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Volle Pulle – und Flasche leer…

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden wegen ihres Alkoholkonsums  in Krankenhäusern behandelt. Laut einer Auflistung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahre 2011 mussten 26 349 Mädchen und Jungen zwischen zehn und zwanzig Jahren wegen akuten Alkoholmissbrauchs stationär behandelt werden. Für uns Kinder- und Jugendärzte ist es ein nahezu alltägliches Phänomen, dass immer mehr junge Menschen betroffen sind – Tendenz steigend. Zwischen 2000 und 2011 stieg in Bayern bei der Hauptdiagnose „Akuter Rausch“ der Anteil der unter Zwanzigjährigen um 210 %!
Alkohol kann ein Killer sein: 7,4 % der gesundheitlichen Störungen und vorzeitigen Todesfälle in Europa werden auf Alkohol zurückgeführt. Nach Tabakkonsum und Bluthochdruck steht der Alkoholismus damit an dritter Stelle als Ursache für vorzeitiges Sterben. In der EU ist Alkoholismus die häufigste Todesursache bei jungen Männern. Neben anderen Gründen hat dies gewiss auch etwas mit einem speziellen Risikoverhalten bei männlichen Jugendlichen zu tun. Eine BZgA-Erhebung weist für Alkohol-Erstkonsum auf ein Durchschnittsalter von 14 Jahren hin. Daraus ergibt sich, dass die ersten Weichen – im positiven wie im negativen Sinne – schon bei Kindern gestellt werden.
Wer kennt die Begriffe – und häufigen Anblicke in unseren Fußgängerzonen –  nicht, die einen kostengünstigen Frühstart in den Partyabend verheißen: Vorglühen, Gasgeben mit anschließendem Komasaufen, und der Kontrollverlust ist Programm! Unsere gesellschaftliche und ebenso behördliche Toleranz ist (im wahrsten Sinne) berauschend: kaum jemand schert sich um das Deutsche Jugendschutzgesetz ( § 9, JuSchG), wo es im Absatz 1 heißt, dass alkoholische Getränke weder „sonst in der Öffentlichkeit an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden“. Gerade nämlich der letzte Punkt wird von deutschen Ordnungshütern nur selten ernst genommen.
Selbstverständlich darf bezweifelt werden, ob generelle Sanktionen oder prohibitive Maßnahmen nachhaltig wirksam sind, doch zeigt das Beispiel von Nikotinverboten in vielen Ländern (siehe KiPra-Kolumne 2/2013) durchaus Erfolge. Denn es geht auch um das Einstiegsalter, weil beispielsweise Alkoholkranke ihr Verhalten leugnen, Entzugserscheinungen zeigen, immer trinkfester – also körperlich toleranter gegenüber dem Stoff – werden. Ihre Persönlichkeit verändert sich. Je früher nämlich diese Merkmale auftreten, desto schlimmer – je später, desto höher sind die Chancen, wieder davon loszukommen. Dies ist dem früheren Fußball-Nationalspieler Uli Borowka in zäher Auseinandersetzung mit seiner Alkoholkrankheit gelungen. Der seit 13 Jahren trockene Alkoholiker berichtet in seinem jetzt im Sommer 2013 vorgestellten Buch schonungslos über seine Alkoholsucht und erinnert sich an frühere Assoziationen seiner aktiven Profizeit: wenn ich siege, muss ich saufen. Neben noch mehr Dunkelziffern gibt es zahlreiche weitere prominente Beispiele, die ein turbulentes Leben (Helmut Rahn, Gerd Müller etc.) beschreiben zwischen Tor und Tresen, wo Alkohol ein ständiger Begleiter ihrer Karrieren gewesen ist. Es ist gut, wenn öffentlich über eine oft tabuisierte Problematik gesprochen wird und Aktivitäten zur Prävention bekannt werden.
Längst wird das Thema in pädiatrischen Kreisen sowieso nicht verharmlost, zumal bekannt ist, dass in Deutschland 10 % der Heranwachsenden zwischen 15 und 18 Jahren mittlerweile ein Alkohol-/Drogenproblem haben. Gerade unsere Kollegen in den Kliniken der Akutversorgung werden nicht selten mit Alkoholintoxikationen von 2 bis 3 Promille konfrontiert. In solchen Situationen weiß noch keiner, ab dies ein Ausrutscher oder gar die Spitze eines Eisberges gewesen ist. Auch wird damit regional höchst uneinheitlich umgegangen: Meldung an das Jugendamt wegen Vernachlässigung, verletzter Aufsichtspflicht der Eltern? Angebot psychologisch/psychotherapeutischer Hilfe? Denn jede Sucht (bzw. ihr vermeintlicher Beginn) hat eine Geschichte. – Bedenkliches Kopfschütteln, gepaart mit Unverständnis sind für Jugendliche wenig hilfreich, aber Auseinandersetzung und wiederholtes Sprechen umso eher, speziell bestückt mit Informationen über Gefahren übermäßigen Alkohol-Konsums mit der Folge chronischer Konzentrationsstörungen und weiterer gravierender negativer Folgen für junge Menschen (Vulnerabilität des wachsenden Gehirns).
Sogar viele Erwachsene, die eigentlich mit guten Beispielen vorangehen sollten, wissen nicht, wann aus einem risikoarmen Alkoholgenuss ein riskanter Konsum wird. So lohnt sich einmal mehr ein Click auf die vielen Downloads unter www.kinderaerztliche-praxis.de, wo die in der Praxis leicht anwendbare Checkliste zu riskantem Alkoholkonsum in der Adoleszenz (AlkoAdol von Noeker, Bonn) aktuell abrufbar bleibt.

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