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Sexuelle Gewalt im Chat

Der Chat als sozialer Raum der ­Begegnung von Kindern und
Jugendlichen


Die medialen Kommunikationsformen im Internet nehmen in der Freizeit von Kindern und Jugendlichen einen immer größeren Raum ein. Die unterschiedlichen Plattformen bieten die Möglichkeit, sich außerhalb von elterlicher Kontrolle zu treffen. Die wenigsten Eltern wissen, was ihre Kinder im Internet tun, mit wem sie dort Kontakt haben oder was dort geschieht. Wie selbstverständlich fragen Eltern ihre Kinder, mit wem sie sich wann und wo treffen, wenn sie das Haus verlassen, doch haben sie keine Ahnung, mit wem sich die Kinder im Internet treffen. Die wenigsten Eltern chatten selbst und können schwer nachvollziehen, was ihre Kinder im Internet tun.

Wie funktioniert chatten?

Unter chatten versteht man die direkte Kommunikation im Internet. Kinder und Jugendliche treffen sich nach der Schule in Online-Communities. Hier kommunizieren sie mit Personen, die sie auch „im wirklichen Leben“ kennen. Um mit einer anderen Person in Kontakt treten zu können, muss man diese als „Freund“ akzeptieren. Die Hemmschwelle, um anschreibende Personen als „Freunde“ zu akzeptieren ist sehr niedrig. Fragt man Kinder, wie viele Freunde sie haben, geht die Antwort häufig in den dreistelligen Bereich – es handelt sich hier nicht selten um „Freunde“, denen die Kinder nie begegnet sind. Oft werden erste Liebesbeziehungen über den Chat geknüpft, man „schreibt miteinander“, bevor es zu echten Begegnungen kommt.

Sexuelle Neugier von Kindern und Jugendlichen birgt die Gefahr der Ausnutzung durch Täter

Offene Chatrooms erlauben, mit jedem in Kontakt zu treten. Hier ist es noch einfacher, unter falscher Identität Kontakte anzubahnen. Die Neugier der Adoleszenten auf Sexualität trifft in den offenen Chatrooms häufig auf pädosexuelle Interessen. Jugendliche präsentieren sich in den offenen Chats mit Nicknames. Die Idee hinter diesen Nicknames von Seiten der Mädchen ist oft, mit Jungen in Kontakt zu kommen. Gerne werden Namen wie „Süße13“, „SexieGirl“ verwendet. Die Kinder berücksichtigen dabei nicht, dass das Internet von jedem nutzbar ist, die Angaben zur Person des Gegenübers nicht stimmen müssen und auch nicht überprüfbar sind. Der sexuelle Übergriff im Internet, die Viktimisierung, erfolgt schleichend. Die Opfer werden in einen Dialog verwickelt, der sich anfangs um deren Alltag und zunehmend um Sexualität dreht. In den nächsten Schritten erfolgt die Aufforderung, Bilder (pics) zu tauschen, sich bei laufender Webcam nackt auszuziehen oder zu befriedigen. Den Kindern werden Bilder sexuellen Inhalts geschickt. Schicken die Kinder Fotos von sich selbst, so ist die Gefahr groß, dass diese manipuliert, gespeichert und als kinderpornografisches Material ins Netz gestellt werden. Auch werden an Kinder Bilder geschickt, die den sexuellen Missbrauch an anderen Kindern zeigen.
Eine andere Variante ist, nach der ersten Kontaktaufnahme und dem sogenannten „grooming“, in dem Vertrauen auf einer falschen Identität basierend aufgebaut wird, ein Treffen zu verabreden. In den persönlichen Begegnungen kann dann der online vereinbarte Kontakt mit einem sexuellen Übergriff enden. Es ist davon auszugehen, dass etwa die Hälfte aller jugendlichen Chatter sich bereits mit Personen getroffen hat, die sie im Internet kennengelernt haben [5]. Gezielt wird bei sexuellen Übergriffen im Internet der Wunsch nach sozialen Beziehungen ausgenutzt.

Emotionale Folgen sexueller Viktimisierung im Chat sind von Scham und Schuldgefühlen geprägt

Die Opfer schweigen, da eigene Schuldgefühle immens sind. Sie wissen, dass sie in Versendung oder Erstellung von Bildern (Sexting) oder auch in gemeinsame Treffen naiv eingewilligt haben. Sie fühlen sich hilflos und ohnmächtig, entwickeln Schuldgefühle als Kompensationsform. Erlebte Traumatisierungen können sich in Scham- und Schuldgefühlen, Ekel am eigenen Körper, Flashbacks oder Blackouts äußern. Bilder von sexueller Ausbeutung an Kindern lösen Angst und Panik aus, da die Kinder sich mit den Opfern identifizieren. Eigene Schuldgefühle sowie Befürchtungen, nicht verstanden zu werden, verhindern eine Öffnung den Eltern gegenüber. Eine Studie der Hochschule der Medien in Stuttgart aus dem Jahr 2008 kam zu dem Ergebnis, dass 80 % der Eltern der untersuchten Gruppe Jugendlicher im Alter von 12 bis 17 Jahren nie kontrollieren, was die Kinder im Internet tun [2]. Die Bewältigung der erlebten Traumatisierung gestaltet sich schwer, da das Trauma fortbesteht, indem sich das Erlebte jeder Zeit im Netz reproduzieren lässt. Schamgefühle sind jeder Zeit wieder aktivierbar.

Die Täter können Gelegenheitstäter ebenso wie Pädosexuelle sein, die gezielt nach Kindern als Sexualobjekten suchen

Die Täter kommen aus allen Bevölkerungsschichten, leben mit oder ohne Beziehungen, sind auf der Suche nach neuen Reizen oder pädosexuell. Soziale Isolation oder bestehende Schwierigkeiten, adäquate Sexualkontakte zu leben, scheinen Prädiktoren für gezielte Opfersuche und Vernetzung in entsprechenden Foren im Internet. Viele der Täter sind noch jugendlich oder junge Erwachsene, die den Chat nutzen, um Erfahrungen zu sammeln.

Die Gefahr, dass Bilder und Informationen über Kinder und Jugendliche zu sexuellen Übergriffen an diesen führen können, ist immer zu berücksichtigen. Es sollte angeregt werden, in Schulen Lehrer, Schüler und Eltern zum Thema sexueller Missbrauch im Chat weiterzubilden und die Frage zu reflektieren, was ins Internet gehört und was nicht.
Eine gute Präventionsarbeit bedeutet, mit Kindern und Jugendlichen feste Regeln über das Verhalten im Netz zu vereinbaren. Ein Verbot der Internetnutzung fördert heimliche Handlungen und die Tabuisierung möglicher Übergriffe.
Medienkompetenz der Eltern führt zu einer gemeinsamen Sprache von Eltern und Kindern, sodass Eltern akzeptierte Kommunikationspartner in medialen Belangen für die Kinder sind. Chat-Regeln mit den Kindern sind zu vereinbaren. Den Kindern sollte erläutert werden, dass keine persönlichen Daten ins Netz gehören und dass auch nichts von den Angaben des Anderen stimmen muss. Man sollte Kindern nicht verbieten, sich mit Internet-Bekanntschaften zu treffen, um Heimlichkeit und Sprachlosigkeit zu vermeiden, sondern genaue Regelungen für einen solchen Fall vereinbaren. Kindern sollten ermutigt werden, darüber zu sprechen, wenn irgendetwas im Internet „komisch“ oder „merkwürdig“ war oder wenn sie nach sexuellen Dingen befragt wurden.
Sensibilität im Umgang mit persönlichen Daten und eindeutige Vereinbarungen über die Internetnutzung sind der beste Schutz gegen sexuelle Übergriffe im Internet.

Hilfreiche Links
undefinedwww.chatten-ohne-Risiko.net
undefinedwww.dunkelziffer.de
undefinedwww.hdm-stuttgart.de/grimm
undefinedwww.hdm-stuttgart.de/medienethik
undefinedwww.jugendschutz.net.de
undefinedwww.kindersindtabu.de
undefinedwww.klicksafe.de
undefinedwww.sprechen-hilft.de

Wesentliches für die Praxis . . .
• Sexuelle Gewalt im Chat stellt ein zunehmend wachsendes Problem dar.
Kinder und Jugendliche geben ihre persönlichen Bilder oder andere Daten oft unbedarft preis.
• Schnell können die Kinder hier Opfer von sexuellen Übergriffen werden, insbesondere dann, wenn es zu persönlichen Treffen kommt.
• Medienkompetenz der Eltern und Experten ist notwendig, um Kinder und Jugendliche vor diesen Gefahren besser schützen zu können.

Weiterführende Literatur
1.Die Kinderschutz-Zentren (Hrsg.) (2010) Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Ein altes Thema und seine neuen Risiken in der medialen Ära. Eigenverlag, Köln
2. Grimm P, Rhein S, Müller M (2010) Porno im WEB 2.0. Vistas, Berlin
3.  Hilkens M (2010) McSex. Die Pornofizierung unserer Gesellschaft. Orlanda Verlag, Berlin
4.  Innocence in Danger (Hrsg.) (2007) Mit einem Klick zum nächsten Kick. Aggression und sexuelle Gewalt im Cyberspace. Mebes & Noack, Köln
5.  Katzer C, Fetchenhauer D (2007) Cyberbulling: Aggression und sexuelle Viktimisierung in Chatrooms. In: Gollwitzer J, Pfetsch V, Schneider A, Schulz T, Steffke, Ulrich C (Hrsg.) Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen. Band I: Grundlagen zu Aggression und Gewalt in Kindheit und Jugend. Hogrefe, Göttingen S. 123 – 138
6. Richard R, Krafft-Schöning B (2007) Nur ein Mausklick bis zum Grauen … Vistas, Berlin

Korrespondenzadresse
Evelyn Heyer
Praxis für Kinder- und Jugendlichen-
psychotherapie und Supervision
Brandenburger Straße 6
34131 Kassel
E-Mail: undefinedpraxis(at)evelynheyer(dot)de
undefinedwww.evelynheyer.de

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