachsenenmedizin erfolgen kann. Der erste wesentliche Schritt ist sicher, diese umfassendere Sichtweise zu pflegen und daran zu denken.

Literatur
1.Krause und Krause (Hrsg.) (2013) ADHS im Erwachsenenalter. Schattauer, 4. Aufl., Stuttgart, New York
2.Agha SS, Zammit S, Thapar A, Langley K (2013) Are parental ADHD problems associated with a more severe clinical presentation and greater family adversity in children with ADHD? Eur Child Adolesc Psychiatry 22: 369 – 377


Korrespondenzadresse
Dr. Andreas Oberle, Ärztlicher Direktor
Klinikum Stuttgart
Pädiatrie 1 Sozialpädiatrisches Zentrum
Kriegsbergstrasse 62
70174 Stuttgart
E-Mail: undefineda.oberle(at)klinikum-stuttgart(dot)de
Tel.: 07 11/27 87 27 60
Fax: 07 11/27 87 24 29

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